In Tibet und der Mongolei weiden die Yakherden fast ohne jede Aufsicht; den ganzen Tag tummeln sie sich auf den Weideplätzen umher und werden nur über Nacht zu den Zelten ihrer Besitzer getrieben. Selbst gezähmt behält der Yak stets einen gewissen Grad von Wildheit, der sich vornehmlich durch Angriffslust gegen Fremde äußert. Gegen seine Bekannten benimmt er sich ziemlich freundschaftlich, läßt sich berühren, reinigen und vermittelst eines durch seine Nase gezogenen Ringes an einem Stricke leiten. Er dient hauptsächlich als Lasttier, daneben aber auch vielfach als Reittier. Über die unwegsamsten Pässe der Hochgebirge trägt er Lasten von 120–150 kg und vermittelt den Verkehr zwischen Tibet und China, der Mongolei und Nordindien. Nur auf sehr klippenreichen Pfaden ist er als Lasttier nicht zu gebrauchen, da dann seine schwere Last ihn hindert, über höhere Felsen zu springen. Im Westen reicht das Verbreitungsgebiet des gezähmten Yaks bis zur Bucharei, im Nordosten bis in die Mongolei und zu den nordöstlichen Nebenflüssen des Yang-tse-kiang. Auch in Südostsibirien werden vereinzelte Yaks gehalten. Als Gebirgstier fühlt es sich in Höhen unter 2000 m nur wenig behaglich; sonst gedeiht es auch ohne jegliche Pflege und ist äußerst genügsam. Die außerordentlich fette Milch gilt als sehr wohlschmeckend und ist überaus gesucht. Um den Milchertrag zu vermehren, hat man ihn mit dem Hausrind von Zebuabstammung gekreuzt. Solche Kreuzungsprodukte sollen am Südabhange des Himalaja zahlreich vorkommen und fruchtbar sein; dagegen scheinen die aus denselben wirtschaftlichen Gründen gezüchteten Bastarde mit dem Primigeniusrind Sibiriens unfruchtbar zu sein. Außer Milch und Fleisch werden auch die langen Haare verwertet, indem man sie zu groben Geweben verarbeitet. Sehr geschätzt sind die Schwanzhaare wie bei den Türkvölkern, so auch in China, wo sie zu mannigfachem Putz Verwendung finden. Der Yak ist schon so lange domestiziert, daß es bei ihm außer gefleckten und leucistischen sogar hornlose Rassen gibt.
Erst spät ist dieses Haustier der innerasiatischen Hochländer in Europa näher bekannt geworden. Die ersten Yaks, zwölf an der Zahl, die nach Europa gelangten, erhielt im Frühjahr 1854 die Ménagerie du Musée d’histoire naturelle in Paris. Da sie sich gut akklimatisierten und auch Nachkommen erzeugten, erhielten von Paris aus zahlreiche Tiergärten dieses Schaustück, das sich in unserm Klima besser hielt, als man hoffen durfte. Gleichwohl war die einst gehegte Hoffnung aussichtlos, den Yak als wertvolles und leistungsfähiges Haustier in unsern Gebirgsgegenden einzubürgern; denn hier liegen die Verhältnisse anders als in seinem Stammlande. Unsere Alpen und höheren Gebirge werden durch Rinder und Ziegen hinreichend ausgenutzt und der Verkehr mit Saumtieren ist mit der Entwicklung besserer Verkehrsmittel wesentlich eingeschränkt, so daß die Einführung des Yaks vom Standpunkte des Nutzens aus ganz zwecklos ist. Anders verhält es sich, wenn wir ihn als Luxustier in den von Fremden stark besuchten Gegenden einführen wollten, zumal ja die Tierwelt des Gebirges zum Bedauern jedes Freundes der Natur mehr und mehr verarmt. Da wären diese wie Gemsen kletternden Tiere eine prächtige Staffage und könnten noch als Last- und Reittiere Verwendung finden. Gar mancher Fremde fände es wohl ganz nett, einmal einen Yak statt eines prosaischen Maultiers zu besteigen, um sich in verkehrsarmen Gegenden in die hehre Bergwelt hinauftransportieren zu lassen. Wer weiß, vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, da ein unternehmender Hotelier auf den Gedanken verfällt und damit ein neues Zugmittel für das nach allem Neuen begierigen Publikum beschafft, das sich in der Folge weitgehender Beliebtheit erfreuen dürfte. Schon im Jahre 1850 versuchte man ihn in der Auvergne anzusiedeln; doch hielt er sich hier nicht auf die Dauer, weil der betreffende Privatunternehmer bald das Interesse an dieser Zucht verlor.
III. Die Ziege.
Nachdem das Rind zum Haustier des Menschen erhoben worden war, kam als weiteres Nutztier die Ziege hinzu, bei deren Domestikation sich jedenfalls auch religiöse Motive geltend machten. Eduard Hahn macht in seinem Buch über die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen die Bemerkung, durch die ganze Ethnologie gehe die Anschauung, den Göttern sei das angenehmste Opfer dasjenige, das am schwersten zu gewinnen sei und am schmerzlichsten entbehrt werde. Bei den Assyriern und allen vorderasiatischen Völkern galt allgemein das eben der Mutter entrissene junge Tier als das wertvollste Opfer. Das Zicklein und die junge Antilope auf dem Arm des opfernden Königs kehren bei jenen in der Darstellung immer wieder, so daß obige Anschauungen als tief im Volksglauben eingewurzelt gelten können. Dieser grausame Zug machte vor dem Menschen selbst nicht halt, insofern man in schwierigen Lagen nicht zögerte, seine eigenen Kinder zu opfern. Man denke nur an das Molochopfer der Phönikier, die Opferung Isaaks durch Abraham, die allerdings durch göttliche Vermittlung abgewehrt und durch das Opfer eines Ziegenbockes abgelöst wurde. Daß solche Opfer insbesondere von erstgeborenen Söhnen als der Gottheit besonders wohlgefällige Darbringungen galten, beweisen verschiedene Tatsachen aus der morgenländischen Geschichte, von denen nur diejenige des um 850 v. Chr. lebenden Königs Mesa von Moab genannt sei, der uns in seinem einst in seiner Residenz Daibon aufgerichteten Altarstein, der 1868 vom Franzosen Ganneau aufgefunden wurde und jetzt sich im Louvre in Paris befindet, das älteste bis jetzt bekannt gewordene Schriftdenkmal semitischer Buchstabenschrift hinterlassen hat. Er berichtet darin, daß er den Israeliten die Stadt Nebo weggenommen habe und alle Bewohner, insgesamt 7000 Personen, tötete. Als er später von den Israeliten in seiner Hauptstadt belagert wurde und in arge Bedrängnis kam, opferte er, um seinen drohenden Untergang abzuwenden, auf der Stadtmauer im Angesicht der Feinde seinen ältesten Sohn.
Ebenso verbreitet als das Kindesopfer war die später von milder denkenden Generationen aufgebrachte Vorstellung, daß es die Gottheit ebenso sehr freue, wenn man das ihr gefällige Opfer, statt es zu schlachten, ihr weihe durch Freilassen in ihrem heiligen Tempelbezirke. So erzählt Älian, die Koptiten in Ägypten hätten die weiblichen Wildziegen, die sie gefangen, der Göttin geweiht, d. h. sie in deren heiligem Bezirke ausgesetzt, die Männchen dagegen geschlachtet. War einmal ein solch kleiner Bestand besonders weiblicher Tiere vorhanden, von denen wohl eine größere Zahl trächtig war, so waren sie, wie auch die von ihnen in der Gefangenschaft geborenen Jungen, als der Gottheit geweihte Tiere deren Eigentum, das der Mensch unter allen Umständen respektierte. So gewöhnten sie sich an den Menschen, der ihnen je und je Futter darbot und dafür sorgte, daß sie sich in der für sie kaum merkbaren Gefangenschaft ruhig vermehrten. Je nach Bedarf holte er sich dann ein Zicklein als Opfer für die betreffende Gottheit, der die Herde gehörte. Auch die Milch der Mutter wurde zu sakralen Zwecken verwendet und sank erst auf einer späteren, praktischer denkenden Stufe zum Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens herab. Ebenso wurde außer dem Fleisch, das nach und nach auch zu profanen Zwecken verwendet wurde, das lange Haar dieses Tieres zur Herstellung allerlei grober Gewebe, besonders der Zeltdecken des Nomaden, wie auch von Kleidern verwendet, da es viel wetterbeständiger ist und weniger Wasser aufsaugt als die Schafwolle.
Die Stammutter der ältest domestizierten Ziegen ist die im Hügel- und Bergland von Südwestasien heimische Bezoarziege (Capra aegagrus), an der H. Pohlig beobachten konnte, welch hohe Empfänglichkeit sie für den Anschluß an den Menschen besitzt. In Djulfa sah er eine Wildziege mit ihren beiden Jungen sich in einem Gehöft einnisten und sich so an diese neue Umgebung gewöhnen, daß sie von ihren Ausflügen pünktlich zur Fütterungszeit zurückkehrten. Das Verbreitungsgebiet dieser Wildziege erstreckt sich von Afghanistan und Beludschistan über die Gebirge Persiens, Syriens und Kleinasiens bis nach Griechenland, wo sie einst so gemein war, daß sie den Ägäischen Inseln (vom griechischen aix, Stamm aig, die Ziege) den Namen gab. Bevor sie der Mensch dort ausrottete, müssen sie auf den Küstenbergen des griechischen Meeres sehr gemein gewesen sein, wie etwa auf der Kyklopeninsel, von der es in Homers Odyssee heißt:
„Der Ziegen unendliche Menge durchstreift sie,
Wilden Geschlechts, weil nimmer ein Pfad der Menschen sie scheuchet.“
Daß sie damals vom Menschen eifrig gejagt wurden, ist begreiflich. So wird in der Ilias geschildert, wie der Schütze ihr auf dem Anstand auflauert, bis das Tier aus dem Felsenversteck hervortritt. Alsbald trifft es der Pfeil von unten in die Brust, so daß es sich überschlägt und die Felsen hinunterfällt. Sein Fleisch wird als willkommene Beute gegessen und das mächtige Gehörn zu einem starken Bogen verarbeitet.