In seinem Buche über die Landwirtschaft schreibt der gelehrte Marcus Terentius Varro (116–27 v. Chr.), selbst Besitzer schöner Landgüter: „In den Gesetzen über die Kolonien steht geschrieben: Niemand soll Ziegen (capra) da weiden lassen, wo junge Bäume oder Sträucher stehen. An Saaten aller Art, namentlich aber an jungen Weinstöcken und Ölbäumen, können Ziegen gefährlichen Schaden anrichten. Um nun die Beeinträchtigung des Rebbaues durch sie zu sühnen, werden dem Gotte Bacchus, der den Weinbau erfunden, Ziegenböcke geopfert; der Minerva aber opfert man kein Ziegenvieh, weil es ihr wegen des Schadens, den es den Ölbäumen verursacht, verhaßt ist. Nur einmal im Jahre wird auf der Burg in Athen der Minerva eine Ziege geopfert, außerdem darf sich dort keine sehen lassen.“ Weiterhin bemerkt er, daß die Ziegen wie die Schafe in Herden von 50 bis 100 Stück gehütet werden, „doch haben sie die Eigenschaft, daß sie lieber in Wäldern und auf Bergen weiden als auf Wiesen; denn sie knuspern gern an Holzgewächsen. In einem großen Teile Phrygiens werden die Ziegen geschoren, weil sie lange Haare haben, und man verfertigt dort aus ihnen die sogenannten cilicischen Kleider. In Cilicien soll man zuerst die Ziegen geschoren haben.“ Schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt in seiner Tiergeschichte, in Lycien schere man die Ziegen gerade wie anderwärts die Schafe, und Älian schreibt ca. 200 n. Chr.: „Tut man Ziegen zu einer Schafherde, so gehen sie voran und führen dieselbe. Orthagoras sagt in seinen Indischen Erzählungen, im Dorfe Koytha würden die Ziegen mit getrockneten Fischen gefüttert.“ Jedenfalls lassen sich diese Tiere unschwer an Fleischnahrung gewöhnen. So werden sie wie auch die Kühe auf Island vielfach mit getrockneten Fischen gefüttert. Daß die Ziegenhaare als Gespinstmaterial lange nicht so geschätzt waren als die Schafwolle, beweist die übrigens auch in den Episteln des Horaz vorkommende Redensart: über Ziegenhaare zanken im Sinne von: über Dinge zanken, die dessen nicht wert sind.
Bild 17. Von einem Hirten mit zwei Hunden getriebene Ziegenherde von einem altgriechischen (böotischen) Henkelbecher des Theozotos. (Im Louvre.)
Das lange Verweilen im Haustierstande hatte schon damals zu verschiedenen Rassen geführt und auch hornlose Arten hervorgehen lassen. So tritt zur Römerzeit neben der altangesessenen kleinen Hausziege noch eine zweite Form auf, die in den Kolonien der Nordschweiz mehrfach Reste hinterließ und offenbar ziemlich verbreitet war. Es ist dies eine zweifellos aus dem Mittelmeergebiet stammende, durch bessere Lebenshaltung größere Ziege von gleichfalls Bezoarziegenabstammung, mit bedeutend stärkeren Hörnern. Auch zeigen die Hornzapfen im Verlauf und in der Oberflächenbeschaffenheit deutliche Unterschiede, die sich auch späterhin genau verfolgen lassen. Sie begegnet uns außer auf altgriechischen Münzen in bildlichen Darstellungen, z. B. einer großen Silberpfanne aus Vindonissa von zweifellos römischer Arbeit in Gestalt einer großhörnigen, langbehaarten Ziege, die dann besonders zahlreich in Begleitung römischer Kultur in das Gebiet nördlich der Alpen eindrang. Hier hat sie sich wie der Molosserhund und das kurzköpfige Rind, die sich zum Bernhardinerhund und zum Eringerrind umgestalteten, als ein Relikt aus der Römerzeit ziemlich rein in den entlegenen Tälern des Oberwallis in der schwarzhalsigen Walliserziege erhalten, die ein ausgesprochenes Gebirgstier ist. Der kräftig gebaute Körper trägt in beiden Geschlechtern im Vorderkörper eine tiefschwarze, im Hinterkörper eine schneeweiße Behaarung, wobei die beiden Farben hinter der Schulter in senkrechter, scharfer Begrenzung zusammenstoßen. Die Klauen der Vorderfüße sind schwarz, diejenigen der Hinterfüße dagegen weiß. Der Rücken ist vollkommen gerade, der Hals und der Kopf kurz, die Stirne breit. Neuerdings wird diese Rasse vom Oberwallis aus stark nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verbreitet.
Durch Zucht bedeutend weniger verändert und der Wildform noch recht nahe stehend ist die gemsfarbige Ziege von mittlerer Größe, dabei von kräftigem Bau. Ihr ganzer Körper ist mit kurzen, gemsfarbenen Haaren bedeckt, die auf dem Rücken und an den Schenkeln mitunter länger werden. Außer dem schwarzen Rückenstreifen sind Gesicht, Vorderbrust und Schultern ebenfalls dunkler gefärbt als der übrige Körper. Sie ist vorzugsweise eine äußerst geschickt kletternde Bergziege, die in den Zentralalpen sehr verbreitet ist, aber auch in anderen Gebirgsgegenden Europas, so in den Pyrenäen, in Süditalien, Griechenland, Bosnien und den Balkanländern, gehalten wird.
Während diese beiden Ziegenrassen der Wildform ähnliche Hörner tragen, ist die hornlose Ziege als Kulturrasse offenbar aus der vorigen hervorgegangen, und zwar schon im frühesten Altertum, da sie bereits von den alten Griechen und Römern gehalten wurde und als besonders milchergiebig galt. Diese zielbewußte Wegzüchtung des Gehörns ist hier wie beim Rind sehr wohl begreiflich; denn dem Menschen mußten die Hörner als Werkzeuge zu Zerstörung und Angriff bald unbequem sein, und außerdem wollte er den Organismus des von ihm vor allen Gefahren beschützten Haustiers vor aller Ausgabe von unnützem Bildungsstoff bewahren. Der mittelgroße Körper dieser hornlosen Ziege weist regelmäßige Formen auf mit verhältnismäßig langem Kopf, breiter Stirn und aufrechten oder etwas hängenden Ohren. An ihrem Halse kommen häufig glöckchenartige Anhängsel vor, die, wie wir hörten, bereits Columella erwähnt. Die Behaarung ist fein, am Rücken und Schenkel verlängert; die Färbung wechselt von Hellbraun bis zu Weiß. Stirn und Nasenrücken sind meist hellbraun, auch kommt ein dunkler Rückenstreifen vor. Diese Rasse ist in den schweizerischen Bergländern stark verbreitet. Am geschätztesten ist die Toggenburger Ziege von brauner Färbung, die aber als Rückschlagserscheinung bisweilen ein feines Gehörn besitzt. Dieser Schlag gilt als sehr milchergiebig und wird aus dem St. Galler Oberland stark nach Baden, Bayern, Sachsen und Holland exportiert. Die ebenfalls hornlose Saanenziege ist rein weiß oder gelblichweiß mit gleichfarbenem Flotzmaul und kommt in kurz- und langhaarigen Abarten vor. Sie stammt vom Oberlauf des Flüßchens Saane im Obersimmental (Berner Oberland) und hat sich über die ganze Schweiz verbreitet, da sie durchschnittlich 4 Liter Milch täglich gibt. Auch sie wird viel nach dem Auslande zur Aufbesserung der heruntergekommenen Stallziege oder zur Reinzucht exportiert. So wird sie in Reinzucht vom Ziegenzuchtverein in Pfungstadt gezogen und an Liebhaber in Deutschland verkauft.
Alle diese europäischen Rassen werden hauptsächlich der Milchnutzung wegen gehalten und verdienen in der Tat als Milchlieferanten der ärmeren Bevölkerung die weiteste Verbreitung. Da, wo sie das ganze Jahr im Stall bleiben und ohne sachgemäße Pflege behandelt werden, sind sie, besonders im Tiefland, weitgehend degeneriert. In den Mittelgebirgen dagegen, z. B. im Harz, wo sie wenigstens im Sommer auf die Weide getrieben werden, haben sich mit dem freieren, naturgemäßeren Leben schon bessere Schläge erhalten. Da aber, wo sie, wie in der Schweiz, den größten Teil des Jahres im Freien zubringen und im Gebirge, ihrem Lebenselement, herumklettern können und man ihrer Zucht von jeher größere Aufmerksamkeit schenkte, da treffen wir die weitaus edelsten, milchergiebigsten Rassen, die zur Reinzucht oder zur Auffrischung der verkommenen Schläge des Tieflandes die weiteste Verbreitung verdienen. Das hat man auch überall in Deutschland erkannt und handelt danach. Wenn es gelänge, durch Verbesserung des in Deutschland vorhandenen Ziegenmaterials von etwa 3 Millionen Stück einen Mehrertrag von auch nur einem halben Liter Milch pro Exemplar und Tag zu erzielen, so würde damit das Nationalvermögen in Deutschland nach Ulrich um nicht weniger als 30 Millionen Mark jährlich erhöht. Deshalb sollten nicht nur Private, sondern vor allem auch die Kommunen und der Staat zur Veredlung dieses so nützlichen Haustieres das ihrige beitragen.
Mit vollem Recht schreibt der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, Dr. Heck, im Tierreich: „In unserem Vaterland und den anderen europäischen Ländern ist die Ziege zwar überall zahlreich vorhanden, aber was sachgemäße Züchtung und Behandlung anlangt, neben dem Geflügel entschieden das am meisten vernachlässigte Haustier. In unserer zünftigen Landwirtschaft sieht man sie nicht so recht für voll an; die ‚Kuh des armen Mannes‘ nennt man sie halb scherzweise, halb verächtlich. Ich möchte aber diesen Spottnamen vielmehr als einen Ehrennamen in Anspruch nehmen: Kann es denn etwas Wichtigeres geben als ein milchergiebiges und billig zu haltendes Haustier für den kleinen Mann, den kleinen Bauer, den Handwerker und Tagelöhner auf dem Dorfe, den Fabrikarbeiter in der Vorstadt?! Gerade heutzutage, wo durch den Zustrom nach den Städten immer größere Massen des Volkes ins Proletariertum hinabsinken, das kein Heim mehr hat und nichts mehr sein Eigen nennt! Wie wohl täte die fette Ziegenmilch dem hohläugigen Armenkinde der Großstadt, das seinen Hunger notdürftig mit minderwertiger Abfallsnahrung stillen muß! Das ist freilich nicht zu verwundern, daß unter der ‚Pflege‘ der Armut bei kargem Futter, in schlecht verwahrtem Stall aus der Hausziege die fast sprichwörtliche ‚magere Zicke‘ wurde, deren Haltung kaum mehr lohnt; um so verdienstlicher ist es aber, wenn seit einigen Jahren landwirtschaftliche (Gräfin v. Mirbach-Sorquitten) und industrielle Kreise (meine Landsleute Dettweiler und Ulrich) die Bedeutung der Ziege für das Volkswohl erkannt und ihre Verbesserung energisch in die Hand genommen haben.“
Verhältnismäßig selten wird in Deutschland die Ziegenmilch zu Butter und Käse verarbeitet. Letzterer wird in Altenburg und anderswo, besonders auch in der Schweiz, in bis tellergroßen Scheiben von Fingerdicke auf den Markt gebracht und mit Kümmel und Salz gewürzt gegessen. Die bei der Gerinnung des Käsestoffs ablaufende zucker- und nährsalzreiche grünlichgelbe Flüssigkeit, die Molke, wird noch vielfach als Heilmittel für Brustkranke verwendet. Erwachsen kommt die Ziege als Schlachttier wenig in Betracht, obschon die Haut ein vorzügliches Leder für Damenschuhe und feinere Sattlerarbeiten liefert und die Därme für Saiten von Musikinstrumenten sehr gesucht sind. Schon Karl der Große befahl den Verwaltern seiner Güter, nicht bloß Herden von Milchziegen, sondern auch von Böcken zu halten, deren Hörner und Felle ihm abgeliefert werden sollten. Damals wurde auch das Fleisch der Böcke gern gegessen, teils frisch, teils aber geräuchert. Besonders aber dienten und dienen heute noch die Zicklein, soweit man sie nicht aufziehen will, als leckerer Braten. Außer dem trefflichen Fleisch liefern sie das beste Material für die Herstellung von Glacéhandschuhen, für die allein aus der Schweiz nach Frankreich, wo in Grenoble — dem alten Gratianopolis — in der Dauphinée das Hauptzentrum für diesen Fabrikationszweig besteht, jährlich etwa 300000 Stück ausgeführt werden. Die Ziegenhaare werden nur noch ausnahmsweise verarbeitet, dagegen dienen Ziegenfelle den Hirten auf Korsika und Sardinien als Bekleidung.