Den Wildziegen wird von seiten des Menschen eifrig nachgestellt, da ihr Fleisch einen ausgezeichnet schmackhaften Braten liefert, der an Rehbraten erinnert und ebenso zart und mürbe wie letzterer ist. Es wird entweder frisch genossen oder, in lange, schmale Streifen geschnitten, an der Luft getrocknet, um es später verwenden zu können. Das im Winter erbeutete langhaarige Fell wird von den Orientalen mit Vorliebe als Gebetteppich benutzt und, weil man seinen scharfen Geruch angenehm findet, hoch geschätzt. Das kurzhaarige Sommerfell wird zu Schläuchen verwendet, die im Morgenland allgemein als Behälter für Wein oder Wasser an Stelle unserer dort unbekannten Holzfässer dienen, und das Gehörn zu Pulverhörnern, Säbelgriffen usw. verarbeitet.

Ihren Namen hat übrigens die Bezoarziege von dem früher auch bei uns berühmten, heute noch überall in Westasien bis Persien als eine Gegengabe gegen Gift geschätzten und als eine Arznei für viele Krankheiten betrachteten, gelegentlich in ihren Eingeweiden gefundenen Steine, dem Bezoarstein. Dieser stellt einen Gallenstein dar und war den alten Schriftstellern unter dem Namen Pasen bekannt, welche Bezeichnung offenbar aus Pasang hervorging, einer der männlichen Bezoarziege in Persien beigelegten Bezeichnung.

Der älteste und wichtigste Bildungsherd der zahmen Ziege aus der Bezoarziege ist jedenfalls Westasien, das ja von sehr alten Kulturvölkern bewohnt war, die am ehesten imstande waren, die Domestikation vorzunehmen. Überall treffen wir sie bei diesen seit der jüngeren Steinzeit als Haustier an. In Mesopotamien wurde sie zur assyrischen Zeit vielfach abgebildet. Daß sie damals schon sehr lange im Haustierstande verweilt haben muß, geht daraus hervor, daß sie bereits hängeohrig war. Im alten Ägypten erscheint sie ebenfalls häufig in bildlicher Darstellung. Wir sehen sie die zum Holzfällen ausziehenden Arbeiter begleiten und die Blätter der gefällten Sykomoren und anderer Bäume abfressen. Sie wird stets mit einem Bart und der Bock mit einem stattlichen Gehörn abgebildet. Etwa einmal wird ein Zicklein geschlachtet, an den Hinterbeinen am Geäst eines Baumes aufgehängt und mit dem Messer zerlegt, um einen willkommenen Braten zu liefern. Die Ziegenzucht muß im alten Ägypten einen großen Umfang besessen haben und trat weit vor die Schafzucht, was wir sehr wohl begreifen, wenn wir bedenken, daß die Bewohner des heißen Ägypten vom Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends an nicht mehr Wollkleider, sondern die viel leichteren und angenehmeren weißen Linnenkleider trugen. Aus dem mittleren Reiche besitzen wir ein Dokument, worin einem Gutsherrn von seinem Oberschreiber 5023 Stück Vieh als Besitzstand angemeldet werden, worunter sich nur 924 Schafe, dagegen 2234 Ziegen und der Rest Rinder befinden.

Sagenhafte Überlieferungen, die weit vor die homerische Zeit zurückreichen, sprechen von einem Ziegenvolke, das von Kleinasien hervordrang und überall, wo es erschien, Angst und Schrecken verbreitete. Schälen wir den Grundgedanken der Sage aus der mythologischen Umhüllung heraus, so wird das wohl heißen, daß Griechenland die Hausziege in grauer Vorzeit von Westasien her erhielt. Hier wie überall sonst in den Mittelmeerländern hat sie als Begleiterscheinung einer primitiven Kultur willige Aufnahme und weite Verbreitung gefunden und in der Folge durch ihre Genäschigkeit und ausgesprochene Vorliebe für die Knospen und jungen Triebe von holzigen Gewächsen in Verbindung mit der Sorglosigkeit des sie haltenden Menschen als Verderberin des aufsproßenden jungen Waldes eine leider sehr verhängnisvolle Rolle gespielt.

In einer durch schlechte Haltung verkümmerten, kleinen Form treffen wir die Hausziege auch bei den neolithischen Pfahlbauern Mitteleuropas eingebürgert. Schon L. Rütimeyer wies darauf hin, daß in den Überresten der ältesten Pfahlbauten Ziegenreste viel häufiger als Reste des Schafes vorkommen, während dann mit dem Kulturaufschwung in der Bronzezeit das Verhältnis ein umgekehrtes wurde, d. h. die Ziegenzucht gegenüber der Schafzucht bedeutend zurücktrat, gleichzeitig aber auch die damals gehaltenen Ziegenrassen durch bessere Lebenshaltung größer und stattlicher erscheinen. Dieses Verhältnis in der Zucht beider Haustiere änderte sich hier auch in der Folge nicht. Wenn es auch noch zur Zeit Kaiser Karls des Großen viel Ziegen bei den Franken gab, so waren sie doch ziemlich weniger zahlreich als die Schafe. Dies drückt sich auch in dem uns erhaltenen Gesetzbuch der salischen Franken aus, laut dem das Schaf an Zahl die Ziege bedeutend überwog.

Bild 16. Ein zum Durchbohren der Felle gebrauchter Pfriemen der neolithischen Pfahlbauern der Schweiz, der aus dem Laufbein einer als Haustier gehaltenen Ziege verfertigt wurde. Auch Dolche wurden aus solchen Knochen hergestellt. (4⁄9 natürl. Größe.)

Bei den alten Griechen und Römern war die Ziege als Nutztier fast so beliebt als das Rind. Sie wurde besonders von der ärmeren Bevölkerung als Milch- und Fleischlieferant gehalten, wie sie ja heute noch die „Kuh des armen Mannes“ ist und als solche immer mehr zu Ehren gezogen zu werden verdient. Besonders in der älteren griechischen Zeit war die Ziegenzucht stark verbreitet. Zahlreiche uralte Namen, Abbildungen auf Münzen und die häufige Erwähnung in Sagen und in den homerischen Gesängen beweisen, daß ihr in älterer Zeit eine weit größere Bedeutung zukam, als später in der klassischen Zeit, da sich die Schafzucht wegen der Gewinnung der Wolle mehr in den Vordergrund drängte. Gleichwohl wurde sie auch dann noch häufig besonders von den Ärmeren gehalten und deren Milch nebst den Zicklein auf den Markt gebracht. Überall wurde die Ziegenmilch auch von der städtischen Bevölkerung gern genossen und aus dem Überschuß Käse bereitet. Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller Columella schreibt um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts über das Halten von Ziegen: „Den Ziegenbock (caper) und die Ziege (capella) hält man für vorzüglich gut, wenn an ihrem Halse zwei sogenannte Glöckchen hängen und wenn der Kopf klein ist. Man sieht es auch gern, wenn das Haar glänzend und lang ist, so daß man es scheren und Mäntel für Soldaten und Matrosen daraus anfertigen kann. Es ist besser, wenn das Ziegenvieh keine Hörner hat, weil es mit ihnen nur Schaden anrichtet. Es bekommt oft Zwillinge, auch Drillinge. Zur Zucht wählt man vorzugsweise das stärkste Zicklein von Zwillingen, behandelt es im übrigen wie die Schaflämmer. Die Mutterziegen schafft man im achten Jahre ab. — Der Ziegenhirt muß ein rüstiger, ausdauernder Mann sein, der mit Behendigkeit über Felsen klettert, durch Wildnis und Dorngebüsch hindurchgeht, denn das Ziegenvieh ist rasch und kühn. Kann man die Ziegenmilch nicht frisch zur Stadt schaffen, so verwandelt man sie in Käse. Für den Handel macht man diesen von ganz frischer Milch, die man durch Lab (aus zerkleinerten Mägen) von Schaf- oder Ziegenlämmern zum Gerinnen bringt. Man setzt sie in die Nähe des Feuers, so daß sie warm, aber nicht heiß wird, gießt sie, sobald die Käseteile festgeworden sind und sich ausgeschieden haben, in dicht geflochtene Körbe und läßt die Molken ablaufen, was man noch durch aufgelegte Gewichte befördert. Dann nimmt man die Käse aus den Körben, bestreut sie mit pulverisiertem Salz und preßt sie nochmals. Dies geschieht 9 Tage hindurch, dann wäscht man sie mit reinem Wasser, legt sie an einen schattigen Platz so auf Horden, daß einer den andern nicht berührt, und bewahrt sie später, wenn sie mäßig trocken sind, an einem vor Luftzug gesicherten Orte auf.“

Columellas Zeitgenosse Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, daß die Ziege in seltenen Fällen sogar 4 Zicklein bekomme und im Negerland 11, anderwärts aber meist nur 8 Jahre alt werde. „Kranke Augen kurieren sich die Ziegen selbst, indem sie eine Binsenspitze hineinstechen und sich so zur Ader lassen; die Böcke dagegen stechen sich einen Brombeerstachel hinein. — Mutianus erzählt ein merkwürdiges, von ihm selbst erlebtes Beispiel von der Klugheit dieser Tiere. Es begegneten sich nämlich zwei auf einer sehr schmalen Brücke, und da sie weder umeinander herum, noch zurück konnten, indem der Pfad zu eng und unter ihm ein brausender Waldbach war, der sie zu verschlingen drohte, so legte sich die eine nieder und die andere schritt über sie hinweg. — Nicht alle Ziegen haben Hörner; allein wenn sie da sind, kann man das Alter an der Zahl der Knoten erkennen. Die ungehörnten geben mehr Milch. Man sagt, die Ziegen sehen nachts so gut wie am Tage, und Leute, die am Abend schlecht sehen, müssen sich daher durch den Genuß von Ziegenleber heilen. In Cilicien und um die Syrten werden die Ziegen geschoren. Wenn die Sonne sich gesenkt hat, sollen sie sich auf der Weide so lagern, daß sie einander nicht ansehen, zu andern Tageszeiten aber so, daß sie sich ansehen, und zwar familienweise. Alle haben am Kinn einen Bart, und wenn man eine am Barte faßt und fortzieht, so sieht die ganze Herde staunend zu. Ihr Biß ist den Bäumen verderblich. Den Olivenbaum machen sie schon durch bloßes Lecken unfruchtbar und werden deshalb der Minerva nicht geopfert.“