Wie in Afrika ist die Ziege auch in Südasien ein wichtiges Haustier. In manchen Gegenden Ostindiens, wie besonders an der Malabarküste und bei den Malaien der Sundainseln, trifft man eine eigentümliche Ziegenrasse mit schafartigem Kopf, die von allen übrigen Rassen abweicht. Diese hat jedenfalls ziemlich viel Blut vom Tahr (Hemitragus jemlaicus) in sich, einer stattlichen, im Äußeren der echten Ziege sehr ähnlichen Halbziege, die im Himalaja in Höhen von 2000–2300 m lebt, aber in einer Abart auch auf den Blauen Bergen vorkommt. Dieses die hochgelegenen Bergwälder seiner Heimat bewohnende Tier erreicht eine Schulterhöhe von 0,9–1,0 m und eine Körperlänge von 1,45 m. Es hat einen langen Kopf mit schmalem, geradem Gesicht und schwach quergerunzelte, stark zusammengedrückte 0,3–0,38 m lange Hörner, die sich von der Wurzel an auseinander und stark nach rückwärts krümmen, an der Spitze jedoch einander etwas nähern. Es ist am Kopfe kürzer, am Körper länger behaart und trägt als alter Bock eine zottige Halsmähne. Die dunkelbraune Färbung geht im Gesicht und an der Vorderseite der Gliedmaßen fast in Schwarz über, auch läuft ein dunkles Längsband über den Rücken. Junge Tiere sind graubraun. Gleich den echten Ziegen bildet auch der Tahr Herden, in denen sich die im Winter paarenden Tiere, deren Weibchen im Juni oder Juli in der Regel je ein Junges werfen, den größten Teil des Jahres über nach den Geschlechtern getrennt halten. Da er sich leicht mit der Hausziege paart und, wie mehrfache Versuche ergaben, unschwer zu zähmen ist, ist das Auftreten von Bastarden, die zu neuer Rassenbildung führten, durchaus verständlich. Ein solches Produkt ist die von Ostindien bis Celebes gehaltene Malaienziege, ein hochbeiniges Tier mit entschieden schafartigem Kopf, breiten, hängenden Ohren und einem mäßig langen, im Bogen sich nach hinten wendenden, auffallend dicken Gehörn mit gerundeten Kanten. Die Querwülste der Hornscheiden erscheinen regelmäßig, breit und niedrig. Der wie derjenige des Tahr dunkelbraune, kurzbehaarte Kopf mit schwarzer Stirnbinde und kastanienbraunen, schwarz eingefaßten Ohren trägt lichtgelbbraune Augen, während der Leib schwarz oder schiefergrau gefärbt und bald kurz, bald lang und zottig behaart ist. Derselben Rasse gehört offenbar auch die kreuzhörnige Ziege von Tibet an, bei welcher sich die Hornspitzen nach innen wenden.

Amerika hat seine Ziegen durch die Europäer erhalten, und zwar waren Spanier und Portugiesen, dann Engländer und Franzosen an deren Import beteiligt. Erstere haben sie aus ihrer Heimat nach Südamerika, letztere dagegen nach Nordamerika gebracht. Nach Garcilasso kamen sie bereits 1544 nach Peru. Bedeutend früher waren sie in Mexiko eingeführt, das heute besonders in den nördlichen Staaten Ziegen in großer Zahl züchtet, um deren an der Luft getrocknetes Fleisch und Felle in den Handel zu bringen. In den Vereinigten Staaten ist die Ziegenzucht beschränkt, doch hat sich neuerdings in Kalifornien die Angorazucht eingebürgert. Auf den Antillen wird neben der von den Spaniern importierten gemeinen Hausziege auch die von den Negersklaven aus Westafrika mitgebrachte Zwergziege, die dem Tropenklima gut angepaßt ist, gehalten. Ebenso ist es in Brasilien, wo die Zwergziege, wie ihre westafrikanische Stammutter, kurzgehörnt ist und glatt anliegendes gelbrotes Haar besitzt mit einem über den Rücken verlaufenden schwarzen Streifen. Peru hat auffallenderweise heute nur wenig Ziegen, dagegen sind sie in den gebirgigen Teilen Chiles und Argentiniens zahlreich und hat dort die Verwertung von deren Fleisch und Fellen einen ziemlichen Umfang angenommen.

Australien hat sein Ziegenmaterial erst zu Ende des 18. Jahrhunderts, um 1788, zuerst aus Europa, dann aus Südasien erhalten; neuerdings hat man dort auch Versuche mit der Einbürgerung der Kaschmir- und Angoraziege gemacht, die im gebirgigen Südwesten von Erfolg begleitet waren. Sehr gut eingelebt hat sich die Angoraziege in Neuseeland, deren Bergweiden ihr vortrefflich zusagen. In den letzten Jahren hat sich der Export ihrer Wolle aus jenem Lande bedeutend gehoben.

Da sich die Ziege gegenüber dem Schaf durch größere Selbständigkeit auszeichnet, ist es erklärlich, daß sie sich gern selbständig macht und dann verwildert. Als geschickt kletterndes Gebirgstier weiß sie sich dabei geschickt den Verfolgungen von seiten des Menschen zu entziehen. So gab es schon im Altertum wie heute noch verschiedene schwach oder gar nicht von Menschen bewohnte Inseln im Mittelmeer und im Persischen Meerbusen, ebenso manche Gebirgsgegenden des Festlandes, die von solchen verwilderten Ziegen bewohnt waren. So spricht Varro von wilden Ziegen der Insel Samothrake, wie auch von den Gebirgen von Fiscellum und Tetrica in Italien, die zweifellos nur verwilderte Hausziegen und keine wildlebenden Bezoarziegen waren. Verschiedene der ägäischen Inseln und der Italien umsäumenden Eilande bargen schon im Altertum solche verwilderte Ziegen; von andern, die ihren Namen davon erhielten, wie Capreae (das heutige Capri) und Capraria (das heutige Capreja bei Sardinien), sind sie heute verschwunden. Auch die von Garibaldi nach seiner Internierung 1867 zurückgelassenen Ziegen traf Heinrich v. Maltzan schon nach kurzer Zeit verwildert. Die meisten wilden Ziegen von allen Mittelmeerinseln hat die nicht beständig von Menschen bewohnte kleine Insel Tavolara bei Sardinien, auf der nach Cetti bei Jagden im 18. Jahrhundert bis 500 Stück erlegt wurden. Auch in Irland und Wales verwilderten in manchen Gebirgsgegenden Ziegen, die dann in wenigen Generationen viel größere Hörner als ihre zahmen Ahnen erhielten.

Von den afrikanischen Inseln sind eine ganze Reihe mit verwilderten Ziegen besetzt. Die ältesten sind wohl diejenigen von Teneriffe, wo sie die Flanken des Vulkanberges bewohnen und die dunkelbraune Farbe des dortigen Gesteins angenommen haben. Von Fuerteventura, einer andern der Kanaren, erwähnt sie J. v. Minutoli. Älteren Datums sind auch die verwilderten Ziegen der Kapverden, die schon im Jahre 1576 sehr zahlreich waren. Der Naturforscher der Challengerexpedition, Moseley, traf sie auf St. Vincent; auch dort hatten sie die Farbe des umgebenden Gesteins angenommen und waren rotbraun geworden. Bald nach der Entdeckung setzten Portugiesen — vielleicht 1509 Fernan Lopez — Ziegen auf St. Helena aus, wo sie sich sehr rasch vermehrten, so daß ein Einsiedler im 16. Jahrhundert deren jährlich etwa 500 schoß, um von ihrem Fleisch zu leben, während er die Felle an ankehrende Segler verkaufte. Thomas Herbert erzählt 1627, daß sie durch die beständigen Nachstellungen von seiten des Menschen ungemein scheu und vorsichtig geworden waren und, wie ihre wilden Vorfahren, Wachen ausstellten. Zweifellos haben sie neben den verwilderten Schweinen das meiste dazu beigetragen, nachdem diese Insel des einst sie bedeckenden Waldes vom Menschen beraubt war, durch beständiges Abnagen der Knospen und jungen Triebe den jungen Nachwuchs zu zerstören, so daß kein Baumwuchs mehr aufkam und das Eiland zu dem öden Felsen wurde, als der er uns heute entgegentritt. Auch Tristan da Cunha, Inaccessible, Mauritius, Réunion (schon 1691 bei der Anwesenheit Leguats), die kleine verlassene Inselgruppe Amsterdam und St. Paul, wie auch Sokotra bergen in den Gebirgen des Innern verwilderte Ziegen, die vollkommene Wildfärbung mit Ausmerzung aller hellen Töne angenommen haben. Gleicherweise gibt es in der Inselwelt der Südsee da und dort verwilderte Ziegen, so u. a. am Mauna Loa auf Hawaii, noch von Vancouver herrührend. Besonders bekannt sind die verwilderten Ziegen auf der Insel Juan Fernandez durch Defoes Robinson geworden. Diese waren von Juan Fernandez selbst bei der Entdeckung der Insel im Jahre 1563 ausgesetzt worden. Durch diese Wildziegen bot die Insel in der Folge allen möglichen Piraten- und Kaperschiffen eine bequeme Ruhe- und Verproviantierungsstation; so haben sie auch dem Urrobinson Alexander Selkirk, dem Seefahrer Dampier und andern Fleisch geliefert. Im 17. Jahrhundert sollen französische Seeräuber dort sogar einen regelrechten Herdenbetrieb eingerichtet haben. Um den Piraten diese angenehme Fleischversorgung abzuschneiden, setzte die spanische Regierung 1675 Hunde auf der Insel aus, die sich aber nicht bewährten; denn die Ziegen flüchteten sich in die unzugänglichsten Teile der Insel, wohin ihnen die Hunde nicht folgen konnten. Als dann die Hunde durch Nahrungsmangel umgekommen waren, vermehrten sich die Ziegen wieder ungestört. Sie sollen lange, weiche Haare besitzen. Auch auf der Schwesterinsel Masa fuera gibt es verwilderte Ziegen. Auf den Galapagos sind sie, durch die dort vorhandenen wilden Hunde beschränkt, nur gering an Zahl. Auf den Falklandsinseln, wo es wilde Pferde und wilde Rinder gibt, die aus einer von Argentinien ausgesandten verunglückten Kolonisation hervorgingen, fehlen wilde Ziegen, da die Spanier bei der Besiedelung der Insel offenbar keine solchen mitgebracht hatten.

Da die Ziege durch ihre besondere Neigung zu Knospen und jungen Trieben von Holzgewächsen überall dem Waldnachwuchse verhängnisvoll wird, sah sich schon 1567 das Parlament von Grenoble gezwungen, in einem großen Bezirk der Dauphinée das Halten der Ziegen ganz zu verbieten. Doch war diese Maßregel undurchführbar, da die Leute dort eben einfach nicht ohne die Ziege und deren Milch leben können. So ging die Waldzerstörung ruhig weiter, bis die ganze Gegend zu jener kahlen, alles Kulturlandes baren Felswildnis wurde, die zu verhängnisvollen Überschwemmungen und Murbrüchen Veranlassung gab. Auch in Italien, Istrien, Griechenland, Kreta, Zypern, Kleinasien und Syrien, die einst reichbewaldete Gebiete waren, ist der Baumwuchs durch die Sorglosigkeit des Menschen verschwunden. Und wenn auch da, wo infolgedessen der Humus nicht weggeschwemmt wurde, neuer Wald wachsen könnte, kommt er überall dort nicht auf, wo die Ziegen weiden und die jungen Baumpflanzen zugrunde richten.

Außer den drei genannten ist keine der andern, übrigens auf die gebirgigen Gegenden der Alten Welt beschränkten Wildziegen gezähmt und in den Dienst des Menschen gestellt worden. Einzig der Steinbock (Capra ibex), der in unsern Alpen auszusterben droht, ist mit der Hausziege gekreuzt worden, um sein Dahinschwinden aufzuhalten. Alle Steinbockarten der europäischen wie der asiatischen Gebirge haben als echte Hochgebirgstiere ihren Ausgang von Hochasien genommen, wo der sibirische Steinbock (Capra sibirica) der Stammform wohl am nächsten steht. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das sämtliche Hochgebirge Zentralasiens von Sibirien bis zum Himalaja. Das Steinwild bildet Rudel von verschiedener Stärke, zu denen sich die alten Böcke nur während der Paarungszeit gesellen, während sie den übrigen Teil des Jahres ein einsiedlerisches Leben führen. Die Ziegen und Jungen leben zu allen Jahreszeiten in einem niedrigeren Gürtel als die Böcke, bei denen der Trieb nach der Höhe so ausgeprägt ist, daß sie nur Nahrungsmangel und grimmige Kälte zwingen kann, tiefer herabzusteigen. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und geradezu unverständlicher Sicherheit klettern sie über die steilen Felswände und springen über tiefe Abgründe von einer Klippe zur andern.

Früher, als es noch Steinböcke in unsern Alpen gab, paarten sie sich nicht selten freiwillig mit den auf den Alpenweiden grasenden Hausziegen. Die so erzielten Bastarde werden bald äußerst wilde, zudringliche Tiere, die dem Menschen keine Ruhe lassen, bis er sich ihrer auf irgend welche Weise entledigt. Aber selbst das Aussetzen dieser starken Tiere hat seine großen Schwierigkeiten. Echte Alpensteinböcke gibt es nur noch in einem vom Könige von Italien gehegten savoyischen Revier zwischen Monte Rosa und Mont Blanc. Nach den Kulturüberresten der Pfahlbauzeit lebte er damals noch in den Voralpen. Zur Römerzeit konnten noch hundert und mehr auf einmal für die Kampfspiele der Arena lebendig gefangen werden. So berichtet Julius Capitolinus, daß Kaiser Gordian im Jahre 242 für die Jagdspiele 200 Steinböcke (ibex) aus den Alpen nach Rom schaffte, und bei Flavius Vopiscus lesen wir, daß Kaiser Probus (reg. 276–282) zu den Jagdspielen zahlreiche Steinböcke nach Italiens Hauptstadt befördern ließ. Durch die rücksichtslose Jagd seit Erfindung der weitreichenden Schießgewehre ist dieses edle Wild heute fast überall ausgerottet worden. Seit hundert Jahren ist es in der Schweiz erloschen; in Salzburg und Tirol verschwand es noch ein Jahrhundert früher.