IV. Das Schaf.

Wohl bald nach der Ziege trat das Schaf in den Haustierstand des Menschen ein, überflügelte dann aber im Laufe der Zeit jene an wirtschaftlicher Bedeutung weit. Vielerorts ist es dem Gebirge, in dem seine Ahnen einst heimisch waren, getreu geblieben und erscheint dort meist in Gesellschaft der Ziege. Daneben hat es in der Gefolgschaft des Menschen in ungeheuren Scharen die trockenen Steppengebiete vornehmlich der Alten Welt bevölkert und ist hier zu einem eminenten Faktor im Haushalte des Menschen geworden, von dem sein Dasein in vielen Fällen geradezu abhängt. Daß der Erwerb dieses überaus genügsamen Haustieres schon in recht früher Vorzeit stattgefunden haben muß, dafür sprechen außer der weiten geographischen Verbreitung zu Beginn der historischen Periode die Spaltung in zahlreiche, stark voneinander abweichende Rassen und vor allem die völlige Umgestaltung des geistigen Charakters, die durch Vererbung so sehr gefestigt ist, daß keinerlei Rückschlag in die psychische Regsamkeit der wilden Ahnen möglich erscheint. So sehr hat es infolge der vielhundertjährigen Bevormundung durch den Menschen im Gegensatz zur Ziege alle eigene Initiative eingebüßt, daß es sein willenloses Werkzeug geworden ist. Wir begreifen daher, wenn Brehm seinen Charakter in folgender Weise schildert: „Das Hausschaf ist ein ruhiges, geduldiges, sanftmütiges, einfältiges, knechtisches, willenloses, furchtsames und feiges, kurzum ein langweiliges Geschöpf. Besondere Eigenschaften vermag man ihm kaum zuzusprechen; einen Charakter hat es nicht. Es begreift und lernt nichts, weiß sich deshalb auch allein nicht zu helfen. Nähme es der eigennützige Mensch nicht unter seinen ganz besonderen Schutz, es würde in kürzester Zeit aufhören zu sein. Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch macht die ganze Herde stutzig, Blitz und Donner, Sturm und Unwetter überhaupt bringen sie gänzlich aus der Fassung und vereiteln nicht selten die größten Anstrengungen des Menschen.“

In den Steppen von Rußland und Asien haben die Hirten oft viel zu leiden. Bei Schneegestöber und Sturm zerstreuen sich die Herden, rennen wie unsinnig in die Steppe hinaus, stürzen sich in Gewässer, selbst in das Meer, bleiben dumm an einer und derselben Stelle stehen, lassen sich widerstandslos einschneien und erfrieren, ohne daß sie daran dächten, irgendwie vor dem Wetter sich zu sichern oder auch nur nach Nahrung umherzuspähen. Zuweilen gehen Tausende an einem Tage zugrunde. Auch in Rußland benutzt man die Ziege, um die Schafe zu führen; allein selbst sie ist nicht immer imstande, dem dummen Tiere die nötige Leitung angedeihen zu lassen. Beim Gewitter drängen sie sich dicht zusammen und sind nicht von der Stelle zu bringen. „Schlägt der Blitz in den Klumpen,“ sagt Lenz, „so werden gleich viele getötet; kommt Feuer im Stalle aus, so laufen die Schafe nicht hinaus und rennen wohl gar ins Feuer. Ich habe einmal einen großen, abgebrannten Stall voll von gebratenen Schafen gesehen; man hatte trotz aller Mühe nur wenige retten können.“ Das beste Mittel, Schafe aus ihrem brennenden Stalle zu retten, bleibt immer, sie durch die ihnen bekannten Schäferhunde herausjagen zu lassen.

In gewissem Grade bekundet freilich auch das Schaf geistige Befähigung. Es lernt seinen Pfleger kennen, folgt seinem Rufe und zeigt sich einigermaßen gehorsam gegen ihn, scheint Sinn für Musik zu haben, hört mindestens aufmerksam dem Gedudel des Hirten zu, empfindet und merkt auch Veränderungen der Witterung vorher. Diese Unselbständigkeit des Schafes hat auch zur Folge, daß es niemals, sich selbst überlassen, wie die Ziege verwildert, sondern stets hilflos zugrunde geht. Seine grenzenlose Dummheit trug auch schuld daran, daß früher, solange es auch bei uns welche gab, Wölfe so schlimm unter diesen Tieren hausten, wenn sie einmal eine Schafherde überfielen oder die Hürden durchbrachen. Diesen Stumpfsinn muß es schon vor 2000 Jahren besessen haben; denn Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Das Schafvieh ist ausgezeichnet dumm. Scheut sich die Herde irgendwohin zu gehen, so braucht man nur eins am Horne hinzuziehen, so folgen die andern alsbald nach.“

Das Schaf liebt trockene und hochgelegene Gegenden mehr als niedere und feuchte. Am besten gedeiht es, wenn es verschiedenerlei getrocknete Pflanzen haben kann. Getreidefütterung macht es zu fett und schadet der Güte der Wolle. Salz liebt es sehr, und frisches Trinkwasser ist ihm ein unentbehrliches Bedürfnis. Die alten Römer ließen ihre Schafe zwischen Mai und Juni zur Paarung; in unsern nördlicheren Breiten geschieht dies von September bis Oktober. Dann werden die Lämmer, weil das Schaf 144–150 Tage trächtig geht, in der zweiten Hälfte des Februar geworfen und bekommen bald gutes, frisches Futter. Gewöhnlich bringt das Mutterschaf nur ein einziges Lamm zur Welt; zwei Junge sind schon ziemlich, drei sehr selten. Anfangs müssen die kleinen Tiere sorgfältig gegen Witterungseinflüsse geschützt werden, später dürfen sie mit auf die Weide gehen. Im ersten Lebensmonat brechen die Milchzähne durch, im sechsten Monat stellt sich der erste bleibende Backenzahn ein, im zweiten Lebensjahre fallen die beiden Milchschneidezähne aus und werden durch bleibende ersetzt; erst im fünften Jahre werden die vorderen Milchbackenzähne gewechselt und ist damit das Zahnen beendet. Das Schaf kann 14 Jahre alt werden, doch fallen ihm schon im 9. oder 10. Jahre die meisten Zähne aus, wodurch es unbrauchbar wird, weshalb es dann so rasch als möglich gemästet und geschlachtet werden muß. Alle Schafrassen lassen sich leicht untereinander kreuzen und pflanzen sich ohne Schwierigkeit fort; deshalb läßt sich das Schaf leicht veredeln. Es ist Wollieferant, aber auch hervorragendes Fleischtier geworden, selbst als Milchtier hat es an manchen Orten eine gewisse Bedeutung erlangt; daneben wird es auch zum Tragen von Lasten benutzt. In einzelnen Kulturkreisen, besonders da, wo eine Abneigung gegen das Schwein vorhanden ist, wird es speziell auf Fett gezüchtet. In diese letzte Kategorie gehören die bei allen Nomaden Asiens und Afrikas so beliebten Fettschwanz- und Fettsteißschafe.

Erst neuerdings ist einige Klarheit in die Herkunft der verschiedenen Schafrassen gekommen, die aus vier Quellen, nämlich einer nordostafrikanischen, einer westasiatischen, einer zentralasiatischen und einer südeuropäischen hervorgingen. Der Bildungsherd der ganzen Schafgruppe, die sich in geologisch gesprochen erst neuerer Zeit vom Stamme der Antilopen abzweigte, liegt offenbar in Asien, von wo sich die einzelnen Glieder über die gebirgigen Teile von Asien, Europa und das westliche Nordamerika verbreiteten. Alle Wildschafe sind echte Gebirgstiere, die sich nur in bedeutenden Höhen wohlzufühlen scheinen und teilweise über die Schneegrenze emporsteigen. Als solche sind sie geistig begabt, sie schätzen die Gefahr ab und verteidigen sich mit Mut. Die meisten derselben lassen sich, jung eingefangen, ohne Mühe zähmen und behalten ihre Munterkeit wenigstens durch einige Geschlechter bei, pflanzen sich auch regelmäßig in der Gefangenschaft fort. An Leute, die sich viel mit ihnen abgeben, schließen sie sich innig an, folgen ihrem Rufe, nehmen gern Liebkosungen an und können einen so hohen Grad von Zähmung erlangen, daß sie mit andern Haustieren auf die Weide gesandt werden dürfen, ohne solch günstige Gelegenheit zur Erlangung ihrer Freiheit zu benützen. Ihr Haarkleid ist ein nicht sehr langes, etwas grobes Grannenhaar, unter welchem im Herbst zum Schutze gegen die Kälte ein Wollkleid hervorsproßt, das im Frühjahr in Fetzen und Flocken abgelöst und durch Schütteln des Tieres entfernt wird. Unter dem Einfluß der künstlichen Züchtung hat sich bei den Hausschafen ein dauerndes, vliesartiges Wollkleid entwickelt, das den Wildschafen, aber auch gelegentlich zahmen Schafen fehlt. Ihr Schädel erscheint an der Stirn abgeflacht und trägt ein im Querschnitt dreikantiges Gehörn, das spiralig verläuft und bei den Böcken stark, bei den Weibchen nur schwach oder gar nicht ausgebildet ist. Das Euter der letzteren ist vierzitzig.

In Mitteleuropa erscheint das Hausschaf bereits in neolithischer Zeit, und zwar in einer merkwürdig kleinen Art, mit einer Schädelbildung und Hörnern, die mehr ziegenartig sind und an unsere heutigen Halbschafe erinnern. Es ist dies das Torfschaf (Ovis aries palustris), nach dem Finden seiner Überreste in den meist in vertorftes Gelände eingebetteten Pfahlbauüberresten so genannt. Schon L. Rütimeyer fiel es auf, daß seine Reste in den ältesten Pfahlbauten noch spärlich sind und erst später häufiger werden. Diese Tatsache konnte Th. Studer bestätigen. Erst mit der Bronzeperiode macht sich ein entschiedener Aufschwung der Schafzucht bemerkbar, indem damals zum erstenmal statt der althergebrachten Fell- und Pelzkleidung leichtere und angenehmer zu tragende Wollkleider bei den Bewohnern Mitteleuropas aufkamen, unter denen man allerdings ein grobgewebtes leinenes Hemd zu tragen pflegte.

Das Torfschaf der Neolithiker Mitteleuropas war ein kleines, fast zwergartiges Schaf mit feinen, schlanken Extremitäten, langgestrecktem, schmalem Schädel, wenig gewölbter Stirnfläche und zweikantigen ziegenartigen Hörnchen. Die Augenhöhlen traten verhältnismäßig wenig vor. Im Jahre 1862 machte dann L. Rütimeyer die überraschende Tatsache bekannt, daß das Torfschaf der Pfahlbauern noch nicht ganz erloschen sei, sondern in einem direkten und nur wenig abgeänderten, aber jetzt im Aussterben begriffenen Abkömmling in dem Bündner- oder Nalpserschaf weiterlebe. In dem vom Weltverkehr abgelegenen Bündner Oberlande hat sich dieses lebende Überbleibsel der schon längst abgelaufenen Pfahlbauzeit, nebst den Nachkommen des sonst überall verschwundenen Torfschweines der Neolithiker, bis auf unsere Tage erhalten. Die osteologische Übereinstimmung der Schädel beider Schafarten ist in der Tat eine höchst frappante. Die wichtigsten, wohl durch Domestikationsveränderungen zu erklärenden Abweichungen bestehen in einer ziemlich deutlichen Wölbung der Stirn und in einem weniger steilen Abfall des Hinterhauptes. Die knöchernen Hornzapfen sind bei beiden identisch, doch scheint das darauf gewachsene Gehörn beim Nalpserschaf etwas kleiner geworden zu sein. Die Ohren sind bei letzterem abstehend, verhältnismäßig klein, aber sehr beweglich. Das Wollkleid ist dicht, aber wenig lang, so daß der Wollertrag ungünstig ausfällt. Die vorherrschende Färbung desselben ist silbergrau, eisengrau, dunkelbraun bis ganz schwarz. Dunkle Exemplare haben häufig einen weißen Kopfstern und weiße Abzeichen an Schwanz und Füßen.

Der durch fortgesetzte planmäßige Zuchtwahl bei den übrigen moderneren Schafrassen erzielte Leucismus ist also bei diesem noch nicht erreicht worden. Das durchschnittliche Lebendgewicht desselben beträgt 28 kg. Der geistige Charakter der Tiere nähert sich als überaus altertümliches Merkmal demjenigen der Ziege. An Lebhaftigkeit in den Bewegungen, an Zutraulichkeit und natürlicher Intelligenz übertrifft diese Rasse alle andern Schafrassen. Während Rütimeyer noch Herden derselben aus den Nalpser Alpen erwähnt, hatte C. Keller 40 Jahre später (im Sommer 1900) Mühe, in Disentis noch ein gutes Exemplar reiner Rasse aufzutreiben. Am meisten soll diese Rasse zurzeit noch in den Vriner Alpen angetroffen werden, geht aber auch dort ein, da sie nach den Mitteilungen des bündnerischen Alpinspektors Solèr in Vrin gegenwärtig stark mit Walliserschafen gekreuzt wird. Nur wenige Ställe wiesen 1902 noch reines Blut auf. Keller hat damals noch eine kleine Kolonie reinrassiger Tiere beziehen können, die gegenwärtig im Tierpark des Sihlwaldes bei Zürich angesiedelt sind. Eine zweite Kolonie dieser letzten Mohikaner hat man in Flims untergebracht, um auch in Bünden noch eine Zuchtfamilie zu erhalten. Übrigens sollen auch einzelne primitive Schafrassen Irlands Zusammenhänge mit dem alten Torfschaf aufweisen. Auch wäre es möglich, in den abgelegenen Bergen Albaniens noch Überreste dieser sonst überall als an Wolle quantitativ und qualitativ minderwertigen und deshalb abgeschafften Schafrasse zu finden, worauf hiermit etwaige Reisende aufmerksam gemacht werden sollen.

Tafel 21.