Während das nordafrikanische Mähnenschaf, die Stammform der Rasse, ein stattliches Tier von 1,55 m Länge darstellt, ist das im Bündnerschaf uns mehr oder weniger rein erhaltene Torfschaf der Neolithiker durchschnittlich nur 0,84 m lang. Diese Verkleinerung der Rasse ist wohl Folge der schlechten Haltung und nicht in dem Sinne zu deuten, wie es Keller tut, der sagt: „Wir dürfen aber annehmen, daß die Auslese die kleinen Tiere begünstigte, weil sie für die Wanderung günstiger waren. Andere Schafrassen zeigen ja auch starke Größenunterschiede, asiatische und afrikanische Rinder weisen neben Riesenformen auch eigentliche Zwergformen auf.“

Der wichtigste Unterschied im Schädelbau des Mähnenschafes und des davon abzuleitenden Torf- beziehungsweise Bündnerschafes besteht darin, daß letzteres eine, wenn auch seichte Tränengrube besitzt, die ersterem völlig abgeht. Diese Eigentümlichkeit kann nur dadurch erklärt werden, daß das Torf- und das davon abstammende Bündnerschaf auf ihrem Wege vom Niltal nach Mitteleuropa etwas Blut der alsbald zu besprechenden Hausschafe von asiatischer Abstammung erhielt, die alle dadurch gekennzeichnet, daß sie wie ihr wilder Stammvater eine Tränengrube besitzen. Sonst steht die allgemeine Bildung des Schädels beim Torf- und Bündnerschaf wegen ihres ziegenartigen Charakters dem Mähnenschaf viel näher als irgend einem echten Wildschaf, nur die Stirnbeine sind beim Mähnenschaf flach, beim Torf- und Bündnerschaf dagegen gewölbt, was entweder Folge der Domestikation oder der Kreuzung mit asiatischen Schafrassen sein kann. Wie das Mähnenschaf das langgeschwänzteste Wildschaf ist, ist auch das Torf- wie das Bündnerschaf langschwänzig.

Von dem zum Teil hängeohrigen altägyptischen Hausschaf von Mähnenschafabstammung sind nur wenig veränderte Nachkommen im von den Nubierstämmen am oberen Nil, vorzugsweise den Dinkas, gehaltenen Dinkaschaf noch am Leben. Dieses trägt noch als Reminiszenz an seinen Ahnen einen mähnenartig an Hals und Vorderbrust herabfallenden Haarmantel; der übrige Körper ist kurz behaart, wie auch der lange, dürre Schwanz. Sein Gehörn ist durchaus ziegenartig, indem die kurzen, kräftigen Hörnchen sich dem Hals entlang scharf nach hinten wenden, um eine halbmondförmige Krümmung zu beschreiben. Die Färbung ist meist rein weiß, teilweise auch rotbraun oder weiß und schwarz gefleckt. Georg Schweinfurth fand dieses Schaf außer bei den Dinkas auch bei den Nuër und Schilluknegern.

Ein anderer Abkömmling des altägyptischen Hausschafes ist das ebenfalls stark bemähnte und vorwiegend weiß gefärbte Fezzan- oder libysche Schaf. Dessen dürrer Schwanz trägt am Ende wie sein Ahnherr, das Mähnenschaf, eine an einen Kuhschwanz erinnernde große Quaste.

Ganz den Charakter des altägyptischen Schafes, wie es uns an den Wänden der Grabkammern und als hieroglyphisches Zeichen abgebildet entgegentritt, weist das in den Gegenden am oberen Lauf des Niger lebende Nigerschaf. Dieses ist hochbeinig, besitzt einen Kopf mit Hängeohren und kleinen Ziegenhörnern und trägt ebenfalls am Vorderkörper an die Mähne des Mähnenschafs und der davon abstammenden ältesten Hausschafe Ägyptens erinnernde verlängerte Haare. Abkömmlinge von ihm verbreiteten sich bis nach Senegambien und dem Golf von Guinea.

Zweifellos enthalten auch die Senegalschafe, dann das hochbeinige, hängeohrige Guineaschaf, das Kongoschaf und das kropfige Angolaschaf oder Zunu vorzugsweise Mähnenschafblut, das aber mehr oder weniger stark mit solchem vom Fettschwanzschaf asiatischer Abstammung gemischt ist.

Der Stammvater dieses Fettschwanzschafes, das jetzt durch ganz Nordafrika, von Ägypten bis Marokko, verbreitet ist und vom Niltal aus nach Abessinien und zu den Somalis gelangte, wie aller asiatischer Hausschafe überhaupt, ist das transkaspische Steppenschaf oder der Arkal (Ovis arkal), der schon in sehr früher Zeit in Westasien zum Haustier erhoben wurde. Er ist kleiner als das Mähnenschaf, aber größer als das alsbald zu besprechende südeuropäische Muflon (Ovis musimon), von dem sich die Heidschnucken und Marschschafe ableiten. So sind denn die von jenem abstammenden langschwänzigen Hausschafe durchschnittlich größer als die von letzterem hervorgegangenen kurzschwänzigen. Am Schädel des Arkal ist wie an demjenigen der Hausschafe asiatischer Abkunft die Stirne schmal, die Hornzapfen liegen weiter auseinander wie beim Muflon, das dreikantige Gehörn ist hellfarbig, regelmäßig gewulstet und zwischen den starken Wulsten tief eingeschnitten, also mit dem Merinogehörn am meisten übereinstimmend. Die Tränengruben erscheinen tiefer als bei irgend einer andern Art. Die Augenhöhlen treten röhrenförmig hervor und sind mit ihrer Achse schief nach vorn gerichtet, ein Merkmal, das besonders beim chinesischen Schaf auffällt, das allerdings vorzugsweise ein Argaliabkömmling ist.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Wildschafen Asiens ist der Arkal kein Hochgebirgstier; er bewohnt vielmehr die niederen Vorberge und geht selbst bis zur Küste des Kaspischen Meeres herab, dessen Wasserspiegel bekanntlich unter dem Niveau des Mittelmeeres liegt. Mehr als alle anderen Wildschafe lebt er in größeren Herden von 60 bis 100, gelegentlich auch 200 Stück; vereinzelte Stücke werden nur selten angetroffen. Es ist ein wenig scheues, gutmütiges Tier, das sich leicht jagen und fangen läßt. Kein Wunder also, daß sich der Mensch schon früh seiner bemächtigte. Von ihm hochgezüchtete Fettschwanzschafe treten uns schon auf Reliefdarstellungen des 8. Jahrhunderts v. Chr. entgegen, so auf einer Platte aus der Zeit Tiglatpilesars II. um 745 v. Chr., die uns aus einer eroberten jüdischen Stadt durch Soldaten weggetriebene Schafe mit ansehnlichem Fettschwanz und kleinen Arkalhörnern zeigt. Solche Schafe, deren Hauptkennzeichen der mittellange, dicke und sehr breite Fettschwanz bildet, kannte schon der griechische Geschichtschreiber Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Er schreibt nämlich: „In Arabien gibt es ganz wunderliche Schafe. Die eine Rasse hat Schwänze von drei Ellen Länge (= 1,5 m), so daß man den Schwanz eines jeden Schafes auf ein Wägelchen binden muß, damit er nicht auf der Erde hinschleife, sich da abreibe und verwunde. Die andere Rasse hat Schwänze, welche eine Elle breit werden.“ Er meint damit in starker Übertreibung die beiden heute noch in ganz Westasien gehaltenen Fettschwanz- und Fettsteißschafe. Diesen beiden Schafarten wurden starke Fettansammlungen im Unterhautzellgewebe des Hinterteils angezüchtet, die bis 20 kg Gewicht erlangen können. Die asiatischen Nomaden, denen im Gegensatz zu den Ackerbauern die Haltung des Schweines als Fettspender in der Steppe unmöglich war, verlegten sich schon sehr früh darauf, bei Schafen von Arkalabstammung solche Fettwucherungen zu unterstützen. So erlangten sie das Fettschwanzschaf, das nach Osten bis Turkestan reicht. Dort greifen sie vielfach in das Gebiet der alsbald zu besprechenden Fettsteißschafe über und liefern in den jungen Tieren das als Astrachan, Krimmer oder Persianer geschätzte Pelzwerk. Dieses wird besonders von den Lämmern der Karakulrasse gewonnen, die in Chiwa, Buchara und westlich davon bis Astrachan gehalten wird.

Die Rassen des Fettschwanzschafes mit mittellangem Schwanz, bei denen der Schwanz höchstens bis zu den Hacken reicht, finden wir auf den vorhin erwähnten assyrischen Darstellungen des 8. vorchristlichen Jahrhunderts nie mit einem konvexen, sondern mit einem geraden Profil, ja auf dem im Berliner Museum befindlichen Feldlager unter Sanherib, der 705 v. Chr. seinem Vater Sargon als König von Assyrien folgte und bis 681 regierte, da er von seinen eigenen Söhnen ermordet wurde, finden wir deren Profillinie sogar etwas konkav. Diese gerade bis konkave Profillinie, die wir bei allen Wildschafen treffen, zeigt an, daß das erst mit einem unbedeutenden Fettschwanz versehene Schaf dem wilden Vorfahren noch recht nahestand. Erst als die Domestikation stärker eingewirkt hatte, wurde das Gesichtsprofil, wohl als Folge des Schwächerwerdens des Gehörns, konvex, Verhältnisse, die wir in gleicher Weise auch bei den Ziegen beobachten. Auch die Hörner, die vorwiegend beim Widder vorkommen und dem Weibchen gewöhnlich fehlen, deuten mit Sicherheit auf die Abstammung dieser Tiere vom Arkal, das als Steppenschaf der Domestikation weit leichter zugänglich war als eines der Hochgebirgsschafe. Die Hörner des Fettschwanzschafes sind kurz und halbmondförmig nach hinten und nach der Seite gekrümmt. Von den hierher gehörenden Rassen unterscheidet man das meist hell gefärbte, kurzwollige, bucharische Fettschwanzschaf, das von den Kirgisen und Tataren gehalten wird. Es kommt auch noch in Syrien und Palästina vor. Sein Fettschwanz erreicht hier teilweise einen solchen Umfang, daß er, wie Russel aus Syrien berichtet, am untern Ende durch dünne Brettchen, die gelegentlich mit Rädchen versehen sind, gegen Verletzungen geschützt wird. So konnte die schon von Herodot gemeldete Sage aufkommen, der Schwanz der morgenländischen Schafe sei so schwer, daß er auf Wägelchen gebunden werden müsse, damit sich die Tiere nicht beim Nachschleifen desselben verletzen. In Ägypten wird es durch das bis Abessinien verbreitete ägyptische Fettschwanzschaf mit ziemlich großem Kopf, langen und breiten Hängeohren und nur auf den Widder beschränktem Gehörn abgelöst. Beim tunesischen und algerischen Fettschwanzschaf ist der bis zum Fersengelenk reichende, tiefangesetzte Schwanz nur in seinem oberen Teil mit Fett durchwachsen, gegen die Spitze hin aber normal. Außer in ganz Nord- und Ostafrika hat sich dieses Fettschwanzschaf auch in Südafrika eingebürgert.

Tafel 25.