Das Mähnenschaf liebt die höchsten Felsengrate der Gebirge, zu denen man bloß durch ein Wirrsal zerklüfteter Stein- und Geröllmassen gelangen kann; deshalb ist seine Jagd eine höchst mühselige, ja oft gefährliche. Dazu kommt, daß sie nicht viel Gewinn verspricht; denn es lebt meist einzeln, und nur zur Paarungszeit, welche in den November fällt, sammeln sich mehrere Schafe und dann auch die Böcke, halten einige Zeit zusammen und gehen hierauf wieder auseinander ihres Weges. Die Araber sind große Liebhaber des Fleisches dieser Wildschafe. Das Fleisch steht dem des Hirsches sehr nahe. Aus den Fellen bereiten die Araber Fußdecken; die Haut wird hier und da gegerbt und zu Saffian verwendet.
Obwohl das Mähnenschaf zu den selteneren Tieren gezählt werden muß, wird es doch manchmal jung von den Gebirgsbewohnern in Schlingen gefangen und dann gewöhnlich gegen eine geringe Summe an die Befehlshaber der zunächstliegenden Militärstationen abgegeben. Im Garten des Gesellschaftshauses zu Biskra befand sich ein solches junges Tier, das an einer 5 m hohen Mauer, der Umzäunung seines Aufenthaltsortes, mit wenigen, fast senkrechten Sätzen emporsprang, als ob es auf ebener Erde dahinliefe, und sich dann auf dem kaum handbreiten First so sicher hielt, daß man glauben mußte, es sei völlig vertraut da oben.“
Irgendwo in Oberägypten muß in frühneolithischer Zeit dieses Mähnenschaf gezähmt und in den Haustierstand erhoben worden sein. Eine Schieferplatte des Museums von Gizeh aus der vorägyptischen Negadazeit aus der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends zeigt neben Rind und Esel starkgehörnte Hausschafe, die nach Keller wegen der noch vorhandenen Halsmähne ihrer Herkunft nach direkt auf das Mähnenschaf zurückweisen. Dieses Hausschaf der Negadazeit leitet direkt zum ältesten Hausschaf der Ägypter des Alten Reiches (2980 bis 2475 v. Chr.) über, das auch in späterer Zeit, so in Gräbern von Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.) mehrfach abgebildet wird. Damals, zur Zeit des Mittleren Reiches (2160–1788 v. Chr.) kommen bereits drei verschiedene Schläge dieser alten Rasse nebeneinander vor. Erst im Neuen Reich (1580–1205 v. Chr.), da an die Stelle der früheren Abgeschlossenheit infolge der wiederholten Feldzüge und ausgiebiger Handelsverbindungen eine regere Fühlung mit den vorderasiatischen Kulturreichen begann, wanderte eine neue asiatische Schafrasse in Ägypten ein, die nach und nach, wohl infolge der Gewinnung von mehr und besserer Wolle, die Oberhand gewann und die älteren Schafrassen von Mähnenschafabstammung verdrängte. Die damals mit großer Kunstfertigkeit in harten Stein gehauenen Widder, die in ganzen Reihen vor den Tempeln (z. B. von Karnak bei Theben) aufgestellt wurden und von beiden Seiten die Prozessionsstraße einfaßten, sind zweifellos diesen höher gezüchteten und deshalb höher geschätzten neuen asiatischen Abkömmlingen nachgebildet.
Bild 18. Altägyptisches Hausschaf des alten Reichs.
(Nach Darstellungen in Beni Hassan.)
Von Ägypten aus kam teils durch Überfälle und damit verbundenem Raub, teils durch Tauschhandel das altägyptische Schaf von Mähnenschafabstammung nach dem Innern Arabiens, wo es heute noch bei den konservativen Beduinen wenig verändert als Nedjeschaf gehalten wird, dann über Syrien und Kleinasien oder durch den regen Schiffsverkehr direkt zu den Vorläufern der Träger der alten Inselkultur des griechischen Archipels, den Mykenäern oder Minoern, die im zweiten vorchristlichen Jahrtausend eine sehr hohe, weitgehend von den Kulturen Vorderasiens und Ägyptens beeinflußte Kultur besaßen. Wir wissen heute aus verschiedenen Funden von Schafdarstellungen aus dieser mykenischen Zeit, daß die Träger der späteren Inselkultur ein dem Torfschaf der Mitteleuropäer sehr ähnliches Hausschaf mit ziegenartigem Gehörn besaßen und dieses dank ihren Handelsverbindungen sehr frühe an die verschiedenen Stämme Europas weitergaben. So ist in einer Zeit, die vielleicht vor diejenige des Alten Reiches in Ägypten fällt, das ziegenähnliche Hausschaf des Niltals bis zu den noch länger in der Steinzeit verharrenden Stämmen Mitteleuropas gelangt.
Auf einer mykenischen Elfenbeinschnitzerei, die 1879 in einem aus der Zeit jener alten Inselkultur stammenden Kuppelgrabe von Menidi in Attika gefunden wurde, sind sehr langköpfige zahme Schafe mit ziemlich langem Schwanz und ziegenartig zweikantigem, hinter dem Hals gebogenem, starkem Gehörn abgebildet, die durchaus afrikanische Mähnenschafabstammung verraten. Ganz dieselbe eigentümliche Bildung zeigen vier Schafköpfe, die in einen in Vaphio ausgegrabenen Amethyst aus mykenischer Zeit eingraviert sind. Es kann also durchaus kein Zweifel obwalten, daß die Schafrasse der Mykenäer vom Niltale, mit dem sie rege Handelsverbindungen unterhielten, stammte. Von dort gelangte diese zu den weiter nördlich wohnenden Stämmen, nachdem sie irgendwo mit Schafrassen asiatischer Abstammung gekreuzt war, was ja bei deren höherer Leistungsfähigkeit sehr nahelag.
Bild 19. Nach der Aussaat über den Acker getriebene Schafe im alten Ägypten. Diese sollten mit ihren Füßen die Samenkörner in den Boden treten.
(Nach Wilkinson.)
Schon um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wurde auch dieses Haustier neben dem andern Vieh in größeren Herden im gebirgigen Griechenland gehalten. In der Ilias spielen die Bergweiden mit den Scharen braunroter Rinder, weißer oder schwarzer Schafe und den „sich weit ausbreitenden Herden der meckernden Ziegen“ eine so wichtige Rolle, daß die Herrensöhne selbst als Oberaufseher dahin gesandt werden. Auf einer solchen Bergweide sprach Alexandros (Paris) den drei aufeinander eifersüchtigen Göttinnen das berühmte Urteil, das seinem Volke so verderblich werden sollte. In der Verkleidung eines Herrensohnes, der die Herden des Vaters beaufsichtigt, tritt Athene dem heimkehrenden Odysseus entgegen. Auf der Bergweide weidet nach dem homerischen Epos das Vieh tagsüber von bewaffneten Hirten und starken Hunden bewacht. Mit einem Stabe, den er wirft, verhindert der Hirt, daß sich die Tiere zu sehr zerstreuen. Am Abend werden die Herden in feste Pferche oder Ställe eingetrieben. Dort werden wie die Kühe und Ziegen, auch die Schafe gemolken, und in der Höhle des Zyklopen ist nach der Beschreibung des Odyssee eine regelrechte Käserei eingerichtet, in der die Milch seiner Schafe verwertet wird. Außerdem ist an den Schafen das Fleisch und vor allem die Wolle wertvoll. Damals war der Löwe noch mehr als der Wolf der Feind der Viehzucht, mit dem manch harter Kampf ausgefochten wurde. Auch der schleichende Panther wurde den Herden gefährlich und mit Hilfe einer Hundemeute wurden auch auf ihn Treibjagden abgehalten.