Den Winter verbringen die Wanderherden der Merinoschafe meist in der Estremadura, daneben auch in Andalusien und Neukastilien. Im Sommer ziehen sie nordwärts nach Altkastilien, Leon, Burgos usw. Dieses Wanderleben, an dem nur die edlen Zuchten teilnehmen, wirkt höchst vorteilhaft auf den Gesundheitszustand dieser Schafe ein. Die minderwertigen Zuchten gleicher Abstammung, wie z. B. das weitverbreitete, grobwollige Churraschaf, genießen keine Weideberechtigung und sind daher Standschafe geworden.

Das Wort Merino ist dem Spanischen entlehnt und bezeichnete ursprünglich einen vom König eingesetzten Richter, der in seinem Bezirk große Machtbefugnisse ausübte; insbesondere war er ein Weiderichter, der allerlei Anstände zu schlichten hatte, wenn die Hirten mit ihren Wanderschafen (oviejos transhumantes) von einer Gegend zur andern zogen. Er war also eine Art Schirmherr der Schafherden und sein Name wurde später kurzweg auf die Wanderschafe selbst übertragen. Die Merinoschafe sind mittelgroße Tiere mit starkem, im Schnauzenteil abgestumpftem Kopf. Das Gehörn ist kräftig entwickelt, schraubenförmig gewunden, dem Kopfe anliegend und mit starken Querwülsten versehen. Die Tränengruben sind tief, die Ohren schmal und zugespitzt, der Hals an der Kehle kropfartig verdickt, der Körper in den Beinen niedriggestellt. Das starke Wollvlies ist äußerst dicht und besteht aus Büscheln fein gekräuselter Wolle, die durch eine Ausschwitzung von Wollfett (Lanolin) verklebt sind.

Bild 20. Der Tuchscherer.
(Nach einem Holzschnitt von Jost Ammann.)

Diese das ganze Jahr im Freien zubringenden Tiere werden während des Weidebetriebs im Mai und Juni geschoren, nachher mit dem Stempel des Eigentümers versehen und zum Schutze der Haut mit einer ockerhaltigen Salbe bestrichen. Die Wolle wird sortiert, in besondern Waschanstalten gewaschen und das Wollfett daraus ausgezogen. Seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts breiteten sich die spanischen Merinos nach verschiedenen europäischen und später auch außereuropäischen Ländern aus, wobei das Produkt Spaniens zum Teil überholt wurde und berühmte Zuchten entstanden, wie die Rambouillets, Elektorals und Negrettis. Den Anfang damit machte Frankreich, indem 1706 eine kleine Zuchtherde durch Dauberton nach Montbard in Burgund gelangte. Weit wichtiger war der 1753 vollzogene Import von 400 Merinos zur Errichtung der Zuchtherde von Rambouillet. Der Transport der Tiere zu Fuß auf dem Landwege von Altkastilien nach ihrem Bestimmungsorte dauerte volle 41⁄2 Monate. Weiter wurde dann im Departement de l’Aisne der höchst wertvolle Stamm der Mauchampschafe mit langer, seidenartiger Wolle herangezüchtet. Im Jahre 1800 gab es in Frankreich bereits über 5000 dieser feinhaarigen Wollschafe. In Deutschland führte zuerst Sachsen das spanische Edelschaf ein; der erste Transport, bestehend aus 92 Böcken und 128 Mutterschafen, langte 1765 an. Dem Kurfürsten Friedrich August zu Ehren erhielten die sächsischen Merinos den Namen Elektoralschafe. In Preußen erfolgte die Einfuhr 1785. Österreich gründete 1772 in der Nähe von Fiume eine Pflanzschule spanischer Schafe; spätere Bezüge gelangten nach Mähren und Ungarn und waren Veranlassung einer intensiven Zucht. Gleichzeitig führte sie Italien und 1802 Rußland über Odessa nach dem Steppengebiet im Süden ein. Doch hatte im letzteren Lande bereits Peter der Große um 1715 deutsche Schafe zur Verbesserung der Wolle der russischen Schafe kommen lassen. Schweden hatte die Merinos schon 1753 eingeführt; doch mißglückte der Versuch völlig, sie in jenem Lande anzusiedeln. Noch großartiger als hier entwickelte sich die Merinozucht in Steppenländern außerhalb Europas, besonders in Australien, wo das Schaf, das heute dort das wichtigste Haustier bildet, erst im Jahre 1788 eingeführt wurde. In diesem Lande wurde in der Folge die Schafzucht die Grundbedingung des ganzen ökonomischen Aufschwungs des Landes, trug aber zugleich zum raschen Verschwinden der Ureinwohner viel bei. Letztere konnten nämlich in ihren kommunistischen Anschauungen nicht begreifen, daß sie kein Recht an den Schafen hätten, die doch die ihnen bis dahin zur Nahrung dienenden Kängurus verdrängten. So begann, als diese sich zur Stillung des Hungers an den Herden vergriffen, ein mit aller Scheußlichkeit geführter Vernichtungskrieg gegen sie, die bald zur Ausrottung der ganzen Rasse aus den Schafzucht treibenden Gegenden führte. Auf den ausgedehnten grasreichen Weideflächen gediehen die eingeführten Schafe so gut, daß der europäische Wollmarkt vom australischen Produkte förmlich überschwemmt wurde. Auch auf Neuseeland nahm die Merinozucht große Ausdehnung an. Ihr einziger Feind hier ist der mit dem Schwanz 50 cm lange Nestorpapagei, der sich bald daran gewöhnte, den Schafen große Wunden beizubringen, die vom Schmerz gepeinigten Tiere so lange zu quälen, bis sie eingingen, und dann von ihrem Fleische zu fressen, besonders aber deren Nierenfett herauszuholen.

Im Kaplande bürgerte sich die Merinozucht schon 1782 durch Vermittlung der Holländer ein. In England schlug die Einbürgerung dieser Schafrasse trotz mehrfacher Versuche fehl. Es scheint, daß das dortige Klima für sie zu feucht ist; denn die Merinoschafe verlangen trockene Luft und gedeihen in Steppen am besten. Auf den Sandwichinseln kommen sie nur mäßig fort, vorzüglich dagegen im Westen der Vereinigten Staaten, in Argentinien und Uruguay, wo gewaltige Herden dieser geschätzten Wollerzeuger weiden.

Ein weniger hochgezüchtetes Edelschaf asiatischer Abstammung als das Merino ist das der Stammform desselben noch recht nahestehende Sardenschaf, das sich auf der Insel Sardinien in einer starken Kolonie erhielt und augenscheinlich eine sehr alte Form des Hausschafes darstellt. Ebenfalls weniger veredelte Abkömmlinge des asiatischen Wollschafes von Arkalabstammung sind die langschwänzigen Zackelschafe, die in beiden Geschlechtern bald merinoartig gewundene, bald in langgezogener Spirale abstehende Hörner tragen. Von letzteren, die man als Zackenhörner bezeichnet, haben sie den Namen Zackelschafe erhalten. Dieser eigenartige Stamm mit grober Wolle nahm seinen Ausgangspunkt von Südosteuropa. Die wichtigsten Wohngebiete desselben sind Kreta, Mazedonien und die übrigen Balkanländer, das Donaugebiet bis nach Ungarn und Siebenbürgen. Das kretische Zackelschaf ist ziemlich groß mit kräftigen Beinen und vorwiegend schmutzigweißer Haarfarbe. Die Spitzen des in Spiraltouren nach rückwärts aufstehenden Gehörns stehen weit auseinander. Ähnlich gebaut, aber etwas kleiner und mit beinahe wagrecht auseinander stehenden Schraubenhörnern versehen, die beim Widder länger als beim Mutterschaf sind, ist das ungarische Zackelschaf. Sein Fleisch gilt als sehr schmackhaft. Die grobe Wolle wird zu Teppichen, Decken und groben Zeugen verarbeitet. Die gegerbte Haut liefert ein weiches Leder. Nahe verwandt mit ihm ist das mazedonische Zackelschaf.

Abkömmlinge der osteuropäischen Zackelschafe drangen früher auch nach Westeuropa vor. Sie spielten unter den früheren wirtschaftlichen Verhältnissen eine gewisse Rolle, sind aber gegenwärtig meist stark im Rückgang begriffen. Dahin gehören das jetzt selten gewordene bayerische Zaupelschaf, das pommersche und hannoversche Landschaf und als westlichster Ausläufer das englische Norfolkschaf, das früher wegen seiner Genügsamkeit eine große Verbreitung besaß. Diesen Zackelschafen nahe verwandt ist das in der Bergregion des Oberwallis stark verbreitete, ganz schwarze oder schwarz und weiß gefleckte Walliserschaf. Es erinnert an das Norfolkschaf. Sein ziemlich starkes Gehörn ist spiralig ausgezogen und von dunkler Färbung; neben behörnten kommen aber auch hornlose Individuen vor. Ein Abkömmling dieses Walliserschafes ist das hornlose Frutigerschaf im Berner Oberland.

Ein diesem Formenkreis zugehörender starker Seitenzweig von hornlosen langschwänzigen Schafen umfaßt das stattliche, meist hängeohrige Bergamaskerschaf, daß in den nach Süden mündenden Tälern des mittleren Alpengebietes gehalten und auf den hohen Alpweiden gesömmert wird, dann das diesem ähnliche paduanische und steirische Schaf. Entferntere Ausläufer sind das südfranzösische und englische Bergschaf, dann das Rhön- und Thüringer Schaf.

Mit Schafen dieser asiatischen Arkalabstammung haben wir es stets zu tun da, wo bei den alten Schriftstellern von Schafen überhaupt die Rede ist. Von ihm schreibt der römische landwirtschaftliche Schriftsteller Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.: „Das Schaf ist ein äußerst nützliches Tier, es gibt uns Kleidung, Käse, Milch und verschiedene Gerichte. Am besten ist die weiße Wolle, weil man sie beliebig färben kann.“ Sein Zeitgenosse Plinius bemerkt: „Großen Wert hat das Schaf als Opfertier und wegen des Gebrauchs, den wir von seiner Wolle machen. Es gibt zwei Hauptrassen: die eine ist weichlicher und wird mit einer Decke belegt, welche man in bester Sorte aus Arabien bezieht, die andere Art ist die gemeine. In Syrien gibt es Schafe mit ellenlangen Schwänzen.“ Damit meint er die schon damals dort gehaltenen Fettschwanzschafe. Der drei Menschenalter vor diesen lebende gelehrte Römer Varro sagt: „Die tarentinischen und attischen Schafe haben eine wertvolle Wolle und werden mit Pelzen bedeckt, damit sie nicht schmutzig werden. Nach der Schur wird das Schaf mit Wein und Öl gesalbt, wozu einige auch weißes Wachs und Schweineschmalz nehmen. Wunden, die das Tier bei der Schur bekommt, werden mit Teer bestrichen. Es gibt auch Leute, welche die Schafe nicht scheren, sondern rupfen, was früher allgemein üblich war.“ In der Tat ist das Ausrupfen der Wolle die von Völkern auf primitiver Kulturstufe stets geübte Sitte, die wir auch den Pfahlbauleuten der späteren Steinzeit zuschreiben dürfen. Womit sonst als mit den Fingern hätten sich diese die Wolle ihrer noch wenig hochgezüchteten Schafe holen können! Heute noch wird allgemein von den Arabern die Kamelwolle mit den Händen ausgerupft und nie mit der Schere entfernt. Der zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Schriftsteller Älian berichtet: „Die lydischen und mazedonischen Schafe sollen mit Fischen gefüttert und von dieser Kost fett werden.“ Wir haben früher gesehen, daß solches Futter heute noch auf Island an die sonst ausschließlich Gras fressenden Haustiere des Menschen verfüttert wird.