Hundert Jahre vor diesen beiden schreibt der gelehrte Varro: „Was die zahmen Esel betrifft, so werden in Griechenland die arkadischen sehr geschätzt, in Italien dagegen die von Reate, und ich weiß einen Fall, wo ein solcher mit 60000 Sesterzien (= 9000 Mark) bezahlt wurde und in Rom ein Viergespann von Eseln mit 400000 Sesterzien (= 60000 Mark).“ Weiter meint er: „Der Wildesel, der herdenweise in Phrygien und Lykaonien lebt — offenbar ist hier vom später zu besprechenden Onager die Rede, dessen Verbreitungsgebiet sich damals westlich noch bis dort erstreckt zu haben scheint — kann man leicht zähmen, den zahmen Esel aber nicht in einen wilden umschaffen. Man braucht den Wildesel gern zur Zucht. Das Junge des zahmen Esels läßt man im ersten Jahre ganz bei seiner Mutter, im zweiten nur bei Nacht, jedoch so, daß beide angebunden sind; im dritten wird es zu seiner Arbeit dressiert. Die meisten werden gebraucht, um die Mühle zu drehen, oder zum Tragen und Fahren, in leichtem Boden auch zum Pflügen. Kaufleute halten auch ganze Herden, um Öl, Wein, Getreide usw. zu transportieren.“ Jung wurden sie auch verspeist. So schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte, Maecenas, der reiche Freund des Kaisers Augustus, habe die Mode aufgebracht, junge Esel zu essen. Derselbe Autor berichtet: „Die Eselsmilch soll die Haut weiß machen; deshalb führte Poppaea, die Gemahlin Neros, immer 500 milchende Eselinnen mit sich und badete in deren Milch.“
Seit dem Altertum hat sich der Esel als wichtigstes Arbeitstier überall in den Mittelmeerländern unentbehrlich gemacht, ist aber durch schlechte Haltung immer kleiner und unansehnlicher geworden. Dabei hat er eine mattere, aschgraue Farbe und schlaffere Ohren bekommen. Oken sagt von ihm: „Der zahme Esel ist durch die lange Mißhandlung so sehr heruntergekommen, daß er seinen Stammeltern fast gar nicht mehr gleicht. Der Mut hat sich bei ihm in Widerspenstigkeit verwandelt, die Hurtigkeit in Langsamkeit, die Lebhaftigkeit in Trägheit, die Klugheit in Dummheit, die Liebe zur Freiheit in Geduld, der Mut in Ertragung der Prügel.“ Tatsächlich ist an diesem treuen Arbeitstiere des Menschen im Laufe der Jahrhunderte unsäglich viel gesündigt worden, daher sein widerstrebender, eigensinniger Charakter!
Gemäß seiner Herkunft aus einer heißen Steppe fühlt er sich um so wohler, je wärmer und trockener das Land ist. Feuchtigkeit und Kälte verträgt er viel weniger als das hierin weniger empfindliche Pferd. Schon Plinius sagt: „Kälte kann dieses Tier (der Esel) nicht gut vertragen.“ In bezug auf Futter ist er durchaus nicht wählerisch und begnügt sich mit sehr geringen Mengen davon. Brehm sagt von ihm: „Gras und Heu, welches eine wohlerzogene Kuh mit Abscheu verratendem Schnauben liegen läßt und das Pferd unwillig verschmäht, sind ihm noch Leckerbissen: er nimmt selbst mit Disteln, dornigen Sträuchern und Kräutern vorlieb. Bloß in der Wahl des Getränkes ist er sorgsam, denn er rührt kein Wasser an, welches trübe ist; salzig, brackig darf, rein muß es sein. In Wüsten hat man oft sehr große Not mit dem Esel, weil er, alles Durstes ungeachtet, nicht von dem trüben Schlauchwasser trinken will.“
Bild 23. Altdeutscher Mülleresel.
(Nach einem Holzschnitt von Jost Ammann.)
Die Paarungszeit des Esels fällt in die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate. Etwa 11 Monate nach der Paarung wirft die Eselin ein — höchst selten zwei — vollkommen ausgebildetes, sehendes Junges, das sie mit großer Zärtlichkeit ableckt und das ihr sofort zu folgen vermag. Schon eine halbe Stunde nach der Geburt bietet ihm seine Mutter das Euter dar, das ihm die nächste Nahrung spendet. Nach 5–6 Monaten kann das Eselsfüllen entwöhnt werden, folgt aber noch lange seiner Mutter auf allen Wegen nach. Es ist ein überaus munteres, lebhaftes Tier, das die possierlichsten Sprünge ausführt. Schon im zweiten Jahre ist es erwachsen; aber erst im dritten Jahre erreicht es seine volle Kraft, um selbst bei harter Arbeit ein Alter von über 30 Jahren zu erreichen.
Im Volksleben Mitteleuropas spielte der Esel nur als Mülleresel, der die Säcke nach und von der Mühle trug, eine beschränkte Rolle und wurde nie das volkstümliche Haustier wie in Südeuropa oder gar im Orient. Er kam einst im Mittelalter vorzugsweise durch die Mönchsorden nach Deutschland in die Klöster, um hier als Lasttier verwendet zu werden. So erlaubte z. B. Herzog Konrad I. von Urach 1263 den Franziskanern in Freiburg im Breisgau „mit drei Eseln aus dem Herzogenwald Holz zu holen.“ Aus den Klöstern ging er dann später teilweise zu den Laien über. Aber im allgemeinen kam er im Laufe der Zeit als schlecht gefüttertes und fast ungepflegtes Arbeitstier des kleinen, armen Mannes zu einem blöden Jammerwesen herunter und wurde so für den Volksmund zum sprichwörtlichen Vertreter der Dummheit. Nicht viel besser erging es dem Esel in den Mittelmeerländern, obwohl er dort viel zahlreicher gehalten wird und zum geradezu unentbehrlichen Gehilfen des Menschen, speziell des Gartenbauers, wurde. Auch hier ist das Leben des armen „Packesels“ eine Kette von Anstrengungen, Leiden und Entbehrungen gepaart mit zahlreichen Mißhandlungen. Erst im Morgenlande sehen wir aus diesem Proletarier unter den Haustieren des Abendlandes einen mit weit größerer Sorgfalt als bei uns behandelten Diener und Genossen des Menschen werden, der es sogar zu einigem Adel der äußeren Erscheinung, wie des Charakters bringt. Brehm schreibt in seinem bekannten Tierleben: „Der nordische Esel ist, wie allbekannt, ein träger, eigensinniger, oft störrischer Gesell, welcher allgemein, wenn auch mit Unrecht, als Sinnbild der Einfalt und Dummheit gilt, der südliche Esel dagegen, zumal der ägyptische, ein schönes, lebendiges, außerordentlich fleißiges und ausdauerndes Geschöpf, welches in seinen Leistungen gar nicht weit hinter dem Pferde zurücksteht, ja es in mancher Hinsicht noch übertrifft. Ihn behandelt man auch mit weit größerer Sorgfalt als den unsrigen. In vielen Gegenden des Morgenlandes hält man die besten Rassen so rein wie die des edelsten Pferdes, füttert die Tiere sehr gut, plagt sie in der Jugend nicht so viel und kann deshalb von den erwachsenen Dienste verlangen, welche unser Esel gar nicht zu leisten imstande sein würde. Man hat vollkommen recht, viele Sorgfalt auf die Zucht des Esels zu verwenden; denn er ist dort Haustier im vollsten Sinne des Wortes: er findet sich im Palast des Reichsten wie in der Hütte des Ärmsten und ist der unentbehrlichste Diener, welchen der Südländer kennt. Schon in Griechenland und Spanien trifft man sehr schöne Esel, obgleich sie noch weit hinter den im Morgenlande, zumal in Persien, Turkmenien und Ägypten gebräuchlichen zurückstehen. Der griechische und der spanische Esel kommen einem kleinen Maultier an Größe gleich; ihr Haar ist glatt und weich, die Mähne ziemlich, die Schwanzquaste verhältnismäßig sehr lang; die Ohren sind lang, aber fein gebaut, die Augen glänzend. Große Ausdauer, ein leichter, fördernder Gang und ein sanfter Galopp stempeln diese Esel zu unübertrefflichen Reittieren.“
Noch weit schöner als diese Esel von ostafrikanischer Abstammung sind die arabischen Esel, zumal diejenigen, welche in Jemen gezogen werden. Es gibt zwei Rassen, eine große, mutige, rasche, zum Reiten höchst geeignete, und eine kleine, schwächere, welche gewöhnlich zum Lasttragen benutzt wird. Der große Esel ist wahrscheinlich durch Kreuzung mit dem Onager und seinen Nachkommen veredelt worden. Ganz ähnliche Rassen finden sich in Persien und Ägypten, wo man viel Geld für einen guten Esel ausgibt. Ein allen Anforderungen entsprechender Reitesel steht höher im Preis als ein mittelmäßiges Pferd, und es ist gar nicht selten, daß man bis 1500 Mark unseres Geldes für ihn bezahlt. „Etwas Nutzbareres und Braveres von einer Kreatur als dieser Esel“, sagt Bogumil Goltz, „ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Exemplar, welches oft nicht größer als ein Kalb von sechs Wochen ist, und setzt es in Galopp. Diese schwach gebauten Tiere gehen einen trefflichen Paß; wo sie aber die Kräfte hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trab und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus in die Eselsmysterien zu gehen.“ Man verschneidet den Reiteseln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, während man es an den Schenkeln in seiner vollen Länge stehen läßt; dort werden dann noch allerlei Figuren und Schnörkel eingeschnitten, und die Tiere erhalten dadurch ein ganz eigentümliches Aussehen.
Weiter nach dem Innern, wo das nützliche Geschöpf ebenfalls als Haustier gehalten wird, sieht man wenige edle Esel, und auch diese werden erst eingeführt.