Woher bezogen nun die vorpharaonischen Ägypter der Negadaperiode den Hausesel? Zweifellos aus Nubien, wo der ostafrikanische Steppenesel (Asinus taeniopus) von hamitischen Volksstämmen, wahrscheinlich den Vorfahren der heutigen Galla, gezähmt und damit in den Haustierstand übergeführt worden war. Der Steppenesel findet sich heute noch in den Steppen Obernubiens, am häufigsten in den Ebenen von Barka und um den Atbara, den Hauptzufluß des Nils. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich aber bis an die Küste des Roten Meeres. Wie bei allen Steppentieren ist Geselligkeit ein Grundzug seines Wesens. Das ausnehmend scheue und vorsichtige Tier lebt in kleinen Rudeln, wobei eine Herde von 10–15 Stuten von einem Hengst geführt, bewacht und verteidigt wird. Als Mittelglied zwischen seinen streifenlosen, asiatischen Verwandten und den afrikanischen Tigerpferden sind seine Füße leicht — von unten nach oben in abnehmender Stärke — gestreift und zieht sich dem Rücken entlang vom Schwanz bis zur Schulter ein schwarzes Band, das sich hier in zwei gegen die Seitenbuge hin verlaufende Arme teilt. Es ist dies das vorgenannte Rückenkreuz, das sich bei seinen gezähmten Nachkommen noch teilweise erhielt. Außerordentlich stark ausgesprochen war es noch nach der Abbildung bei den Hauseseln der Negadazeit, die also dem Stammvater noch hochgradig ähnlich gesehen haben müssen, ja, kaum von ihm abwichen, was also eine sehr junge Zucht bedeutet. Diese Negadahausesel haben auch die typische Kopfbildung und die aufrechtgestellten, großen Ohren des ostafrikanischen Steppenesels, von dem wildeingefangene Tiere bis auf den heutigen Tag je und je zur Veredlung der Eselzucht in ihrer Heimat verwendet werden. Wie vermutlich schon die alten Ägypter gaben die alten Römer große Summen für diese Veredelung aus, was die Araber jetzt noch tun. Deshalb haben sie auch ein so edles Eselmaterial, demgegenüber unser durch Inzucht und Vernachlässigung herabgekommenes Eselmaterial keinen Vergleich aushält.
Vom Niltal her wurden schon sehr früh die Juden und übrigen Semiten Vorderasiens mit dem Hausesel bekannt, der, wie in Ägypten, so auch bei ihnen eine sehr geachtete Stellung einnahm. Er diente auch hier zum Tragen von Lasten aller Art. So sehen wir auf einer der Wandmalereien des Grabes von Num hotep in Beni Hassan unter einem der ersten Könige der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.) die Einwanderung eines semitischen Stammes von Hirten in das Land Gosen am Delta. Diese Nomaden werden darauf als Aamu bezeichnet und wandern mit ihren Herden nach Unterägypten ein, als einzige Lasttiere Esel mit großen Ohren mit sich führend, auf denen sie alle ihre Habe und die kleinen, des Gehens unfähigen Kinder aufgeladen haben. Überall im Alten Testament ist an Stelle des Pferdes der Esel der treue Begleiter des Vieh hütenden Nomaden. Von den Zeiten Abrahams an war es der Stolz des Oberhauptes der Familie, zahlreiche Esel neben den Schafen und Rindern zu besitzen, und später, als dies aufkam, alle seine Söhne auf Eseln beritten zu sehen. Nach demselben Grundsatze, an dem heute noch der Japaner speziell in bezug auf das pflügende Rind streng festhält, sollte das Arbeitstier nicht zugleich auch zur Nahrung dienen. Deshalb enthielten sich die Juden ausdrücklich des Fleisches vom Esel, was ursprünglich nicht alle semitischen Stämme getan zu haben scheinen. Ja, wahrscheinlich haben auch die vorpharaonischen Bewohner Ägyptens gelegentlich den zahmen Esel geschlachtet und als willkommene Speise verwendet. Aber die Juden enthielten sich nicht nur des Schlachtens von Eseln, sondern lösten sogar nach dem Gesetz die dem Tode verfallene Erstgeburt desselben wie diejenige des Menschen durch das Opfern eines Schafes ab.
Über Syrien und Kleinasien kam der Hausesel zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends in die Balkanhalbinsel, wo er vermutlich asnas hieß, und von da zuerst zu den Griechen als ónos und später auch als asinus zu den Römern. In der homerischen Zeit, da Viehzucht und Ackerbau vorherrschten, war der Esel noch nicht das gebräuchliche Lasttier, sondern ein durch seine Seltenheit wertvolles Zuchttier, das zur Gewinnung der damals schon geschätzten Maultiere diente. Nur an einer zweifellos später eingeschobenen Stelle der Ilias wird er in einem Gleichnisse erwähnt. In der ältesten, sich an Homer anschließenden griechischen Lyrik wird er als Zuchttier erwähnt, das viel zu kostbar war, um der Feld- und Hausarbeit zu dienen. In einem Fragmente des Lyrikers Archilochos von Paros (um 700 v. Chr.) wird von einem Menschen gesagt, daß ihm das Glied anschwoll, wie das des mit Korn gefütterten Zuchtesels aus Priene (einer Stadt der kleinasiatischen Küste nördlich von Milet). Auch Simonides von Amorgos, der jüngere Zeitgenosse des Archilochos, kennt den Esel nur als Zuchttier und legt in einem Gedicht einigen Weibern dessen Art bei, die träge, gefräßig und geil sei. Erst der Dichter Tyrtaios aus Attika um 684 v. Chr. spricht vom Esel als Lasttier, das die Kornfrucht vom Acker nach Hause tragen müsse.
Im Gegensatz zu dem als Beschäler der Pferdestute gehaltenen Eselhengst war bei den ältesten Griechen das von einem solchen mit einer Pferdestute erzeugte Maultier als hemíonos, d. h. Halbesel, oder oreús, d. h. Bergtier, das eigentliche Arbeitstier, sowohl bei der Feldbestellung als im Geschirr vor dem Wagen und beim Schleppen von Lasten; deshalb wird es gern als vielduldend und mühselig bezeichnet. Schon weil es stärker war als der Esel wurde es diesem vorgezogen, wie Theognis (der um 560 v. Chr. lebende Dichter aus Megara) ausdrücklich bezeugt. Nach Homer stammte das Maultier von den Enetern, einem paphlagonischen Volke aus dem pontischen, d. h. gegen das Schwarze Meere zu gelegenen Kleinasien, her. An einer andern Stelle der Ilias hatten die Bewohner von Mysien dem König Priamos von Ilion Maultiere geschenkt nach dem 24. Buche, Vers 277:
„Schirrten die Maultiere an, starkhufige, kräftig zur Arbeit,
Welche die Myser dem Greise verehrt als edle Geschenke.“
In einem Fragment des jonischen Dichters Anakreon (550–478 v. Chr.) werden die Myser geradezu als Erfinder der Maultierzucht durch Kreuzung von Eselhengsten mit Pferdestuten bezeichnet. Schon im Alten Testament bei Ezechiel (596 v. Chr.) wird die Landschaft Thogarma, d. h. Armenien oder Kappadozien als diejenige bezeichnet, die die besten Maulesel lieferte. Den Israeliten selbst verbot das Gesetz diese Zucht. Noch später hören wir mehrfach, so bei Aristoteles, Plutarch und Plinius, die Maultiere Kappadoziens und Galatiens als besonders edle Zucht rühmen; von den ersteren wird berichtet, sie seien fruchtbar, also unter besonders günstige Naturverhältnisse gestellt.
Merkwürdig ist bei dieser Wertschätzung des Maultiers als Ersatz des Esels, daß, vielleicht durch semitische Anschauungen beeinflußt, seit der mythischen Zeit in Elis im Peloponnes das Verbot bestand, Maultiere im Lande selbst zu erzeugen. So soll der König von Pisa in Elis, Oinomaos, der Sohn des Meergottes Poseidon und Vater der Hippodameia, deren Freier er hinterlistig beim Wettfahren tötete, bis er von Pelops durch List überwunden wurde, einen Fluch über diese Zeugung ausgesprochen haben, und seither brachten die Eleer ihre Stuten außer Landes, um sie dort von Eseln belegen zu lassen, wie uns Herodot und Pausanias gleicherweise bezeugen. Vielleicht, meint V. Hehn, war in diesem elischen Brauch nur die durch Religion festgehaltene Anschauung der ältesten Zeit aufbewahrt, da es in Griechenland keine anderen als vom Orient eingeführte Maultiere gab und das Volksgefühl sich gegen solche widernatürliche Mischung noch sträubte. Auch in Homers Odyssee wird vom Bewohner Ithakas Naëmon gesagt, er besitze in dem weidereichen Elis zwölf Stuten mit den dazu gehörigen Maultierfüllen. Von einem Eselhengste aber ist dort nirgends die Rede. Gemäß der Bedeutung des Wortes oreús, d. h. Bergtier für Maultier, wird in der Ilias an einer Stelle geschildert, wie das Maultier mühsam Balken und Schiffsbauholz aus den Bergen hinabgeschleppt habe, an einer andern, wie die Männer mit Äxten, Seilen und Maultieren in das bewaldete Idagebirge hinaufziehen, um Holz für den Scheiterhaufen von Achills Freund Patroklos zu holen; wie dann nach dem Fällen und Zerkleinern der Bäume die Last den Maultieren aufgebunden wird, die sie dann stampfend in die Ebene hinabtragen.
Dieselbe Wertschätzung des Maultiers wie bei den Griechen finden wir auch bei den Römern. So sagt beispielsweise der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Das Maultier (mulus) ist zur Arbeit ganz ausgezeichnet gut.“ Daneben waren aber auch die Esel in hoher Achtung; denn derselbe Autor sagt an einer anderen Stelle von diesem Tiere: „Der Gewinn, welchen man aus Eseln zieht, übertrifft den der fruchtbarsten Landgüter.“ Des Plinius Zeitgenosse Columella sagt rühmend von ihm: „Der gemeine Esel (asellus) ist mit geringem Futter, wie Blättern, Dornen, Zweigen, Spreu usw. zufrieden, braucht auch nur geringe Pflege, hält Prügel und Mangel aus, wird selten krank und erträgt die Arbeit leicht. Auf dem Lande ist er ganz unentbehrlich, weil er die Mühle treiben und allerlei Gegenstände in die Stadt und von da zurücktragen muß.“