Mehr nach dem Süden zu tritt die Schweinezucht in Amerika in den Hintergrund. Schon in Mexiko ist sie sehr gering und in Südamerika nur in Brasilien da von erheblicher Bedeutung, wo deutsche Ansiedlungen sich befinden. In Argentinien ist sie seit längerer Zeit stark im Niedergang begriffen. Einige Zeit hindurch hatte eine ziemlich rege Ausfuhr von dort nach Brasilien bestanden; sie hörte dann bald auf. Es fehlt eben jenem Gebiet an einem rationellen Betrieb der Schweinezucht, ohne den die Konkurrenz mit Amerika nicht aufzunehmen ist. Übrigens gelangte das Hausschwein spanischer Rasse schon 1493 durch Kolumbus auf die Antillen und verbreitete sich von da mit der spanischen Kolonisation nach dem amerikanischen Festlande, wo es noch heute vielfach angetroffen wird.
Australien, das erst im 18. Jahrhundert das Hausschwein durch die Engländer eingeführt erhielt, besitzt heute sehr gute englische Rassen, vor allem die Berkshires, welche vortrefflich gedeihen und zu einer ausgedehnten Zucht Veranlassung gaben. Da im Lande selbst der Konsum an Schweinefleisch nicht sehr groß ist, werden die Produkte meist zum Export gebracht. Neuseeland besitzt ziemlich starke Zuchten, so daß auch jenes Land schon eine ausgedehnte Ausfuhr von Schweinefleisch nach Europa betreibt.
Der neueste Import aus Japan ist das Maskenschwein, das 1861 durch den Tierhändler Jamrach, den Konkurrenten von Hagenbeck, in zoologischen Gärten Deutschlands eingeführt wurde. Es steht dem chinesischen Hausschwein nahe, besitzt aber auffallend große Ohren und durch starke Verkürzung des Oberkiefers ein faltiges Gesicht, daher sein Name. Es ist aber nicht japanischen, sondern indischen Ursprungs, und zwar eine besondere Art des großohrigen, indischen Schweins.
Da das Hausschwein bei Völkern auf primitiver Kulturstufe ein halbwildes Leben führt, ist es kein Wunder, daß es sich öfter der Aufsicht des Menschen entzieht und völlig verwildert. Solche verwilderte Hausschweine sind in Süd- und Ostasien nichts seltenes und lassen sich auf den verschiedensten Gebieten der Erde, besonders auf Inseln, wo sie keine größeren Feinde haben, nachweisen. Dabei nehmen sie schon nach wenigen Generationen ganz oder teilweise das Aussehen der wilden Stammform an. In Europa kommen verwilderte Hausschweine auf Sardinien und den Kykladen vor; weiter finden sich solche im oberen Nilgebiet, auf den Kanaren, Tristan da Cunha, Réunion und St. Helena. Auf letzterer Insel gab es nach Cavendish schon 1588 welche; Tavernier traf deren noch 1649 an. Neben den vielen verwilderten Ziegen trugen sie wesentlich dazu bei, den jung aufsprossenden Wald zu zerstören. Auf Jamaika, St. Domingo, St. Thomas und anderen westindischen Inseln gibt es solche, wahrscheinlich aus den Resten der spanischen Kolonisation herrührend. Auch in Venezuela, Brasilien, Paraguay und Peru gibt es verwilderte Schweine verschiedener Art, teils schwarze mit stehenden Ohren, teils heller gefärbte mit den Hängeohren ihrer chinesischen Vorfahren. Auf den Bermudas, den Galapagos, den Andamanen, Nikobaren und zahlreichen Inseln Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens sind ebenfalls verwilderte Hausschweine anzutreffen. Auf Neuseeland gibt es solche, die die konkave Form des Gesichts ihrer chinesischen Ahnen beibehielten.
Schwein und Huhn sind die einzigen Tiere, bei denen die Operation der Kastration zur Mast in größerem Umfang auch beim weiblichen Geschlecht vorgenommen wird. Im Altertum begnügte man sich, wie Columella berichtet, in solchen Fällen zur Verhinderung einer Befruchtung die Scheide narbig zu verschließen; erst im Mittelalter wurde die Beseitigung der Eierstöcke vorgenommen. Solche Tiere nannte man dann Nonnen. Ein solcher Schweineschneider in Ungarn war es, der es als erster wagte, bei seiner Tochter, die nicht auf natürlichem Wege niederzukommen vermochte, den Kaiserschnitt durch Eröffnung des Bauches und der Gebärmutter vorzunehmen. Dabei rettete er Mutter und Kind das Leben. Erst hernach haben dann die Ärzte diese Operation vorzunehmen gewagt.
VI. Der Esel.
Weit früher als das Pferd hat sich der Mensch den Esel gezähmt, nicht um sein Fleisch oder seine Milch oder sein Haarkleid zu benutzen, sondern um ihn als Transporttier zu verwenden. Als das Rind schon längst Haustier geworden war und an den Pflug, wie auch an den Wagen gespannt wurde, kam man noch nicht auf den Gedanken, auf ihm Lasten fortzubewegen. Dazu diente im ältesten Ägypten der Esel, der allerdings ausschließlich als Last- und noch nicht als Zugtier benutzt wurde. Außer den Lasten transportierte man auch die unbehilflichen Mitglieder der Familie, wie etwa Weiber und Kinder, auf dem Esel, den der Mann dann führte. Er selbst bestieg ihn nicht, um als Reiter mit größerer Geschwindigkeit das Land zu durchstreifen. Dies geschah erst, als der vornehmere und anspruchsvollere Vetter des Esels, das Pferd, vom Menschen domestiziert wurde und dann freilich seinem bescheidenem Verwandten den Rang ablief und weit ausgedehntere Verbreitung fand. Aber im hamitisch-semitischen Kulturkreis ist der Esel bis heute in hoher Wertschätzung geblieben; nur in Südeuropa, wo er sich ebenfalls stark einbürgerte, sank er zum verachteten und mißhandelten Geschöpf herab, dem man seine sprichwörtliche Starrköpfigkeit als Dummheit auslegt.
Die ältesten Spuren zahmer Esel, die uns bis heute bekannt geworden sind, lassen sich im Niltal nachweisen und reichen dort bis in die urägyptische Zeit, die um die Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. zu setzende Negadaperiode, zurück. So besitzen wir auf einer bereits früher erwähnten Schieferplatte des Museums in Giseh aus der Negadazeit, die de Morgan zuerst veröffentlichte, treffliche Abbildungen des Esels. Er ist dort in einer ganzen Reihe von Tieren mit großen, aufrechtstehenden Ohren neben dem Hausrind von Bantengabstammung und dem Hausschaf von Mähnenschafdescendenz dargestellt in der Form des gewöhnlichen Hausesels mit schwarzem Schulterkreuz, das auf allen Figuren deutlich erkennbar ist. Schon während des Alten Reichs in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends war die Zucht des Esels in Ägypten eine stark ausgedehnte. Im Grabe des Chafra ank in Giseh aus der 4. Dynastie (2930–2750 v. Chr.), der Zeit der großen Pyramidenerbauer, eines hohen Würdenträgers unter der Regierung des Chefren, berichtet ein Oberschreiber seinem Herrn, er besitze einen Viehstand von nicht weniger als 5023 Stück, darunter 760 Esel. In anderen Gräbern derselben Periode wird, vermutlich mit etwas Übertreibung, gemeldet, daß die Besitzer über mehr als tausend, ja Tausende von Eseln verfügten.
Zur Zeit der ältesten Dynastien wird der Esel häufig auf den Grabwänden dargestellt, da sich das bürgerliche Leben ohne ihn gar nicht vorstellen ließ. Er wurde ausschließlich als Lasttier, daneben etwa noch wie Schafe und Rinder zum Dreschen auf der Tenne, d. h. zum Austreten der Körner der Feldfrüchte mit den Hufen verwendet. Doch diente er daneben bereits als Reittier, doch nicht in der Weise, daß sich die Ägypter auf seinen Rücken setzten, sondern so, daß ein Reitsessel zwischen zwei Eseln befestigt wurde, um darin die über Land reisende vornehme Person aufzunehmen. Erst als zur Zeit des Neuen Reiches (um 1580 v. Chr.) infolge der regen Beziehungen mit den Völkern Vorderasiens das Pferd als wertvolles Kriegsinstrument, das den Schlachtwagen zog, nach dem Nillande kam und hier unter den kriegerischen Pharaonen der 18. und 19. Dynastie in Menge gezüchtet wurde, trat der Esel gegenüber dieser neuen Erwerbung etwas in den Hintergrund, um allerdings später wieder seine Vorherrschaft anzutreten, die er in jenem Lande bis heute zu behaupten vermochte.