Erst ganz am Schluß der neolithischen Zeit kam in Mitteleuropa ein kräftigeres und größeres Hausschwein auf, das offenbar ein mehr oder weniger reiner Abkömmling des einheimischen Wildschweins war; denn was lag näher, als einmal dieses größere Tier nicht bloß zur Kreuzung mit dem kleineren Torfschwein, sondern zur Reinzucht zu verwenden. Das Wildmaterial lag ja gleichsam vor der Tür und wird oft genug in halberwachsenen Frischlingen der Wildsau lebend in die Niederlassungen der Steinzeitjäger gebracht worden sein. Von der Metallzeit an wurde dann in Mitteleuropa das Torfschwein asiatischer Abstammung immer mehr vom leistungsfähigeren Hausschwein europäischer Zucht aus dem einheimischen Wildschwein verdrängt. Doch war es noch während der helvetisch-römischen Zeit in der Schweiz stark verbreitet. So gehören von den in der Römerkolonie Vindonissa aufgefundenen Resten 28 Knochenstücke ihm an, während das europäische Landschwein nur durch 10 solche vertreten war. Noch am meisten Torfschweinblut weist das alte Bündnerschwein auf. Auch die Hausschweine in den entlegenen Tälern um das Gotthardgebiet herum, im Tessin und oberen Wallis, stehen dem alten Torfschweintypus nahe, während in den südlichen Tälern des Wallis ein schwarzes oder fuchsrotes Schwein gehalten wird, das nach der Kopfform ein unverkennbares Kreuzungsprodukt des Torfschweins mit dem Landschwein von europäischer Abstammung ist.

In den romanischen Ländern südlich der Alpen, vor allem in ganz Italien, Spanien und Portugal, wird das schwach behaarte romanische Schwein von meist dunkler Farbe, mit kurzem Kopf, längerem Rüssel als beim indischen Schwein und geradlinigem, breitem Rücken gezüchtet, das ebenfalls neben asiatischem auch reichlich europäisches Blut enthält. Noch mehr asiatisches als europäisches Blut besitzt das durch seine krause Behaarung ausgezeichnete kraushaarige Schwein von dunkler Farbe mit kurzem Rumpf, kantigem Rücken und etwas spitzem Gesicht, das hauptsächlich über Ungarn und die anstoßenden Balkanländer verbreitet ist.

Je mehr wir nun in Europa nach Norden gehen, um so reiner tritt das europäische Blut auf. Diese Hausschweine europäischer Abstammung besitzen statt des verhältnismäßig breiten, ebenen Rückens einen erhöhten „Karpfenrücken“ infolge des seitlich zusammengedrückten Rumpfes. Statt der breiten Brust besitzen sie eine flachrippige Brust. Statt des in der Nasengegend eingesenkten Kopfes mit kurzem Rüssel haben sie eine gestreckte, oft völlig wildschweinähnliche Schnauze. Die Beine sind verhältnismäßig hoch. Es ist dies das europäische Hausschwein, von dem eine Unterart mit großen, hängenden Ohren und schmälerer Stirn und eine solche mit kurzen aufrecht gestellten Ohren und breiter Stirn unterschieden wird. In Norddeutschland und Dänemark scheint ursprünglich das Torfschwein gefehlt zu haben und nur das europäische Blut gehalten worden zu sein. Die prähistorischen Knochenreste weisen auf eine durch kümmerliche Haltung sehr klein gewordene Rasse hin. Überhaupt hat das Schwein im allgemeinen seit seiner Überführung in den Haustierstand an Größe abgenommen, offenbar deshalb, weil die freie Natur günstigere Entwicklungsbedingungen darbietet als die Knechtschaft unter dem Menschen. Erst die moderne rationelle Tierzucht hat durch Darbietung besserer Lebensbedingungen die Größe wieder zu steigern vermocht.

Das der südostasiatischen Wildform noch am nächsten stehende, weil immer wieder durch Kreuzung mit jener aufgefrischte asiatische Hausschwein kommt in mehr primitiven, meist sehr mastfähigen Schlägen im ganzen östlichen Asien vor, so von der Mongolei durch ganz China, Annam, Siam und Hinterindien bis zu den Sundainseln und nach Neuguinea einerseits und Indien und Ostafrika andererseits. Es ist das das weitaus wichtigste Zuchtgebiet zahmer Schweine, indem es sowohl bei den mongolischen und malaiischen, wie auch den Papuastämmen das bei weitem wertvollste und oft einzige Haustier neben dem Hunde ist. Sein Fleisch und sein Fett sind für diese Stämme, soweit sie nicht an der Küste leben und viel Seetiere genießen, die wichtigsten animalischen Lebensmittel. Obenan steht das gewaltige China, wo die Schweinezucht gegen 6000 Jahre alt ist. Dabei hat Nordchina eine primitivere, meist schwarzgefärbte Rasse, während Südchina höher gezüchtete Kulturschweine von meist weißer Farbe besitzt. Im Norden ist die Haltung dieses Haustieres eine wenig sorgfältige. Hier leben die Schweine ohne Schutz im Freien und sind selbst in dem recht rauhen Winter aller Unbill der Witterung preisgegeben. Daraus erklärt sich das Vorhandensein auffallend dichter und langer Behaarung als Wärmeschutz der ursprünglich aus einem warmen Klima stammenden Tierart. Die überall auf dem Lande gezüchteten Schweine werden meistens nach den Städten verkauft, wo der Bedarf an Schweinefleisch ein sehr großer ist, indem der wohlhabende Chinese nicht nur kein Opfer ohne dieses begeht, sondern auch bei allen festlichen Gelegenheiten seine Familienglieder und Freunde damit bewirtet.

In der Mandschurei ist die Schweinezucht besonders in der mittleren Provinz Kirin entwickelt. Dieselbe Rasse wird auch in den Amurländern gehalten und geht bis nach Sibirien hinein. Doch tritt in letzterem Lande die Schweinezucht schon aus klimatischen Gründen gegenüber der Schafzucht zurück. Auffallenderweise besitzt Japan sehr wenig Schweine. Die Zucht dieses Haustieres ist in jenem Lande stark vernachlässigt und auf eine einzige Provinz, Kangoschima, beschränkt. Sehr blühend ist sie dagegen in ganz Hinterindien, auf den Philippinen und Sundainseln, wo überall das Schweinefleisch ein wichtiges Nahrungsmittel bildet. In Neuguinea ist das Schwein neben dem Hund das einzige Haustier, das überall in der Umgebung der Dörfer ziemlich frei gehalten wird, so daß es vielfach verwildert ist. Seine Nahrung besteht hier vorwiegend in Taroknollen. Auch Indien hat vorwiegend dunkelgefärbte Schweine, die in Schläge mit kurzen, aufrechtstehenden und in solche mit großen, herabhängenden Ohren zerfallen.

Im ganzen mittleren und westlichen Asien ist, soweit der Islam vordrang, das Schwein als unrein verpönt und deshalb die einst auch hier im Altertum betriebene Schweinezucht verdrängt worden. Hier ist an seiner Stelle überall das Schaf, das von dem Fluche Muhammeds nicht getroffen wurde, der Lieferant von tierischem Fett und Fleisch. Wie die Ostasiaten und Malaien Schweinefleisch zu ihrem Reis essen — nach der nicht unwahrscheinlichen Sage soll Buddha an einer Überladung des Magens mit Schweinebraten seinen Tod geholt haben — so genießen die Westasiaten Hammelfleisch zu ihrem Palaw genannten Reisgericht. Aber das war im Altertum noch nicht so. Um die Zeit der Entstehung des Christentums war das Schwein noch nicht aus Westasien verschwunden. Das beweist die bekannte Legende von den Schweinen der Gaddarener, in die die unreinen Geister fuhren. Immerhin haben die Semiten im allgemeinen, nicht nur die Juden, die solchen Abscheu wie so manches andere aus der Zeit ihrer Gefangenschaft in Ägypten hätten entlehnen können, das Schwein als unrein verpönt. Und diese Ächtung des Schweins hat in der Folge auch die aus dem Orient zu den Griechen und Römern gekommenen Kulte begleitet. So wurden der aus der semitischen Ischtar-Astarte hervorgegangenen Aphrodite auch in Griechenland keine Schweine geopfert, so wenig als der jener entsprechenden Venus in Rom.

Wie sehr die Muhammedaner das Schwein scheuen, geht aus der drolligen Geschichte hervor, die der, um ungefährdet im Orient reisen und selbst die allen Ungläubigen streng verbotenen heiligen Stätten in Mekka und Medina besuchen zu können, zum Islam übergetretene Baseler Burckhardt (Scheik Ibrahim) in seinem Buche: Reisen in Arabien (Weimar 1830) erzählt. In Dschidda, der Hafenstadt Mekkas, war — wohl einem christlichen Schiffer entlaufen — ein Schwein ans Land gekommen und führte in der Nähe des Marktes ein freudenvolles Dasein, weil die Marktleute lieber ihre Waren im Stiche ließen und sie dem Tiere Satans preisgaben, als sich durch die Berührung mit demselben zu verunreinigen. Alle ihre Flüche und Drohungen störten natürlich das biedere Borstentier sehr wenig. Im ganzen Gebiete des Islam dürfen auch die Christen nur ausnahmsweise Schweine halten. So ziehen die Armenier in der Türkei und in Persien gern wildgefangene Frischlinge auf, um sie fett werden zu lassen und dann zu schlachten und zu verspeisen. Nur in den Marställen der Großen wird, um die „böse Luft“, alle Verhexung und etwaige Krankheitserreger in seinen unreinen Leib abzuleiten, gern ein Schwein gehalten, wie noch vor gar nicht langer Zeit bei den Christen für solche Zwecke ein Ziegenbock gehalten wurde. Letzteres ist eine Reminiszenz an den Ziegenbock der Israeliten, der am Versöhnungstage mit allen Sünden des Volkes beladen in die Wüste getrieben und sich selbst überlassen wurde. Daher stammt unsere Bezeichnung Sündenbock.

Welch seltsame Form das Bewußtsein der eigenen Größe annehmen kann, schreibt Ed. Hahn in seinem Buche über die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen (Leipzig 1896), beweist, daß die Venezianer am Ausgang des 15. Jahrhunderts eine ansehnliche Summe dafür ausgaben, daß sie in ihrer Faktorei in Alexandrien ein Schwein halten durften; einmal ärgerten sie damit die Ungläubigen, allerdings für ihr gutes Geld, und dann bewiesen sie den andern Christen ihre ungeheure Überlegenheit durch diesen sonderbaren Vertreter des Löwen von San Marco.

In Ägypten wird heute das Schwein nur von den christlichen Kopten gehalten. In ganz Nordafrika befaßt sich natürlich auch nur das christliche Element mit dessen Zucht. In den oberen Nilländern wurde es von den Negern übernommen; besonders in Sennar halten es die Eingeborenen, um dessen wohlschmeckendes Fleisch zu essen. In Ostafrika fehlt es natürlich im mohammedanischen Somaliland vollständig, dagegen trifft man Schweine indischer Abstammung in Mozambique. Auch auf Madagaskar wurde es offenbar unter dem Einfluß der Araber an der Westküste verdrängt; so züchten es die Sakalaven nicht. Dagegen findet man im Innern der Insel, im Gebiet der Howas, eine kleine, schwarze Rasse. Auf den Maskarenen und auf der Insel Réunion ist die Schweinezucht auf die bergigen Gegenden beschränkt. In ganz Inner- und Westafrika ist das Schwein nur selten anzutreffen, außer in den Küstengegenden von Angola, wo es von den Portugiesen eingeführt wurde. In Natal wurde es 1825 eingebürgert.

In Europa hat das Schwein nur in ganz kleinen Bezirken, wo einst Mohammedaner herrschten, an Wichtigkeit verloren, so in Griechenland. In Italien, Südfrankreich und Nordspanien ist es im Gebiet der Eichen- und Kastanienwälder das wichtigste Nutztier des Menschen; ebenso in Sardinien und Sizilien. Eine erhebliche Schweinezucht weist Mittelitalien auf, dann Spanien in der Estramadura, verschiedene Provinzen Portugals und Südwestfrankreich im Gebiete der Garonne. Die wichtigsten Produktionsländer für Schweine, welche davon stark nach Westeuropa exportieren, sind Serbien und Ungarn. In Süddeutschland findet man die intensivste Zucht in Bayern; dort wird die große wildschweinähnliche, in der vordern Körperhälfte weiße, in der hintern dagegen meist rote Landrasse noch in starker Verbreitung angetroffen. In Deutschland sind die nordischen Marschen relativ arm an Hausschweinen, reicher dagegen Westfalen, Hannover, Braunschweig, Thüringen und Sachsen. Meist sind in Deutschland wie in der Schweiz, in Belgien, Holland und Nordeuropa die einheimischen Rassen durch hochgezüchtete englische Rassen verdrängt worden. Nachdem nämlich schon um 1740 durch die schwedisch-ostindische Gesellschaft Mastschweine besonderer Güte aus Südchina zur Hebung des einheimischen Schweins durch Kreuzung nach Schweden eingeführt worden waren, nahm die englisch-ostindische Gesellschaft zu Beginn des vorigen Jahrhunderts diese Bestrebungen im großen Maßstabe auf. So wurden in England durch Kreuzung mit hochgezüchteten chinesischen Rassen die weltberühmten edlen Schläge gezüchtet, welche später in allen Kulturländern eingeführt wurden und hier nach und nach die weniger leistungsfähigen einheimischen Schläge verdrängten. Damit hat das asiatische Schwein einen vollständigen Sieg über die Hausschweine europäischen Blutes erlangt. Die wichtigsten Schläge desselben werden als Yorkshire, Berkshire, Suffolk und Leicester bezeichnet, lassen aber keine scharfe Grenze zwischen sich ziehen. Der Körperumriß nähert sich bei ihnen einem Rechteck, die Beine sind fein gebaut und kurz. Das Gesicht ist extrem verkürzt und die Gegend zwischen Nase und Stirn stark eingeknickt. Es gibt kurz- und langohrige, kleine und große Schläge. Die Färbung kann schwarz, rotgelb, weiß oder bunt sein. Die größte Schweinezucht weist Yorkshire und Westmoreland auf. Auch Irland besitzt große Zuchten, weniger dagegen Schottland. Außer nach Belgien, das besonders in der Provinz Lüttich englisches Blut züchtet, kam dieses besonders nach Nordamerika, wo seine Zucht heute eine der wichtigsten nationalen Industrien der Vereinigten Staaten bildet. Dort kamen ihm zunächst die zahlreichen Nüsse und Eicheln des Waldes zugute, während jetzt der größte Teil der Schweine des Westens mit Mais gefüttert wird. Welchen Umfang die Schweinezucht in den Staaten der Union angenommen hat, beweist am besten die Tatsache, daß die Zahl der Schweine, die im Jahre 1860 etwa 30 Millionen betrug, sich heute mehr als verdoppelt hat. Nach H. Moos wird die Zucht überall nach demselben Muster betrieben. Es werden vorwiegend schwarze, frühreife Schläge gehalten; unter ihnen ist am verbreitetsten das Poland-Chinaschwein und nachher die Berkshirerasse. Das Zuchtmaterial wird sorgfältig ausgewählt. Meist werden junge Tiere im Alter von 7–10 Monaten im Gewicht von 90–140 kg geschlachtet, nachdem sie außer Mais besonders auch Klee erhielten. Die größten Schlächtereien besitzt Chicago.