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GRÖSSERES BILD
Dieselben Charaktereigenschaften zeigen auch die anderswo, namentlich in Argentinien verwilderten Pferde, die als Cimarrones in großen Herden die Pampas bewohnen. Nach Azara sollen sie von fünf bis acht bei der Aufgabe der 1535 gegründeten Stadt Buenos Aires zurückgebliebenen und sich selbst überlassenen Hauspferden stammen. Als im Jahre 1580 derselbe Platz wieder besiedelt wurde, fand man bereits eine Menge verwilderter Pferde vor, die aus diesen zurückgelassenen hervorgegangen waren. Dies ist der Ursprung der unzählbaren Pferdescharen, die sich in der Folge am Rio de la Plata (dem Silberstrom) herrenlos umhertrieben und von denen jeder nach Belieben einfangen und für sich gebrauchen konnte. Die Indianer der Pampas machen Jagd auf sie, um ihr Fleisch zu essen. Sie fangen auch manche, um sie zu zähmen und als Reittiere zu gebrauchen, wie sie es den Weißen absahen. Die Spanier jedoch machen kaum mehr Gebrauch von ihnen. Höchst selten fängt man einen Wildling, um ihn zu zähmen. Die in Paraguay vorkommenden Pferde sind zwar nicht herrenlos, leben aber beinahe so frei wie diese, indem sie ebenfalls das ganze Jahr unter freiem Himmel zubringen. Alle acht Tage treibt man sie zusammen, damit sie sich nicht versprengen, untersucht ihre Wunden, bestreicht sie mit Lehm und schneidet ihnen alle drei Jahre die Mähne und den Schwanz ab, um das Roßhaar zu verkaufen. An Veredelung derselben denkt niemand.
Rengger schreibt über sie: „Gewöhnlich leben die Pferde truppweise in einem bestimmten Gebiet, an welches sie von Jugend auf gewöhnt worden sind. Jedem Hengste gibt man 12–18 Stuten, welche er zusammenhält und gegen fremde Hengste verteidigt. Die Füllen leben mit ihren Müttern bis ins dritte oder vierte Jahr. Diese zeigen für jene, solange sie noch saugen, große Anhänglichkeit und verteidigen sie zuweilen sogar gegen den Jaguar. Wenn die Pferde etwas über zwei oder drei Jahre alt sind, wählt man unter den jungen Hengsten einen aus, teilt ihm junge Stuten zu und gewöhnt ihn mit denselben in einem besonderen Gebiete zu weiden. Alle Pferde, die zu einem Trupp gehören, mischen sich nie unter andere und halten so fest zusammen, daß es schwer hält, ein weidendes Tier von den übrigen zu trennen. Werden sie miteinander vermengt, z. B. beim Zusammentreiben aller Pferde einer Meierei, so finden sie sich nachher gleich wieder auf. Die Tiere zeigen übrigens nicht allein für ihre Gefährten, sondern auch für ihre Weiden große Anhänglichkeit. Ich habe welche gesehen, die aus einer Entfernung von 80 Stunden auf die altgewohnten Plätze zurückgekehrt waren. Um so sonderbarer ist die Erscheinung, daß zuweilen die Pferde ganzer Gegenden aufbrechen und entweder einzeln oder haufenweise davonrennen. Dies geschieht hauptsächlich, wenn nach trockener Witterung plötzlich starker Regen fällt, und wahrscheinlich aus Furcht vor dem Hagel, welcher nicht selten das erste Gewitter begleitet.
Die Sinne dieser fast wild lebenden Tiere scheinen schärfer zu sein als die europäischer Pferde. Ihr Gehör ist äußerst fein; bei Nacht verraten sie durch Bewegungen der Ohren, daß sie das leiseste, dem Reiter vollkommen unhörbare Geräusch vernommen haben. Ihr Gesicht ist, wie bei allen Pferden, ziemlich schwach; aber sie erlangen durch ihr Freileben große Übung, die Gegenstände aus bedeutender Entfernung zu unterscheiden. Vermittelst ihres Geruchsinnes machen sie sich mit ihrer Umgebung bekannt. Sie beriechen alles, was ihnen fremd erscheint. Durch diesen Sinn lernen sie ihren Reiter, das Reitzeug, den Schuppen, in dem sie gesattelt werden, usw. kennen, durch ihn wissen sie in sumpfigen Gegenden die bodenlosen Stellen auszumitteln, durch ihn finden sie in dunkler Nacht oder bei dichtem Nebel den Weg nach ihrem Wohnorte oder nach ihrer Weide. Gute Pferde beriechen ihren Reiter im Augenblicke, wenn er aufsteigt, und ich habe solche gesehen, welche denselben gar nicht aufsteigen ließen oder sich seiner Leitung widersetzten, wenn er nicht einen Poncho oder Mantel mit sich führte, wie ihn die Landleute, welche die Pferde bändigen und zureiten, immer tragen. Auf größere Entfernung hin wittern sie freilich nicht. Ich habe selten ein Pferd gesehen, welches einen Jaguar auf 50 Schritte gewittert hätte. Sie machen daher in den bewohnten Gegenden von Paraguay die häufigste Beute dieses Raubtieres aus.“
Das Leben der verwilderten Pferde in den weiter nach Norden hin gelegenen Llanos hat Alexander von Humboldt aus eigener Anschauung meisterhaft geschildert. Diese Herden werden viel von den Indianern nicht nur des Fleisches und der Häute wegen verfolgt, sondern auch um sie zu fangen und als Reittiere zu verwenden. Dabei quälen sie die mit dem Lasso eingefangenen jungen Tiere so lange, bis sie durch Hunger und Durst klein beigeben und den Menschen aufsitzen lassen. Überall ist bei den Rothäuten der Pferdediebstahl ein für ehrenvoll angesehener Beruf, dem sie sich mit Eifer hingeben.
Bau und Eigenart des Pferdes weisen auf die weite Steppe als die ursprüngliche Heimat dieses Schnelläufers hin. Und zwar hat nicht sowohl das Fluchtvermögen vor etwaigen Feinden, als die Notwendigkeit, in Trockenzeiten weite Strecken von einem nicht ausgetrockneten Tümpel zum andern zurücklegen zu müssen, wie bei den Wildeseln auch beim Wildpferd aus der ursprünglich vorhandenen Fünfzehigkeit die Stelzenfüßigkeit eines einzigen, des mittleren Zehens bewirkt. Diese Einhufer sind die Endglieder einer einseitigen Entwicklung zur Erlangung möglichst großer Schnelligkeit. So ist auch das einzige heute noch lebende Wildpferd im eigentlichen Sinne des Wortes — und nicht nur ein verwildertes Pferd — das von dem russischen Reisenden Przewalski 1879 in Innerasien entdeckte Przewalskische Pferd. Während seines Aufenthaltes im Militärposten von Saisan erhielt er das Fell und den Schädel eines wilden Pferdes, das die Kirgisen in der Sandwüste Kanabo erlegt hatten. Das Exemplar gelangte in den Besitz des Museums der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg und wurde von Poljakow unter dem Namen Equus przewalski als neue Art beschrieben. Alles deutet mit Sicherheit darauf hin, daß wir es hier mit einer echten Wildform und nicht wie beim Tarpan mit einem verwilderten Hauspferd zu tun haben. Dieses Wildpferd haben seither auch andere europäische Reisende in der Dsungarei, d. h. den Wüsten zwischen Altai und Tianschangebirge, beobachtet und teilweise in lebenden jungen Exemplaren nach Europa gebracht. So vermochte Büchner 1899 zehn Fohlen, die von säugenden zahmen Mongolenstuten genährt wurden, mit ihren Pflegemüttern nach Südrußland zu bringen, wo sie im großen Wildpark von Falz-Fein in Askania nova akklimatisiert wurden. Später hat dann der unternehmende Tierhändler Karl Hagenbeck in Stellingen bei Hamburg ebenfalls durch eine eigene, sehr kostspielige Expedition über ein Dutzend Wildpferdfohlen aus der Dsungarei zu holen vermocht, um damit in Deutschland vielversprechende Zuchtversuche zu machen.
Das Przewalskische Pferd — von den Kirgisen Kertag, von den Mongolen Taki genannt — lebt in Herden von 5–15 Stück unter Anführung eines alten Hengstes. Seine Statur ist klein, fast ponyartig; es ist mit einem zottigen Haarpelz von hellgraubrauner Farbe bedeckt, das an den Beinen vom Knie an bis zu den Hufen dunkler wird. Die Ohren sind kurz, die dunkle Mähne ist im Gegensatz zu demjenigen des domestizierten Pferdes aufgerichtet, ferner fehlt ein Stirnschopf und die Schweifwurzel ist kürzer behaart. Übrigens besteht die kurze Mähne aus zweierlei Haar, einem äußeren paarigen Streifen von graubrauner Farbe an jeder Seite und einem mittleren schwarzen, der sich als sogenannter Aalstreifen über den Rücken fortsetzt. Ebenso ist der Schweif zweifarbig. Der kürzer behaarte Teil, die Schweifwurzel, ist graubraun wie der Körper, der übrige Teil des Schweifes aber schwarz gefärbt. Eine solche Färbungsverschiedenheit von Mähne und Schweif findet sich als Rückschlag in einen früheren Zustand nur ganz selten bei Hauspferden.
Dieses Wildpferd hat offenbar schon der durch Sibirien reisende Deutsch-Russe Pallas gekannt. Er beschrieb es unter dem Namen Equus equiferus. Der Russe Tscherski, der neuerdings eine genaue Untersuchung des von Przewalski aufgebrachten Originalschädels vornahm, betonte, daß man es hier mit einem den echten Pferden zugehörenden Tier zu tun hat. Der Hirnteil erreicht eine Breite, die über dem Mittel der Vertreter orientalischer Pferde steht, die Stirnknochen erscheinen flach und die Nasenbeine verschmälern sich langsam nach vorn, also nicht plötzlich wie beim Esel. Der Schädel steht seinem ganzen Bau nach demjenigen des russischen Pferdes am nächsten. Seither hat auch Tichomiroff durch erneuerte Untersuchungen festgestellt, daß dieses zweifellos wilde und nicht nur verwilderte Pferd, das früher wohl weit über Innerasien verbreitet war, tatsächlich dem Hauspferd sehr nahesteht. Wir haben in ihm die Stammquelle der zuerst domestizierten asiatischen Pferde zu erblicken.
Zweifellos ist irgendwo in Zentralasien, vermutlich von einem turanischen Volke, ein dem Przewalskischen nahestehendes Wildpferd, jung eingefangen und gezähmt, zum Gehilfen des Menschen erhoben und an seine Gegenwart gewöhnt worden. Von den weiten Ebenen Turans kam es zu Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends nach dem Berglande Iran und von da nach Mesopotamien, wo es kennzeichnenderweise den Namen „Esel des Ostens“ oder „Esel des Berglandes“ erhielt. Da dort der Onager als Wildling heimisch und zudem der Esel als Haustier bekannt war, benannte man diesen Verwandten einfach nach ihm mit einem unterscheidenden Beinamen. Wie in Babylonien war es um 2000 v. Chr. auch in Indien bekannt. Auch in China ist seine Einfuhr eine sehr alte; wenigstens verwendete man es nach den Angaben des Schuking schon etwa 2000 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung.