Diese herrenlosen wilden Pferde sind nicht mit den noch lange in Europa gehaltenen „wilden Gestüten“ zu verwechseln, die ihre Besitzer hatten und nicht abgeschossen werden durften. Diese halbwilden Pferde lebten das ganze Jahr über im Freien, ohne daß sie sich einer irgend nennenswerten Fürsorge zu erfreuen gehabt hätten. Das letzte dieser wilden Gestüte bestand in Deutschland im Duisburger Walde und wurde erst von Napoleon I. aufgelöst.
Wenn nun auch Europa keine wilden Pferde mehr besitzt, so leben doch in den weiten Steppen Südrußlands verwilderte Pferde, die alle Eigenschaften wilder Tiere aufweisen und von Tataren und Kosaken auch als solche angesehen werden. Es sind dies die Tarpane, kleine Pferde mit dünnen, aber kräftigen Beinen, ziemlich langem und dünnem Halse, verhältnismäßig dickem Kopfe, spitzigen, nach vorwärts geneigten Ohren und kleinen, lebhaften Augen. Ihre Behaarung ist im Sommer kurz, gelbbraun, im Winter lang, heller bis fast weiß, wobei sich am Kinn eine Art Bart bildet. Die kurze, dichte, gekräuselte Mähne und der mittellange Schwanz sehen dunkler aus als der Körper. Schecken kommen niemals, Rappen nur sehr selten vor. Sie bewohnen in größeren Herden die ungeheure Steppe und wandern von Ort zu Ort, indem sie außerordentlich aufmerksam mit weit geöffneten Nüstern und gespitzten Ohren sichern und so beizeiten jeder Gefahr zu entgehen wissen. Die Herde zerfällt in kleinere Gesellschaften von Stuten und Fohlen, die von einem Hengste beherrscht und geführt werden. Er sorgt für deren Sicherheit und treibt sie bei der geringsten Gefahr zu wilder Flucht an. Gegen hungrig umherschleichende Wölfe geht er mutig wiehernd vor und schlägt sie mit seinen Vorderhufen zu Boden. Der Tarpan ist schwer zu zähmen. Seine Wildheit und Stärke spotten sogar der Künste der pferdekundigen Mongolen. Er schadet den pferdehaltenden Völkern durch Wegführen der freiweidenden Stuten und wird deshalb mit Eifer verfolgt.
Tafel 35.
Assyrische Darstellung einer Jagd auf Onager (nach Keller auf Przewalskis Wildpferd) am Palast des Assurbanipal in Kujundschik, etwa 668 v. Chr.
(Nach Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere.)
(Copyright by M. Koch, Berlin.)
Tafel 36.
Der Assyrerkönig Assurbanipal (668–626 v. Chr.) in einem von drei Pferden gezogenen Streitwagen auf der Löwenjagd. (Nach einer Photographie von Mansell & Cie. in London.)