Bild 24. Darstellung von Wildpferden auf einem Zierstab der Magdalénienjäger Südfrankreichs aus Renntierhorn.

Bild 25. Darstellung eines Wildpferdes — meist als Steppenesel aufgefaßt — mit übertrieben langem Körper und allzu kleinem Kopf aus dem Keßlerloch bei Thaingen. (Nach Photogramm von Dr. Nüesch.)

In späterer Zeit ist das Wildpferd infolge der fortgesetzten Verfolgungen zunächst in Süd- und Mitteleuropa immer seltener geworden, wenn auch noch der Römer Varro aus der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts schreibt: „In mehreren Gegenden des westlichen Spanien gibt es wilde Pferde.“ Im Speisezettel der Neolithiker hat es keine nennenswerte Rolle mehr gespielt, wenn es auch noch hier und da erlegt wurde. Nur in Nordeuropa gab es noch lange Zeit in entlegenen Waldgebieten, wo sie vor Ausrottung von seiten des Menschen geschützt waren, solche. Dies war auch in Schweden der Fall, wo Sjörgren im November 1900 bei Ingelstad einen Pferdeschädel aus der jüngeren Steinzeit fand, in dem noch, wie auf den Abbildungen 28 und 29 zu sehen ist, die abgebrochene Klinge eines Steinmessers steckte. Das Alter des Pferdes dürfte auf zwei Jahre anzuschlagen sein, und, da man ein so junges Tier, wäre es gezähmt gewesen, gewiß nicht als Opfer vermutlich an den Kriegsgott geschlachtet hätte, so läßt dies auf eine Wildform schließen. Von Schriftstellern des Altertums schreibt der ältere Plinius, wohl auf verbürgte Nachrichten gestützt: „Im Norden findet man Herden von wilden Pferden.“ Auch Strabon berichtet, daß in den Alpen, wie wilde Stiere, so auch wilde Pferde lebten. Vermutlich stammten die 30 wilden Pferde, die nach Julius Capitolinus der Kaiser Gordianus für die Jagdspiele im Circus maximus nach Rom schaffen ließ, von dort oder aus Spanien. Später meldet Venantius Fortunatus, daß in den Ardennen oder Vogesen neben dem Bären, Hirsch und Eber auch wilde Pferde gejagt wurden. Der langobardische Geschichtschreiber Paulus Diaconus im 9. Jahrhundert v. Chr. sagt, daß es den Bewohnern Italiens ein Wunder gewesen sei, als sie unter dem Könige Agilulf dorthin gebrachte „Waldpferde“ und Wisente sahen. Am längsten gab es diese Tiere weiter nördlich in Deutschland, das noch von ausgedehnten Waldungen bedeckt war, in denen diese Tiere eine Zuflucht fanden. So aßen nach Hieronymus die deutschen Volksstämme der Quaden und Vandalen, wie auch die weiter östlich wohnenden Sarmaten das Fleisch wilder Pferde, das ihnen dann die christlichen Priester bei der Einführung des Christentums strengstens untersagten. Der Apostel der Deutschen, der heilige Winfried oder Bonifacius, der den 5. Juni 755 bei Dokkum in Friesland den Märtyrertod starb, scheint dies in manchen Fällen noch gestattet zu haben; da aber solche Mahlzeiten stets mit heidnischen Opfern an den Gott Wodan verbunden waren, so verbot der Papst in Rom bald solche Abgötterei. Schon Papst Gregor III. schrieb um 732 an Bonifacius: „Du hast einigen erlaubt, das Fleisch von wilden Pferden zu essen, den meisten auch das von zahmen. Von nun an, heiligster Bruder, gestatte dies auf keine Weise mehr.“

Bild 26. Darstellung eines Wildpferdes aus diluvialer Zeit in der Höhle von La Mouthe in der Dordogne. (Nach Emile Rivière.)

In den Benediktionen oder Segenssprüchen zu den beim gemeinsamen Mahle aufgetragenen Speisen des Mönches Ekkehard IV., magister scholarum ums Jahr 1000, ist auch von wilden Pferden die Rede, die gelegentlich im waldigen Gürtel um die Einöde des Klosters St. Gallen erlegt wurden und deren ausdrücklich als „süß“ bezeichnetes Fleisch dann auf die Klostertafel gelangte. Vielleicht ist der „grimme Schelch“ des Nibelungenliedes, den Siegfried im Wasgenwald erlegte, ein Wildpferdhengst (mit beschälen zusammenhängend) gewesen. In der Weingartner Liederhandschrift spricht Winsbeke in Strophe 46 die Erfahrung aus: „Ein Füllen in einer wilden Herde Pferde wird, eingefangen, eher zahm, als daß ein ungeratener Mensch in seinem Innern Scham empfinden lerne.“ Im Sachsenspiegel bestimmt eine Glosse, daß bei der Zuweisung der fahrenden Habe einer Frau wilde Pferde, die man nicht immer in Hut behalte, nicht zu rechnen seien. In einer westfälischen Urkunde vom Jahre 1316 wird einem gewissen Hermann die Fischerei im ganzen Walde und die wilden Pferde samt der Jagd in jenem Wildforst zugeteilt. 1316 kamen im Münsterschen wilde Pferde vor, die dem zustanden, der den Wildbann inne hatte. Noch ums Jahr 1593 lebten im entlegenen Gebirgsteile der Vogesen wilde Pferde, wie der Elsässer Helisäus Rößlin schreibt. „Diese Wildpferde sind in ihrer Art viel wilder und scheuer, dann in vielen Landen die Hirsch, auch viel schwerer und mühsamlicher zu fangen, ebensowohl in Garnen als die Hirsch, so sie aber zahm gemachet, das doch mit viel Müh und Arbeit geschehen muß, sind es die allerbesten Pferde, spanischen und türkischen Pferden gleich, in vielen Stücken ihnen aber fürgehen und härter seind, dieweil sie sonderlich der Kälte gewohnet und rauhes Futter, im Gang aber und in den Füßen fest, sicher und gewiß seind, weil der Berg und Felsen, gleich wie die Gemsen, gewohnet.“ Diese Wildpferde der Vogesen müssen noch bis ins 17. Jahrhundert gelebt haben; denn wir erfahren, daß 1616 drei Wildpferdschützen von der Stadt Kaiserslautern angestellt wurden, um die Felder der Bürgerschaft vor Schaden durch jene zu bewahren.

Noch viel länger als hier hielt sich das Wildpferd in den ausgedehnten Waldgebieten von Norddeutschland, Polen und Rußland. So kamen nach Erasmus Stella noch im Anfang des 16. Jahrhunderts wilde Pferde in Preußen vor. Das Land der Pommern wird zur Zeit des Bischofs Otto von Bamberg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als reich an Wild aller Art, auch Wildpferden und Wisenten, angegeben. Im Jahre 1132 brachte der Herzog Sobieslaus von Böhmen von einem Feldzuge nach Schlesien eine Anzahl wilder Pferde heim. Nach Töppen jagte man zur Zeit der Deutschordensritter wilde Pferde wie anderes Wild vornehmlich um ihrer Häute willen. Noch Herzog Albrecht erließ um 1543 ein Mandat an den Hauptmann zu Lyck, in welchem er ihm befahl, für die Erhaltung der „wilden Rosse“ zu sorgen. Auch für Polen und Litauen gehen die Hinweisungen auf das Pferd als Jagdtier bis tief ins 17. Jahrhundert hinauf. Für Rußland haben wir einen Bericht von Wladimir Monomach, dem von 1053–1125 lebenden Fürsten von Tschernigow, der in seiner für die Söhne verfaßten Lebensbeschreibung von sich selbst erzählt: „Aber in Tschernigow tat ich dies: ich fing und fesselte eigenhändig 10–20 wilde Pferde lebendig, und als ich längs des Flusses Roßj ritt, fing ich mit den Händen ebensolche wilde Pferde.“