Damals waren in Ägypten die Gestüte königliches Eigentum, dem die Könige große Aufmerksamkeit schenkten. In Dschebel Barkal (dem alten Nepata) fand Mariette eine merkwürdige Stele, auf der erzählt wird, wie ums Jahr 745 v. Chr. der äthiopische König Pianki Meriamen das damals von zahlreichen, aufeinander eifersüchtigen kleinen Fürsten beherrschte Ägypten eroberte. Aus der Schilderung erfahren wir unter anderem, daß die Aufzucht des Pferdes für den Export damals eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes war. Jeder der zahlreichen Teilkönige besaß einen Marstall und ein Gestüt, dessen beste Pferde er dem damals siegreich vordringenden Könige der Äthiopier anzubieten sich beeilte. Letzterer nahm diese Geschenke stets wohlwollend in Empfang. Seine erste Sorge, wenn er wiederum ein neues Teilreich erobert hatte, war, in höchst eigener Person die königlichen Marställe und Gestüte zu besichtigen. In einer Stadt, Hermopolis in Mittelägypten, fand er diese Etablissemente vernachlässigt und die Pferde schlecht gehalten. Da geriet er in großen Zorn und rief aus: Bei meinem Leben, bei der Liebe des Gottes Re, der den Atem meiner Nase erneuert, es gibt in meinen Augen keinen größeren Fehler, als meine Pferde hungern zu lassen!
Bei solcher Wertschätzung der ägyptischen Pferdezucht kann es uns nicht wundern, daß 80 Jahre später, im Jahre 665, als der assyrische König Asurbanipal die ägyptische Residenzstadt Theben einnahm und plündern ließ, er vor allem in dem uns noch erhaltenen Beuteverzeichnis in Keilinschrift, das das Britische Museum besitzt, „große Pferde“ erwähnt. Diese Bezeichnung verdient besonders gewürdigt zu werden, denn sie schließt sich an die dieselbe Tatsache bezeugenden Darstellungen an den Tempelwänden zur Zeit der jüngeren Dynastien Ägyptens an, woraus hervorgeht, daß sich mit der Zeit in Ägypten eine besondere Pferderasse gebildet hatte, die größer und stärker war als die in Syrien und Babylonien gezüchtete. Es ist zweifellos diejenige Rasse, die sich unverändert in Dongolah, im Innern, erhielt und den mit Wattepanzern aus Baumwolle für Pferde und Mensch umgebenen Reitern als hochgeschätztes Kriegsmittel dient.
Durch die Handelsbeziehungen mit Ägypten und Vorderasien hat auch das alte Kulturvolk der Mykenäer auf Kreta und den Ländern am Ägäischen Meer schon vor der Mitte des vorletzten Jahrtausends v. Chr. das Pferd und den von ihm gezogenen zweiräderigen Kriegswagen kennen gelernt und übernommen. So treffen wir schon in den ältesten Partien der Ilias, die teilweise noch Erinnerungen an jene älteste Kulturblüte Griechenlands wach erhält, das Pferd und den Kriegswagen als geschätzte Artikel erwähnt. Sie erwähnt auch in erster Linie der Held Achilleus, wenn er von der ägyptischen Hauptstadt spricht:
„Theben, die hunderttorige Stadt, es fahren aus jedem
Tor zweihundert Männer heraus mit Rossen und Wagen.“ —
Unter diesen Wagen sind natürlich ausschließlich Kriegswagen gemeint. Auf einer frühmykenischen Grabstele aus Agamemnons einstiger Residenz, dem „goldreichen Mykene“, sehen wir in ungeschickter, roher Darstellung einen Mann auf einem von zwei Pferden bespannten leichten Streitwagen dahinfahren. Und überall in der Ilias ist bei den Kämpfen zwischen den Griechen und Troern vor Ilions Veste vom feurigen Renner und dem von ihm gezogenen Streitwagen die Rede, auf dem die Helden in die „männermordende Feldschlacht“ zogen, nachdem sie sich „zum Kampfe gegürtet“, d. h. das bis zu den Knien reichende Hemd mit ganz kurzen Ärmeln, den Chiton, damit er nicht die Bewegungen hindere, hinaufgenommen und mit einem Ledergürtel in dieser Stellung fixiert hatten. Dann hatten sie die ledernen Beinschienen angezogen, die zum Schutze der Schienbeine vor dem Anschlagen des gewaltigen, den ganzen Mann bis zum Kinn vor den feindlichen Geschossen deckenden Lederschildes dagegen dienten. Dieser ursprünglich von einer ganzen, bis 50 kg wiegenden Rindshaut, später aus mehreren solchen hergestellte Schild war in der Mitte zum besseren Schutze eingezogen und daran waren zwei Querspreizen befestigt, an denen man ihn halten konnte. Für gewöhnlich geschah dies aber nicht, wie es mit dem erst später aufgekommenen kleinen Rundschild geschah, sondern der Schild wurde an einem Tragriemen getragen, der auf der nackten rechten Schulter auflag. Auf der Brust und auf dem Rücken kreuzte sich der letztere mit dem Riemen, der auf der linken Schulter auflag und an welchem auf der rechten Seite das Schwert getragen wurde. Beim Gehen trug man den Riesenschild auf dem Rücken, im Kampfe dagegen vor sich; beim Rückzuge nahm man ihn wieder auf den Rücken. Welches Gewicht diese Riesenschilde gelegentlich gehabt haben müssen, kann man sich vorstellen, wenn man in der Ilias vom siebenhäutigen Schilde des starken Priamossohnes Hektor liest.
Bei solcher schweren Bürde waren die Helden gezwungen, in einem zweiräderigen Streitwagen, in welchem sie den gewaltigen Schild vor sich hinstellen konnten, in die Schlacht zu fahren. Dort angekommen, kämpften sie stets zu Fuß, Mann gegen Mann, und nicht vom Wagen herab wie die Vorderasiaten und Ägypter. In der Ilias sind nur fünf, und zwar alles nachweisbar späte Stellen, in welchen auch von den Griechen von dem mit zwei flinken Pferden bespannten Wagen herab gekämpft wird. Auch zum Fliehen bediente man sich wiederum des Wagens, indem der außer Schußweite auf den Ausgang des Einzelkampfes wartende Wagenlenker bei Bedrängnis seines Herrn rasch herbeieilte, um ihn aufzunehmen und in Sicherheit zu bringen. Bei Homer haben nur die Bogenschützen keine Schilde und fahren deshalb nie. Ja, ein Held, der zwölf Wagen und die dazu gehörenden prächtigen Doppelgespanne sein Eigen nannte, ließ diese seine Habe vorsichtigerweise zu Hause und kämpfte zu Fuß als Bogenschütze.
Der Panzer ist dem homerischen Epos durchaus fremd und war bei dem vorhin beschriebenen gewaltigen Schilde durchaus unnötig, ganz abgesehen davon, daß er den Mann, der am schweren Schilde genug zu schleppen hatte, noch unnötig beschwert hätte. Selbst der Kriegsgott Ares trug nach der Schilderung in der Ilias keinen Panzer. Die einzige Bewaffnung der Helden wie auch ihres Anführers ist außer dem Helm von Leder, vielfach mit Eberzähnen überstickt, wie solche in einem Volksgrabe von Mykenä gefunden wurden, und dem vorgenannten großen Schild der mäßig lange Wurfspeer und das kurze Schwert an der rechten Seite. Wer unbeschildet war, trug Pfeil und Bogen. Wer aber als „Schwerbewaffneter“ in den Kampf zog, ließ sich, wenn er es irgendwie vermochte, auf dem Streitwagen dahin führen. So begreifen wir die Notwendigkeit der homerischen Helden, einen Streitwagen zu führen, und fühlen mit dem Dichter, der das edle Pferd als Liebling und Begleiter der Krieger in prächtigen Schilderungen verherrlicht, wie etwa in der folgenden:
„Gleich wie das Roß, das lang im Stall sich genährt an der Krippe,
Seine Fessel zerreißt und stampfenden Hufs durch die Ebne