Noch vieles sonst weiß dieser Autor von Pferden zu sagen, von dem wir Einiges hier mitteilen möchten. Er schreibt: „Als vorzüglich werden die skythischen Pferde gerühmt. Als ein Anführer der Skythen in einem Zweikampfe getötet worden war, wurde sein Feind, da er ihm die Waffen abnehmen wollte, von dessen Pferd durch Biß und Hufschlag niedergemacht. Die Gelehrigkeit der Pferde ist so groß, daß alle Pferde der sybaritischen Reiterei nach dem Takte der Musik zu tanzen gewöhnt waren. — Die Pferde haben ein Vorgefühl von bevorstehenden Schlachten, trauern über ihren verlorenen Herrn und vergießen zuweilen Tränen der Sehnsucht. Als König Nikomedes getötet worden war, hungerte sich sein Pferd zu Tode. Phylarchus erzählt, daß, als der Galater Centaretus das Pferd des in der Schlacht gefallenen Antiochus siegestrunken bestiegen hatte, das edle Tier sich unwillig in die Zügel gelegt und in einen Abgrund gestürzt habe, so daß beide zerschmetterten. Philistus schreibt, das Pferd des Dionysius sei von diesem im Schlamme steckend verlassen worden, habe sich wieder herausgearbeitet, sei den Spuren seines Herrn nachgezogen, unterwegs habe sich ein Bienenschwarm an seine Mähne gehängt. Durch diese gute Vorbedeutung ermutigt, habe sich Dionysius dann der Herrschaft bemächtigt.

Die unbeschreibliche Klugheit der Pferde lernen diejenigen schätzen, welche reitend den Speer werfen, denn sie unterstützen des Reiters Anstrengung durch die Stellung ihres Körpers. Die auf der Erde liegenden Speere heben sie auf und reichen sie dem Reiter. (Plinius, ein tüchtiger Reitergeneral, schrieb ein besonderes Buch „über die Kunst des Kavalleristen, den Speer zu werfen“.) — Die in der Rennbahn zum Wettlauf Angeschirrten zeigen deutlich, daß sie die Mahnungen verstehen und den Ruhm zu schätzen wissen. Bei den Säkularspielen des Kaisers Claudius wurde beim Wettlauf ein Wagenlenker namens Corax (Rabe) vom Wagen geschleudert; aber seine Pferde kamen allen zuvor, versperrten den einen den Weg, warfen andere um, kurz taten alles, was sie unter der Leitung eines geschickten Wagenlenkers hätten tun können, und standen zur Beschämung der Menschen zuerst am Ziele. — Für eine wichtige Vorbedeutung galt es bei unsern Voreltern, daß Pferde von einem Wagen, von welchem der Fuhrmann herabgestürzt war, als ob er noch daraufstände, aufs Kapitol und dreimal um den Tempel liefen; aber noch wichtiger schien es, als Pferde mit Kränzen und Palmzweigen von Veji aufs Kapitol gerannt kamen. nachdem Ratumenna, der dort im Wettlaufe gesiegt hatte, vom Wagen gestürzt war. Das Tor, durch das sie hereinkamen, heißt seitdem das Ratumennische. Wenn die Sarmaten (ein Nomadenvolk im Norden des Schwarzen Meeres) eine weite Reise unternehmen wollen, so bereiten sie die Pferde tags zuvor durch Fasten darauf vor, geben ihnen auch nur wenig zu saufen und reiten dann ohne auszuruhen 150000 Schritte weit. — Hengste können 50 Jahre alt werden; Stuten aber sterben früher. Hengste wachsen bis ins 6., Stuten bis ins 5. Jahr.“ Umgekehrt wie Plinius schreibt Aristoteles: „Der Hengst wird 35, die Stute über 40 Jahre; ja, es ist schon einmal ein Pferd 75 Jahre alt geworden.“

Welche Bedeutung die Pferde schon bei den Griechen, besonders aber bei den Römern bei den Rennen zu Wagen und unter dem Reiter erlangt hatten, ist aus mancherlei Angaben von Schriftstellern zu ersehen. So berichtet Pausanias (der Bädeker des Altertums, dem wir wertvolle Nachrichten über verschiedene Kultstätten und der darin aufgestellten Weihgeschenke verdanken, er lebte im 2. Jahrhundert n. Chr.): „In der 66. Olympiade gewann Kleosthenes zu Olympia den Preis im Wagenrennen und stellte dann in Olympia den betreffenden Wagen nebst seiner eigenen Bildsäule und der seines Wagenlenkers und seiner Pferde auf. Es sind auch die Namen der Pferde (bei den Wettrennen mit Wagen in der Rennbahn fuhr man stets mit einem Viergespann): Phönix, Korax, Knacias und Samos, angemerkt. Auf dem Wagen steht die Aufschrift: „Kleosthenes aus Epidamnos hat mit Rossen im schönen Wettkampfe des Zeus gesiegt.“ — Der Korinthier Phidolas hatte nach Olympia einen Wettrenner mit Namen Aura gebracht. Dieser warf gleich beim Beginn des Laufes seinen Reiter ab, lief aber doch ganz regelmäßig weiter und gewann den Preis. Phidolas bekam die Erlaubnis, die Bildsäule seines Pferdes zu Olympia aufzustellen“.

Bei den Griechen wurden berühmte Pferde nicht nur im Leben, sondern auch nach dem Tode ausgezeichnet und mit Denkmälern geehrt. So schreibt Herodot: „Der Athener Kimon, Vater des Miltiades, siegte zu Olympia dreimal mit dem Viergespann. Das Grab Kimons steht vor Athen an der Hohlen Straße, ihm gegenüber das Grabmal seiner vier siegreichen Rosse. Nur die Rosse des Lakoniers Euagoras haben es jenen gleichgetan.“ Aber erst zur römischen Kaiserzeit wurde die Pferdeverehrung auf die Spitze getrieben. So berichtet uns der Geschichtschreiber Dio Cassius: „Kaiser Caligula hatte ein Pferd namens Incitatus (d. h. der Angespornte), das mit ihm speiste, die Gerste aus einer goldenen Schüssel fraß, den Wein aus goldenen Pokalen trank. Bei diesem Pferd pflegte der Kaiser zu schwören; auch wollte er es zum Konsul ernennen, aber der Tod vereitelte dieses Plänchen. — Der Kaiser baute sich auch selbst einen Tempel, bestellte seine Gemahlin, sein Pferd und mehrere reiche Leute zu Priestern und ließ sich täglich Vögel von delikatem Geschmack und teurem Preise opfern. — Kaiser Nero hatte eine merkwürdige Liebhaberei für Wettrennen. Waren ausgezeichnete Renner da, so ließ er sie einen prachtvollen Staatsrock anziehen und ihnen regelmäßigen Gehalt bezahlen. Dadurch kam es bald dahin, daß die Besitzer solcher Pferde und deren Stallknechte so übermütig wurden, daß sie sich sogar gegen Generäle und Konsuln flegelhaft benahmen. Der General Aulus Fabricius wußte sich aber zu helfen und rächte sich damit, daß er Wagen mit Hunden bespannte. — Kaiser Hadrian war ein sehr eifriger Jäger, brach einmal auf der Jagd das Schlüsselbein und ward lahm, ließ aber seinem Jagdpferde namens Borysthenes, als es gestorben war, eine Denksäule mit einer Aufschrift setzen. — Kaiser Commodus hatte einen Wettrenner gern, der Pertinax hieß. Als dieser einmal gesiegt hatte, schrieen die Leute: ‚Pertinax ist Sieger!‘ Als das Pferd alt wurde, ließ ihm Commodus die Hufe vergolden, eine vergoldete Schabracke auflegen und befahl, es in den Zirkus zu führen. Als es da erschien, schrieen die Leute: ‚Da kommt Pertinax!‘ Dies waren die Vorbedeutungen, die anzeigten, daß der Ligurier Pertinax nach der Ermordung des Commodus Kaiser werden mußte“. Julius Capitolinus berichtet: „Kaiser Verus trug stets das goldene Bild seines Pferdes namens Volucer bei sich. Er fütterte das Tier mit Rosinen, Nuß- und Mandelkernen, er schmückte es mit purpurfarbigen Schabracken und errichtete ihm, als es gestorben war, auf dem Vatikan ein Grabmal“ und Älius Lampridius meldet: „Kaiser Heliogabalus fütterte seine Pferde mit Rosinen, die er aus Apamea in Phrygien bezog“.

Bild 28. Ein im Jahre 1900 in Schonen, Südschweden, an einem vorgeschichtlichen Opferplatz ausgegrabener Pferdeschädel mit noch in der Stirne steckendem abgebrochenem Steindolch in Seitenansicht. (Nach Gunnar Andersson.)

Nach Älian sollen die Oreïten und Adraster (indische Völker) ihre Pferde mit Fischen gefüttert haben, ebenso die Kelten. Wir sahen bereits bei der Besprechung des Rindes, daß man tatsächlich in grasarmen Gegenden, so z. B. auf der Insel Island, zu einem solchen Hilfsmittel griff und es an manchen Orten heute noch tut. Auch scheinen die indogermanischen Stämme bis in die historische Zeit das Pferdefleisch als besonderen Leckerbissen geliebt zu haben. Bei den alten Germanen galt es als vornehmstes Opfer, ein Pferd zu schlachten und dessen Fleisch beim Göttermahle zu verspeisen. Daß sich die Gottheit besser des Opfers erinnere, wurde der abgefleischte und des Gehirns entleerte Schädel gern am Dachfirst befestigt. Da nun das Pferdefleischessen stets mit heidnischen Opfern verbunden war, wurde dasselbe als minderwertig und unrein erklärt. Als alles dies nichts fruchtete, wurde von Rom aus die Todesstrafe darauf gesetzt. So vermochte man mit vieler Mühe den alten Deutschen die Freude am Pferdefleischgenusse zu verleiden, so daß heute, da die Gründe, die zu dessen Verbot führten, hinfällig geworden sind, die Tierschutzvereine die größte Mühe haben, das damals dem Volke beigebrachte Vorurteil zu beseitigen. Auch die Römer opferten jährlich im Oktober auf dem Marsfelde dem Mars ein Pferd. Dieses hieß beim Volke das Oktoberpferd. Ferner opferten die Massageten, Parther und Skythen ihrer obersten Gottheit Pferde, ebenso die Perser. Strabon berichtet, daß Alexander der Große in Pasargadä, der alten Residenzstadt der Perserkönige, das Grabmal des Cyrus von Magiern bewacht fand, denen täglich ein Schaf und monatlich ein Pferd zur Nahrung verabreicht wurde. Neben dem Fleisch haben nur die Steppenvölker Südrußlands und Asiens auch die Milch der Pferde genossen, und zwar stellten sie mit Vorliebe daraus ein von den Kirgisen als Kumis bezeichnetes berauschendes Getränk her. Bei den Germanen war dies nicht der Brauch, wohl aber bei den Litauern und Esten, die solche Sitte von den südöstlichen Nachbarn angenommen hatten.

Bild 29. Der in der vorhergehenden Abbildung dargestellte Pferdeschädel mit Steindolch in Rückansicht. Die ganze Form und Bearbeitung des Dolches beweist, daß er der jüngeren schwedischen Steinzeit angehört. Die Art und Weise, wie der Dolch in den Schädel hineingetrieben ist, zeigt, daß dies von geübter Hand und mit großer Kraft zu Lebzeiten des bei irgend welchem Götterfeste geopferten Tieres geschah; denn er ist, ohne den Schädelknochen auch nur im geringsten zu splittern, 4,7 cm tief ins Gehirn gedrungen und muß augenblicklich tödlich gewirkt haben.

Bei den Germanen und den mit ihnen verwandten Wenden hatte das Pferd eine besondere sakrale Bedeutung, indem es, besonders in weißgefärbten Exemplaren, als dem Kriegsgott heiliges Tier galt, das man ihm zu Ehren in dessen heiligen Hainen in halber Freiheit hielt, in der Annahme, daß sich der Gott ebensosehr als der Mensch an solchem Besitz erfreuen werde. Überreste von dieser uralten Sitte lassen sich mehrfach in Ortsbezeichnungen nachweisen. So rührt das Mecklenburgische Schwerin vom wendischen Worte Zuarin, das Tiergarten bedeutet, her. Gemeint damit ist aber nicht ein Wildpark für das Jagdvergnügen der Vornehmen, sondern ein heiliger Hain, in welchem das dem slavischen Kriegsgotte Swantewit geheiligte Tier, das Pferd, gezüchtet wurde. Solche Pferdezucht in eingehegten heiligen Bezirken läßt sich auch für Deutschland nachweisen und hielt sich auch nach der Einführung des Christentums für profane Zwecke im Gebrauch. So hat Stuttgart, d. h. Stutengarten, seinen Namen von dem Gestüt, das Kaiser Ottos I. Sohn Liutolf im Jahre 949 in den dortigen Waldungen anlegte.