Henriette. O, ich will nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Aber sehen Sie Herrn Agrippinus; er ist wirklich schon wieder tausend Meilen von uns.
Arzt. Nicht ganz so weit, glaub ich. Doch ich kenne einen Zauber, mit dem ich ihn zu uns banne. (Er singt): Un troubador —
Arzt. Sehen Sie! Das wirkt so rasch, wie Blausäure.
Agrippinus. Ich habe wirklich um Verzeihung zu bitten, es ist so manches — ich dachte —
Henriette. Mein Gott, warum denn Entschuldigungen? Sie sollten aber ihre Freunde anklagen, die nicht ganz ohne Schelmerei gegen Sie zu verfahren scheinen. Wir sind ja hier auf dem Lande; der ängstliche Zwang der Gesellschaften muß hier wegfallen. Wie wäre es, wenn wir ein wenig auf der Wiese umhergingen! Das zerstreut vielleicht die trüben Wolken von der Stirn unsers nachdenkenden Gesellschafters.
Man nahm den Vorschlag mit Vergnügen auf. Die Ruhenden erhoben sich und begleiteten die reizende Henriette, die muntern Schrittes voran über die Wiese hüpfte. Sie sah heiter aus, wie der Frühling. Das leichte Gewand flatterte im frischen Zuge der Luft, die braunen Locken fielen reizend über ihren Nacken, und sie nahm den schirmenden Sommerhut ab, um die Lüfte frei um die lieblich blühenden Wangen spielen zu lassen. „Sie ist ein Engel!“ flüsterte Wicke dem Obristlieutenant in’s Ohr. „Ja, für sie,“ fiel Hayfisch ein, „wäre es noch der Mühe werth gewesen, das Leben zu wagen.“ Dabei brüstete er sich und sah stolz umher. — Es wurde indeß nach und nach wärmer, ja sogar ziemlich heiß. Alles war in leichten Sommerkleidern und empfand daher die Wärme nicht so sehr. Doch Wicke und Hayfisch, deren Vorsicht sie zu dreihäutigen Schlangen gemacht hatte, bewegten sich keuchend in ihren winterlichen Gewändern. Sie waren daher froh, als Henriette ihren raschen Schritt einigermaßen anhielt und langsamer den Weg zurück nach dem Dörfchen einschlug. Werner hatte sich ihr genähert, sie nahm seinen Arm und lehnte sich recht vertraulich auf ihn, indem sie ihn mit einem unbeschreiblich holden Blick ansah.
Wicke, Hayfisch und der Obristlieutenant gingen hinterher. „Der verdammte Musikant,“ fing der Letztere an, „ich wollte, der Teufel holte den Geigenkratzer, oder was er sonst seyn mag. Ist er denn nicht immer der Nächste an ihr? Und unser einer muß demüthig nachziehen!“ „Ja, es ist zum Verzweifeln!“ rief Wicke. „Sehen Sie, die Kleine ist heut so allerliebst, daß ich im Stande wäre, mich ernsthaft in sie zu verlieben! Ja wahrhaftig, ich glaube, ich könnte ihr meine Hand antragen, wenn ich nicht fürstlicher Rath wäre!“ „Wahrhaftig, Rath,“ sprach Hayfisch, „ich hab’s auch still bei mir gedacht; sie ist so verführerisch, die kleine Kokette, daß, wenn ich eine Messaliance thun könnte, sie die einzige wäre, die mich dazu zu verleiten im Stande wäre.“ „Sacht, sacht, meine Herrn,“ erwiederte der Obrist-Lieutenant, „wenn es der Musikant hört, so ist der Teufel los, und man könnte sich doch mit dem nicht schlagen.“ Unter diesen Gesprächen waren sie ins Dorf gekommen und langten bald vor dem Wirthshause an. Da noch niemand von den erwarteten Herrschaften angelangt war, gingen die Herrn ein wenig auf den großen Weg hinaus, um den Ankommenden zu begegnen, während Henriette, Wilhelmine und die Pflegerin sich hinauf begaben, um ein wenig zu ruhen. Als die Herrn vors Dorf kamen, bemerkten sie einen Zug Artillerie, der aus mehreren Wagen und Geschützen bestand, und die Chaussee hinab nach der Stadt fuhr. Sie freuten sich der schönen Ordnung der Bespannung und der wohlgebauten Fahrzeuge. Der Offizier, ein schöner stattlicher Mann, der den Zug zu Pferde begleitete, kannte den Obrist-Lieutenant, sie begrüßten sich, und der Hauptmann hielt sein Pferd an, um mit den Herrn einige Worte zu sprechen.