Indessen marschirte der Zug weiter. Die Herrn verwickelten sich in ein Gespräch, das wohl zehn Minuten gedauert haben mochte, so daß die Kanonen ihnen schon fast aus dem Gesichte gekommen waren. Jetzt sah sich der Hauptmann um, und fand für gut, seiner Mannschaft eiligst nachzusprengen, nachdem er zuvor versprochen hatte, noch nach Strahlheim heraus zu kommen, um an der Landparthie Theil zu nehmen. Im vollen Gallopp ritt er davon, daß der Staub hinter ihm hoch aufstieg. Unsere Freunde wandelten indeß die Chaussee noch etwa hundert Schritte weiter hinauf bis an eine Stelle, wo sie sich theilte und in zwei Armen nach zwei verschiedenen Stadtthoren führte. Hier setzten sie sich auf eine am Wege stehende Bank, um abzuwarten, wenn die ersten Wagen der Gesellschaft ankommen würden.
13. Die Wette. Die Ankommenden. Das Mittagsessen.
Nach einigen Minuten hörten sie das Gerassel eines Pferdes, und sahen Staub auf der Straße aufsteigen, die die Artillerie nicht gefahren war. Bald erkannte man einen Reuter, der in vollem Carriere daher sprengte. Als er näher kam, sah man, daß es der Rittmeister Holm von der fürstlichen Leibgarde war, der ebenfalls zu den Verehrern der schönen Henriette gehörte. Er parirte auf dem Punkt, wo die Straßen zusammen kamen, und sein erstes Wort war: „Ist der Lord Monday schon hier?“ „Nein,“ war die Antwort. „So habe ich hundert Flaschen Champagner gewonnen, und die hat mein Schimmel verdient, dafür soll er auf Ehre das ganze Jahr reinen Hafer fressen! Aber zum Teufel, der Lord kommt ja noch nicht? Zu sehn müßte er doch wenigstens seyn.“ „Was hats denn gegeben, lieber Rittmeister?“ fragte der Obrist-Lieutenant. „Wir haben gewettet, wer der Erste hier seyn würde. Vom A. Platz sind wir zugleich ausgeritten. Ich durchs F— Thor, er durch St— Thor. Sein Weg ist etwa hundert Schritt länger als der meinige, aber die hat er auf seine braune Stute gerechnet. Hier war das Ziel der Wette. Wer zuerst ankäme, sollte den andern hier erwarten. Ich kann mir nicht anders denken, als daß er gestürzt seyn muß, denn ich hoffte auf meine Ehre nicht die Wette zu gewinnen, weil die Stute ein kapitales Pferd ist. Mein Schimmel ist auch keine Kuh, im Gegentheil ein äußerst braves Pferd, aber die Stute!“ Hier unterbrach ihn Werner: „Da es wahrscheinlich ist, daß der Lord gestürzt sey, so dächt ich, machten wir uns auf den Weg ihm entgegen!“
„Ja, auf Ehre, Sie haben Recht, mein Liebster,“ sprach der Rittmeister, „der arme Kerl hat vielleicht ein Unglück gehabt. Ich werde sacht voraus traben, mein Pferd darf sich so nicht rasch abkühlen. Sie sind doch meine Zeugen, daß ich zuerst hier gewesen bin?“ Damit trabte er die Chaussee hinunter. Doch ehe er noch hundert Schritte geritten war, sah man schon den Lord um die Ecke des Weges reiten. Sein Pferd jagte ebenfalls ventre à terre. Als er den Rittmeister ansichtig wurde, parirte er und ritt ihm im Schritt entgegen. Beide kehrten zusammen um, und der Rittmeister schien vor Lachen bersten zu wollen. Denn er saß auf dem Pferde und hielt sich beide Seiten, indem er den Oberleib immer auf und nieder beugte. Endlich vereinigten sich die Reuter mit der Gesellschaft, und nun erzählte der Lord sein Unglück. „Goddam,“ rief er, „die verteufelte Artillerie. Ich kam wie ein Wetter die Chaussee herunter geritten, da versperrte mir die Kolonne den Weg. Ich schrie. Platz! Platz! Aber alle Kanonier sind taub wie Holz. Ich wollt’ es wagen und an der Seite vorbei reiten, obwohl ich einen Fuß dabei lassen konnte, allein meine verwünschte Stute scheute sich vor den Kanonen, denn ich habe sie einmal beim Maneuvre zu nah in den Schuß geritten, sie prallte zurück, bäumte sich, überschlug sich, und da lag ich im Staube. Die Leute halfen mir dann wieder auf und klopften mir den Staub ab. Aber die Wette ist verloren.“ Der Obrist-Lieutenant äußerte sein Bedauren über dieses Mißgeschick, und fragte, woher denn der Lord die rothen und blauen Streifen im Gesichte habe, die sogar an einigen Stellen ein wenig mit Blut unterlaufen zu seyn schienen? „Ich muß mit dem Gesicht durch die Pappelzweige gestreift seyn,“ erwiederte der Lord und wurde etwas roth; Werner maß die Höhe, in der die Zweige anfingen und schüttelte den Kopf. Der Rittmeister konnte nicht aufhören zu lachen, und rief, einmal über das andere: „Die Artillerie soll leben!“ Ein Reitknecht des Lords, der mittlerweile nachgekommen war, nahm ihm und dem Rittmeister die Pferde ab. Darauf setzte die ganze Gesellschaft sich wiederum auf die Bank an der Ecke, um die Theilnehmer der Landparthie ankommen zu sehn. Zuerst rollte ein Whisky herbei, auf welchem Regenbogen in der zierlichsten Sommerkleidung saß. Die untere Hälfte seines eleganten Ichs war weiß, die obere hellgrün; ein silbergrauer Pariser Strohhut schützte ihn vor der Sonne; eine Badine spielte nachläßig in seiner Hand. Man konnte die Toilette nicht geschmackvoller wählen. Dies Zeugniß hatte er sich, als er vor dem Einsteigen noch einmal in den Spiegel schaute, selbst gegeben, indem er ausrief: „Regenbogen, du siehst aus wie die Grazie der ländlichen Gefilde!“ Hinter diesem rollten der Hanswurst und Hemmstoff, auf deren neugierigen Gesichtern man die Frage nach dem Duell las. Die stolze Miene des Siegers Hayfisch, denn dafür hielt er sich, bezeugte ihnen, daß ihm kein Haar gekrümmt sey. Jetzt fuhr der Director Brückbauer mit seiner Gemahlin und Augusten an den Herrn vorüber und ins Dorf hinein. Wicke und Hemmstoff grüßten höflichst beflissen, doch Auguste erwiederte das Kompliment sehr kalt. Nach einigen Minuten rollte auch der Regisseur mit zwei Damen vom Theater herbei, und rasselte vor das Wirthshaus. Mehrere uns unbekannte Familien mögen unbekannt bleiben. Ganz zuletzt kam unser Freund, der Abbe, der ein Frühstück, zu dem er bei einer alten Freundin, der Frau von W. geladen war, nicht hatte im Stich lassen wollen. Als man ihn deshalb neckte, sprach er: que voulez vous? Est ce que le prêtre doit être le premier dans l’eglise? — Wir lassen nun die vereinigte Gesellschaft gemächlich ins Wirthshaus gehn und sich an die Tafel setzen. Der Lord wollte Henrietten zu Tisch führen, allein sie erwiederte ihm ausweichend: „Ihro Herrlichkeit, ich darf nicht vergessen, daß ich Gäste habe,“ nahm Werners Arm, der auch Wilhelminen führen mußte, und ließ zur Linken ihre alte Pflegerin sitzen. Wicke hatte Augusten den Arm geboten, doch sie entschuldigte sich damit, daß sie zu Brückbauer gehöre, und ließ ihn stehn. Hemmstoff wußte, daß es ihm nicht besser gehen würde, daher fürchtete er sich einen Versuch zu machen. Er hielt sich also zum Abbe, der sich wieder an das Essen und die Flasche zu halten dachte. Sie paßten überhaupt beide vortrefflich zusammen. Nicht allein wegen ihrer ähnlichen Neigungen und gastronomischen Bestrebungen, sondern auch weil von beider Haupt ein lichter Mondschein (der Heiligenschein der Lebemänner) herabdämmerte. Da der Lord mit dem Gestirne seiner Liebe nicht in Conjunktion kommen konnte, so hatte er die Stellung im Gegenschein für die vortheilhafteste gehalten, und sich gerade gegenüber gesetzt. Von diesem Platze bestrahlte er sie mit feurigem Blicke und strömte eine Lavafluth von begeisterten Reden aus, die das Herz seiner Göttin bei ihm erwärmen sollte. Doch Werner wußte geschickt mitunter einen Eiszapfen in des Lords glühenden Busen zu stecken, der ihn sichtlich fast erstarren machte. So fragte er ihn z. B. einmal mitten in der Rede, ob nicht der Graf Klammheim aus W. angekommen sey; er habe gestern eine Equipage mit der Livree desselben fahren sehn. Der Lord, mochte er nun glauben, daß er angeführt worden sey, oder daß ein Mißverständniß obgewaltet habe, mußte diese Erinnerung höchst verdrießlich empfinden. Denn er hatte eine halbe Ahnung, daß er doch vielleicht ein wichtiges Gespräch versäumt haben möge, und fühlte sich nicht vorwurfsfrei, indem er weder, wohin er geritten war, in seinem Hotel hinterlassen, noch sich näher erkundigt hatte, ob der Graf wirklich angekommen sey. Deshalb stockte plötzlich der Strom seiner Rede, und er antwortete nur kurz: „Ich habe auch davon gehört, es mag aber ein Mißverständniß seyn; bei mir ist er noch nicht gewesen.“ Nach einigen Minuten richtete er wieder eine starke Apostrophe an Henrietten. Plötzlich fuhr Werner dazwischen. „Ach, Sie wissen noch gar nichts von dem Unglück Ihrer Herrlichkeit! Sehen Sie, Sie haben eine Wette verloren und sind noch dazu vom Pferde geworfen worden, und was das schlimmste ist, in die Zweige der Pappeln hinein. Sehn Sie nur die rothen Striche auf Ihrer Herrlichkeit Antlitz; das sind die Spuren davon!“ „Das thut mir leid,“ sagte Henriette aufrichtig, „nur begreife ich nicht,“ fügte sie unschuldig hinzu, „wie sie in die Pappelzweige gerathen sind. Die scheinen mir doch viel höher zu seyn als ein Reuter.“ „Ei,“ rief Werner, „das Pferd hat ihre Herrlichkeit vermuthlich erst hoch in die Luft geworfen!“ „Das muß ein schrecklicher Fall gewesen seyn,“ bedauerte Henriette. „Eine Kleinigkeit, passons la dessus,“ erwiederte der Lord, „Sie sehn, ich bin ganz wohl.“ Doch dies schien nicht wahr zu seyn, denn plötzlich wurde er blaß und roth, und kam fast außer Faßung. Unmöglich konnte die Ursach davon die seyn, daß der Artillerie-Hauptmann, der noch nach Strahlheim zu kommen versprochen hatte, eben unvermuthet in den Saal trat. Doch ließ sich nichts anders ersinnen, was Sr. Herrlichkeit so in Unruhe hätte setzen können; es mußte daher wohl die Erinnerung an den Fall, und den damit verknüpften Verlust und Aerger seyn, die durch die Erscheinung des Artillerie-Offiziers aufs neue höchst lebhaft erweckt wurde. Auch der Hauptmann war erstaunt, erwähnte indeß nichts von dem Vorfall (vermuthlich aus Delikatesse) und nahm neben dem Obrist-Lieutenant Platz. Die letzt erzählte Agitation hatte den Lord ganz einsilbig gemacht, und es ist eben weiter nicht viel von ihm zu erzählen. Die ganze Tafelzeit verstrich überdies unter unbedeutenden Gesprächen, so daß wir sie kurz überspringen können. Den Kaffee nahm die Gesellschaft auf dem Balkon ein.
14. Spiele auf der Wiese. Die Wasserfahrt.
Die Sonne war jetzt allmählig tiefer gesunken, und man fand die Zeit sehr passend, um auf der Wiese einige Spiele zu veranstalten. Wicke und Hayfisch schlugen dagegen eine Wasserfahrt vor, allein der Obrist-Lieutenant widersprach ihnen, und meinte die Wasserfahrt müsse gemacht werden, wenn sich die Sonne fast zum Untergang neigte, weil dann erstlich die Landschaft am schönsten beleuchtet sey, und zweitens das Blenden und Stechen der Sonne, was auf dem Wasser unerträglich sey, aufhöre. „Zudem,“ fügte er in einer bei ihm seltenen Begeisterung hinzu, „was läßt sich reizenderes denken, als in der lieblichen Abendkühle auf den purpurn sich brechenden Wellen zu treiben und den Mond abzuwarten, der heut voll wird, und herrlich aufgehn muß? Entscheiden Sie, schöne Henriette, habe ich nicht Recht?“ Henriette erwiederte: „Ich habe hier nur eine Stimme zu geben, und die ist mit Vergnügen die Ihrige, doch behaupte ich, daß die Damen einzeln befragt werden müssen, ob sie die Kühle des Abends nicht fürchten. Wenn das wäre, so müßten wir lieber jetzt fahren und die Spiele aufgeben.“ Dies geschah, doch alle entschieden sich für den Obrist-Lieutenant. Man konnte eigentlich nicht recht begreifen, was Wicke und Hayfisch gegen die Gesellschaftsspiele hatten, doch der Obrist-Lieutenant schien es geahnt zu haben, und wußte sie nachher in die Enge zu treiben. Es war nämlich nichts anders, als ihre vorsichtige Kleidung, in der sie schon Hitze genug ausstanden, die sie nicht durch Springen und Laufen vermehren mochten. Als man daher auf die Wiese gegangen war und berathschlagte, was man spielen könnte, schlug er zuerst das Spiel: Katze und Maus vor, welches mit Beifall angenommen wurde. Unter den Damen wurde durchs Loos die Maus, unter den Herrn die Katze bestimmt. Der Obrist-Lieutenant, der alles anordnete, wußte es so einzurichten, daß Wicke die Katze spielen mußte. Er machte tausend Entschuldigungen, allein es half ihm nichts. Der Zufall wollte, daß Henrietten das Loos der Maus zugefallen war. Es war jetzt Wickes Aufgabe, die niedliche Maus zu haschen, und unter andern Umständen hätte ihm nichts willkommener seyn können, auch ward der Lord förmlich eifersüchtig auf ihn: doch jetzt, wo er vor Hitze schon fast umkommen wollte, schien es ihm eine förmliche Pein. Er hätte sich gerne langsam und träge benommen, allein das würde ihm solche Neckereien gebracht haben, daß er dachte, „thue dein Möglichstes, sie rasch zu greifen, so ist der Scherz bald vorbei.“ Der Kreis wurde jetzt geschlossen, und der Katze ein Durchgang angewiesen, während die Maus überall den Freipaß des Aus- und Einganges erhielt. Wicke stand außerhalb des Kreises, Henriette inwendig. Das Signal wurde gegeben, und der Rath sprang, wie ein Löwe auf die Beute, mit einem ungeheuren Satz auf Henrietten zu. Doch sie bückte sich leicht und war außerhalb des Kreises. Jetzt versuchte Wicke die Mauer zu durchbrechen. Er rannte sich dreimal als Mauerbrecher gegen den Lord und den Obrist-Lieutenant, doch vergeblich. Jetzt wandte er sich zur List. Durch verstellten Angriff suchte er Henrietten in die Nähe der Stelle zu treiben, wo ihm der Ausgang offenstand. Dies gelang ihm, doch floß der Schweiß schon in großen Tropfen von seiner Stirn. Jetzt plötzlich wandte er sich und schoß hinaus. Die überraschte Henriette, der nicht mehr Zeit genug blieb, sich in den Kreis zu begeben, floh wie eine Taube rings um denselben herum, und Wicke hinterdrein, wie Achill hinter Hektor. Da er aber schon fast athemlos war, konnte er die leichtfüßige Grazie nicht einholen, und als sie dies bemerkte, hüpfte sie ohne Anstrengung vor ihm her, dreimal um den Kreis herum, während der Rath schwer keuchend nachsetzte. Ein helles Gelächter brachte den armen Teufel noch mehr in Wuth, und er beschloß nun alles daran zu setzen, um sich den Fang nicht entgehen zu lassen. Allein die Jugend war auch eben nicht sein Fehler, und er fing jetzt erst an, das erste Mal zu bemerken, daß er eigentlich schon das sey, was der französische Lustspieldichter einen alten Jüngling nennt, denn die Glieder wollten dem Willen nicht mehr gehorchen, und fast brachen schon die Kniee unter ihm zusammen. Henriette schlüpfte jetzt in den Kreis und verschaffte ihm dadurch Luft, indem er nun nicht mehr nöthig hatte, sie zu verfolgen, sondern sie sich (man verzeihe den Jagdausdruck) stellen konnte. Mit einem Male ging es ihm wie ein Blitz auf. Daß Agrippinus seiner Wunde wegen nicht eben fest halten konnte, war natürlich, zugleich stand neben diesem die schüchterne Wilhelmine. Napoleon hat nie einen so glücklichen Operationsplan entworfen als Wicke in dem Augenblick machte. Dort, nirgend anders, war der Schlüssel zur Position. Durch Scheinangriffe trieb er Henrietten auf die morsche Stelle in der Mauer. Kaum hatte er sie daselbst, so rannte er an wie eine Schneelavine, brach glücklich durch, und — plumpte lang auf den Rasen nieder, während Henriette durch eine behende Bewegung entrann. Durch den Chok waren ihm sämmtliche Westenbänder geplatzt, auch hatten die Tragbänder einen starken Riß bekommen; daher mußte er nun die Sache aufgeben, und bekannte mit verzweifelter Miene, er könne nicht mehr. Der Oberst-Lieutenant, der Sekundant und der Arzt, die die Sache ahnen mochten, lachten innerlichst vergnügt über das unwillkührliche russische Bad, welches Wicke nehmen mußte. —
Man schlug jetzt ein anderes Spiel vor, nämlich: den dritten abzujagen. Ich beschreibe das Spiel nicht weil es jedermann kennt. Werner war zuerst der Führer des Plumpsacks; er schien durch eine glückliche Divinationsgabe zu ahnen, daß Hayfisch eben so wenig zum Laufen angekleidet seyn möchte als Wicke, daher lauerte er ihm auf und traf ihn glücklich. Er hatte sich nicht geirrt, denn Hayfisch schien in einer Art von Verzweiflung, daß das Unglück ihn so verfolgte. Kleinmüthig nahm er das linnene Zepter seiner Würde, und setzte sich in Lauf. Er kalkulirte richtig, daß Wicke der Erschöpfteste seyn müßte, und glaubte ihn daher am leichtesten zu haschen; deshalb richtete er sein Auge auf ihn. Dieser, der sich kaum erholt hatte, sah sein Geschick nahen; die Furcht gab ihm Flügel zum Entweichen. Er hüpfte wie ein Gemsbock und Hayfisch schoß hinterdrein. Wie Tantalus nach der Frucht, strebte der Mäcen nach dem Rath. Die Hoffnung, sein entsetzliches Amt los zu werden, gab ihm nach jedem mißlungenen Versuch neue Kräfte, und Wicke strengte die seinigen bis aufs äußerste an, um nur dem schrecklichen Verderben zu entrinnen. Wie zwei glühende Bolzen sahen die beiden Duellanten aus. Doch ihre gegenseitige Hoffnung und Furcht hielt sich so die Wage, daß sie sich gegen eine Viertelstunde jagten, ohne dem Ziele näher zu kommen. Endlich keuchte Hayfisch: Ich kann nicht mehr, ich muß bitten mich abzulösen, oder ein andres Spiel anzufangen. Das letzte wurde angenommen, und der Obrist-Lieutenant schlug das Wittwerspiel vor, wo hintereinander stehende Paare sich trennen, eine Strecke laufen, und sich wieder vereinigen müssen, ohne von einem heirathssüchtigen Wittwer, der sich eine Frau greifen will, geschieden zu werden. Bei diesem Spiel, wo freilich nicht jede Bewegung streng abgemessen werden kann, hoffte der Lord das gegen Henrietten auszuüben, was er ländliche Freiheiten nannte. Er ließ es sich daher gerne gefallen der erste Wittwer zu seyn. Henriette stand mit Werner gepaart; ein Grund mehr für den Lord, dem verhaßten Musikus die schöne Spiel-Verlobte abzunehmen. Er ließ daher alle Paare ziemlich ruhig vorbeilaufen, ohne sich sehr anzustrengen, und merkte sich nur, wenn Werner und Henriette kommen würden. Doch Werner brauchte die erlaubte List, zu der der Hanswurst ihm behülflich war, seinen Platz zu tauschen, und ließ diesen, der mit dem langen hagern Sekundanten gepaart stand (denn es fehlte an Damen, um die bunte Reihe vollständig zu machen) an seiner Stelle laufen. Der Lord, der sich nicht umsehen durfte, glaubte gewiß Henrietten zu greifen, sprang daher wie ein Pfeil nach der Seite herum, wo die Dame ankommen mußte, und hielt — den Hanswurst in seinen Armen, der ihn sogleich Mylady anredete und sich seiner glücklichen Verbindung freuete, die zum Verdruß des Lords auch glücklich bis ans Ende des Spiels fortdauerte. —