Jetzt war der Abend so weit vorgerückt, daß man die Wasserfahrt beginnen wollte. Ein geschmückter Nachen, der die ganze Gesellschaft aufnehmen konnte, lag bereit; in einem zweiten folgten mehrere Spielleute mit Blasinstrumenten, die Werner bestellt hatte. Der Strom lag licht und eben wie ein Spiegel; die Sonnenstrahlen fielen schon röthlich in die Wellen und umzogen die Stadt, deren Thürme sich in der Fluth spiegelten, mit einem goldnen wunderbaren Duft. Denn grade hinter der Residenz ging die Sonne unter. Hatte man in dieses Prachtgemälde eine Zeitlang hineingeschaut, so erquickte sich dagegen der Blick nach der andern Seite durch die ruhige, tiefe dämmernde Bläue in der der Horizont lag, und durch die frischgrünen Ufer und Inseln, die der dunkelblaue Strom zierlich umschloß. Der Nachen wiegte sich sanft auf den leise bewegten Wellen, die die angenehmste Kühlung aushauchten; der Himmel spannte sich klar und blau über die Erde; die ganze wehmüthig feierliche Stille des Abends herrschte auf der Flur und dem Gewässer. Durchdrungen von der Schönheit des Anblicks, von dem wonnigen Hauch der lauen Abendlüfte selig erquickt, überdrängt von den Gefühlen der eigenen Brust traten die Thränen in Henriettens Auge, und wie von einer höhern Macht begeistert, ergriff sie eine Guitarre und sang dazu mit ihrer seelenvollen Stimme ein Lied, das in Aller Brust die wunderbarsten Gefühle weckte.

Werner saß neben ihr, und drückte ihr, als sie geendigt hatte, in tiefster Bewegung die Hand. Wie entzückt würde er ihr ans Herz gesunken seyn, wenn er jetzt gedurft hätte! So trug er seine Wonne in sich, und nur durch den leisen Druck der Hand und durch begegnende Blicke verständigten sich die Liebenden. Der Lord hatte dies so halb und halb gesehn, und ergrimmte innerlichst darüber. „Ich glaube wahrhaftig,“ sagte er leise zum Obrist-Lieutenant, „der unverschämte Musikant wird dreist gegen den kleinen Engel. Wenn ich das wüßte, sollte ihn der Teufel holen. Ich wäre im Stande und peitschte ihn aus.“ Diese Worte hörte der Artillerie-Hauptmann, und fragte ziemlich laut: „Ew. Herrlichkeit sprechen vom Auspeitschen? Wie kommen Sie darauf?“ Der Lord schwieg, der Hauptmann lächelte ziemlich unverholen; dies fiel allgemein auf. — Man ruderte indeß den Strom hinauf, um sich bei Mondenschein sanft von der Welle zurück treiben zu lassen. Es war nicht zu verhindern, daß die rudernden Schiffsleute die Lustfahrenden bisweilen etwas besprützten. Auch den Lord traf dies einige Mal. Roh, wie er war, äußerte er sich laut darüber gegen die Ruderer. Diese, die sich wenig um den Engländer kümmerten, trieben es jetzt absichtlich und bespritzten ihn so, daß ihm der ganze Nacken naß wurde. Er suchte sein Tuch, um sich abzuwischen, fand es aber nicht, weil er es vermuthlich bei den Spielen verloren hatte. Ohne sich zu bedenken, griff er nach dem Hut des Obrist-Lieutenants, der neben ihm lag, zog dessen Federbusch heraus, und kehrte damit sowohl den Sitz als den Nacken ab. Das durfte man dem Obrist-Lieutenant nicht bieten. Entrüstet stand er auf und sprach: „Ew. Herrlichkeit, was thun Sie dort, das ist ja mein Federbusch?“ „Bagatelle,“ erwiederte der Lord, „ich kaufe Ihnen morgen einen bessern.“ „Höll und Teufel,“ fuhr der Obrist-Lieutenant auf, „Herr, was erdreisten Sie sich? Glauben Sie, Ihre Lordschaft gebe Ihnen das Recht, einen Offizier so zu beleidigen? Das soll Ihnen theuer zu stehn kommen!“ Zugleich fuhr auch der Artillerie-Hauptmann auf. „Herr,“ rief dieser, „Sie wagen es einen Offizier auf diese Art zu beleidigen? Sie, der Sie ihm gar keine Genugthuung geben können?“ Mit diesen Worten sprang er auf den Lord zu; mehrere Herrn thaten ein gleiches, dadurch kam der Nachen auf die Seite zu liegen, die Damen schrieen laut auf, mußten aber doch unwillkührlich auf die tiefere Seite hinüber, das Uebergewicht wurde zu groß, der Kahn schlug um, und die ganze Gesellschaft lag im Wasser.

15. Die Entdeckungen. Die Maskerade.

Angstgeschrei und Hülferuf tönte von allen Seiten. Werner hatte Henrietten gefaßt, und ein rüstiger Schwimmer, wie er war, erreichte er bald mit ihr das Ufer, wo er sie sogleich in ein Zimmer des Wirthshauses bringen ließ und eiligst zurück kehrte, um zur Rettung der Uebrigen behülflich zu seyn. Zum Glück war der Nachen mit den Spielleuten gleich zur Hand gewesen, und auch ein andrer Kahn auf das Geschrei um Hülfe schnell herbei gekommen. So fand Werner die meisten Personen schon in Sicherheit; nach den andern wurde sogleich gesucht. Henriettens alte Pflegerin und Wilhelmine hatten sich an dem umgestürzten Fahrzeug fest gehalten, und wurden jetzt von Werner in den Fischerkahn, auf dem er gekommen war, aufgenommen. Auch Wicke und Hayfisch waren noch im Wasser und schrien jämmerlich um Hilfe. Werner versuchte sie in den Kahn zu ziehen, allein es war unmöglich, weil ihre siebenfache Garderobe so viel Wasser eingesogen hatte, daß sie zu schwer wogen. Er bedeutete sie daher sich noch einige Minuten zu gedulden, bis er mit Hilfe zurück gekehrt sey, und fuhr ab. Obgleich sie sich in gar keiner Gefahr mehr befanden, und das laue Bad nicht anders als angenehm seyn konnte, so schrien sie doch entsetzlich nach Hilfe und Rettung. Werner beeilte sich daher aufs möglichste, Wilhelminen und die Alte zu Henrietten zu bringen, um rasch zurück zu kehren. Dies geschah auch sogleich, indem er noch zwei Schiffleute annahm, die ihm halfen die Verunglückten in den Nachen zu heben. Als sie endlich herein waren, betheuerte der Schiffer, zwei so schwere Menschen seyen ihm noch niemals vorgekommen.

Am Ufer traf man jetzt die ganze Gesellschaft beisammen; ertrunken war zwar niemand, doch einige Damen und der Lord lagen in Ohnmacht. Die erste Sorge bestand jetzt darin, trockne Kleider anzuschaffen. Der Wirth brachte herbei, was möglich war, und führte die Herrn in einen großen Saal, wo sie sämmtlich Toilette machten und sich in Bauer- und Schifferkleidung stecken mußten. Alle waren fertig bis auf Wicke, Hayfisch und den Lord, der jetzt erst seine Besinnung erhalten hatte. Diesen stand aber eine bittere Lektion bevor. Denn als man sie entkleidete, fand sich zuerst, wie vielerlei Hülsen die beiden Duellanten übereinander gezogen hatten. Wie Zwiebeln wurden sie abgehäutet, und unter jeder Haut steckte eine neue. Der Hanswurst rief endlich: „Hört auf, Kinder, ich bitte Euch, denn am Ende bleibt nichts von den beiden Leuten übrig. Vier Paar wollene Beinkleider habe ich dem Rath allein abgestreift!“ Vor allem aber lachten der Sekundant, Agrippinus und der Arzt; Wicke und Hayfisch hätten vor Aerger bersten mögen, doch sie mußten ihr Geschick nun einmal ertragen, und entschuldigten sich durch Kränklichkeit. Bei der Enthäutung des Lords that sich aber noch ein ganz anderes Schauspiel dar. Er würde sich gewiß in einem besondern Zimmer umgekleidet haben, wenn er nicht besinnungslos gewesen wäre. Doch jetzt war das zu spät, und so wurde, was er verbergen wollte, Allen offenbar. Vergeblich suchte er einen Vorwand, das Hemd anzubehalten, der Arzt drang darauf, daß er trockene Wäsche anziehen müsse. Geschah es nun aus Bosheit oder Zufall, aber der Wirth brachte ihm ein Hemd, welches durchaus nicht auf seinen Körper passen wollte, und so mußte der Lord es endlich, nachdem er sich lange damit herumgequält und es halb zerrissen hatte, zurückgeben, und war nun, bis ein neues angeschafft wurde, aller Augen im adamitischen Paradieskleide preisgegeben. Da entdeckten sich auf seinem Rücken noch viel bedeutendere und zahlreichere Streifen, als auf seinem Gesichte. „Sind das auch Pappelzweige?“ fragte Werner. „Was Teufel, Lord,“ schrie der Hanswurst, „Sie sehen ja aus wie ein Zebra! Oder sind Sie ein Obelisk, oder eine Pyramide? Denn Hieroglyphen ohne Zahl sind hier auf Ihrem Rücken geschrieben.“ „Es muß von dem Fall seyn,“ stotterte der Lord. Doch der Hauptmann von der Artillerie trat hinzu und sprach: „Ich bin zwar kein Champollion, aber diese Hieroglyphen vermag ich zu lesen. Ich würde geschwiegen haben, wenn Se. Herrlichkeit sich nicht mit ihrer englischen Anmaßung so unverschämt gegen den Herrn Obristlieutenant benommen hätten. So aber muß ich Ihnen sagen, daß die Streifen von den Kantschuhhieben meiner Kanoniere herrühren, die der edle Lord überreiten wollte, weil sie ihm nicht so schleunig Platz machen konnten, als er befahl.“ Auf diese Nachricht zogen sich die Herren von dem Lord zurück. Der Rittmeister sagte: „Zum Donnerwetter, so ist meine Wette hin, denn von dem kann ich sie nicht mehr annehmen,“ und der Obristlieutenant äußerte, er müsse jetzt einen andern Ausweg für seine Ehrensache suchen. Man ließ nun den Lord allein, und bekümmerte sich auch nicht sonderlich um Hayfisch und Wicke, die sich indeß bald möglichst der andern Gesellschaft anzuschließen suchten. Der Lord verschwand, und man sah ihn nicht wieder.

Da auch die Damen nunmehr ihre Toilette vollendet hatten, kam die Gesellschaft in dem Saal, wo man zu Mittag gegessen hatte, wieder zusammen. Von dem Schreck hatte man sich erholt, Niemand hatte Schaden gelitten, und so freute man sich doppelt, sich nach dem Unfall wiederzusehen. Ueberdies waren die drolligsten Figuren entstanden, da der Zufall die Garderobe auf das Wunderlichste vertheilt hatte. Henriette sah in dem Sonntagskleide eines Bauermädchens allerliebst aus, auch Auguste schien die Tracht einer Gärtnerin, die ihr zugefallen, gar nicht übel zu finden. Der Hanswurst war in des Küsters schwarze Sonntagslivree gefahren, und ruhte nicht, bis er auch die Perücke dazu hatte. Nur Regenbogen fühlte sich höchst unglücklich, da er in einem grauen leinenen Kittel und weiten manschesternen Beinkleidern allerdings kein eben elegantes Ansehen hatte, besonders da sein sonst so sauber gekräuseltes Haar ihm in langen nassen Faden herabhing. Man kam überein, nun noch eine Zeit lang fröhlich zusammen zu bleiben, und dann gemeinschaftlich den Rückweg anzutreten. Nach dem Lord fragte Niemand, denn im Grunde war Jeder froh, daß er fehlte. Ein ländliches Abendmahl, wobei sich’s vorzüglich der Abbe und Hemmstoff wohlschmecken ließen, beschloß diese an Begebenheiten reiche Landparthie. Niemand war dabei lustiger, als Brückbauer, der da schwur, er wolle in einer Nußschale über das Weltmeer schiffen, denn ihm sei es nicht verhängt, zu ertrinken. Schon einmal sey er auf dem nämlichen Flecke mit dem Kahne umgeschlagen, ohne zu verunglücken, und auch heute habe der Himmel sich besonders gnädig gegen ihn gezeigt, da er nicht einmal den Kopf unter Wasser gehabt habe, sondern nur etwas eingetaucht worden sey. Der Hanswurst bemerkte, daß er demnach von Glück sagen könne, daß er kein Zwieback sey, weil sonst seine untere Hälfte abgeweicht seyn würde, und rieth ihm, eine Rede über das Thema auszuarbeiten: „Was hängen soll, ersäuft nicht.“ In dieser lustigen Stimmung brach die Gesellschaft endlich auf und fuhr nach Hause.

16. Trübe Wolken. Die verschmähten Liebhaber.

Indeß waren mehrere Wochen verstrichen, während unsere Bekannte ihr altes Treiben fortsetzten. Sie flogen bei Henrietten aus und ein, nur der Lord erschien nicht; man erzählte, er sey ins Bad gereist. Werner und Henriette blieben im stets vertrauten Einverständniß und bereiteten im Stillen alles zu ihrer häuslichen Einrichtung vor; denn nur noch wenige Wochen, und Henriettens Verpflichtungen waren abgelaufen. Bisweilen schien Werner unruhig; doch wich er Henriettens Nachforschungen aus. Eines Morgens kam er indeß ganz früh zu ihr, und zeigte ihr an, daß er ihr etwas Wichtiges zu entdecken habe. Sie war gespannt zu hören, und er erzählte ihr Folgendes: „Ich hegte bisher die Hoffnung, theuere Henriette, Dir in Beziehung auf Deine äußere Lage mehr erfüllen zu können, als ich Dir versprochen, denn mein Vater ist ein sehr reicher Mann. Ich wollte Dir das nicht entdecken, weil ich Dir nicht eitle Hoffnungen rege machen wollte, denn diese wären es, wie die Erfahrung mir bestätigt hat, gewesen. Mein Vater hat eine entschiedene Abneigung gegen den Stand, den Du selbst nicht liebst, und glaubt an keine völlige Reinheit der Gesinnung unter den Mitgliedern desselben. Daher hat er sich entschieden gegen unsere Verbindung erklärt. Seine Worte lauten fest und unwiderruflich, denn ich kenne ihn, so:“ (Hier nahm er einen Brief aus dem Busen und las Henriette folgende Stelle vor.)