Wenn man sich solcher Abentheuer und Gefahren erinnern kann, meine Herren, so wird uns der dadurch erworbene Preis doppelt theuer. Deshalb mußte ich, um zu meiner Schlußmeinung zu kommen, diesen Eingang machen. Von Herzen stimme ich daher in das Wort unsers großen Director Brückbauer mit ein, der die himmlische Sängerin soeben seine Allertheuerste nannte. Ja, sie kostet Opfer jeglicher Art, und doch macht ihr Anblick, ein Ton ihrer süßen Stimme, uns alles dies vergessen. Darum rühme ich das als ihre höchste Eigenschaft, daß sie, selbst in den Augen derer, die hier für nichts anders, als für das schnöde Metall Sinn haben, das blanke Gold so verdunkelt hat, daß sie es förmlich ausgestreuet haben, um in Besitz dieses Kleinods zu kommen. Und so rufe ich: Es lebe die Sängerin, sollten auch unsere Aktien auf 50 pro Cent fallen! — „Bravo, Bravo!“ erscholl der laute Beifall der Andern, und alle leerten die Gläser. Doch des Regisseurs Nachbar, der Obrist-Lieutenant, schlug auf den Tisch und begann: „Das heiß’ ich sprechen, wie ein Regisseur. Aber in der That, es ist wahr, ihre Schönheit ist strahlender als Gold, und ihre Stimme tönt heller als Silber. Wenn ich indeß meine Meinung sagen soll, so muß ich erklären, daß mir das das reizendste an ihr scheint, daß sie sowohl als ihre Stimme sich von allen Standpunkten des Hauses unvergleichlich ausnehmen.“
„Waren Sie im Sperrsitz?“ fragte Wicke. „Allerdings,“ entgegnete der Gefragte. „Mir deucht, ich hätte Sie im ersten Rang gesehen?“ bemerkte der Abbe, während er eine Auster präparirte. „Sie haben sich nicht getäuscht,“ antwortete der Obrist-Lieutenant. „So habe ich mich geirrt,“ sprach Hemmstoff, „denn mir schien’s, als hätte ich Sie in einer Parkettloge entdeckt!“ „Mit nichten, Freund, ich bin sowohl rechts als links in einer Parkettloge gewesen,“ berichtigte der magere Ritter. „Aber ich habe Sie ja beständig auf dem Theater bemerkt,“ sagte der Regisseur erstaunt, „Brückbauer hatte noch seinen eifersüchtigen Aerger darüber.“ „Ich werde es doch nicht versäumen,“ erwiederte der Blaufrack piquirt, „auch von dieser Seite meine Ansicht zu berichtigen?“ Jetzt fing auch der junge Mensch am Ende des Tisches zu reden an, und sprach: „Nun kann ich mir einen seltsamen Irrthum, in dem ich geschwebt habe, erklären. Ich hatte die Ehre, mein Herr, Ihr Nachbar im Parterre zu seyn; da mir aber mein Platz unvortheilhaft schien, ging ich in den zweiten Rang hinauf, und zu meiner Verwunderung fand ich meinen Nachbar dort von so sprechender Aehnlichkeit mit Ihnen, daß ich sogleich vermuthete, er müsse Ihr Zwillingsbruder seyn. Noch höher aber stieg meine Verwunderung, als ich, da ich auch dort nicht gut placirt war, mich in den dritten Rang begab, und im Oeffnen der Loge einem dritten Exemplare von Ihnen begegne, das eben heraustrat, und Ihnen so ähnlich sah, wie ein Ey dem andern. Wie herrlich, dachte ich bei mir, könnte man hier die Drillinge aufführen! Auch fiel mir die Erzählung von den drei bucklichten Schelmen ein; und als ich nun vollends hier in die Restauration kam, und Sie am Tisch erblickte, dachte ich schon, Sie möchten vielleicht den vierten abgeben. Jetzt sehe ich aber, daß Sie gar die Kunst besitzen, sich beliebig zu multipliciren, und bitte daher um Vergebung, daß ich so lange im Irrthum gewesen bin.“ Die etwas sarkastische Miene, mit welcher der junge Mann diese Abentheuer erzählte, hatte die Gesellschaft halb belustigt halb in Verwunderung gesetzt. Der Abbe verbarg sein Lächeln hinter einem Zuge aus dem Champagnerglase; der Blaurock sagte etwas verdrießlich: „Mir scheint, mein Herr, Sie lieben die etwas grelle Mahlerei al Fresco,“ und Wicke raunte seinem Freund Hemmstoff ins Ohr: „der junge Mensch scheint nicht zu uns zu gehören; auf was für unschicklichen Plätzen hat er sich umhergetrieben!“ — Der Regisseur faßte sich am besten, denn er klopfte auf den Tisch und rief wie der Präsident in der Deputirtenkammer: „Zur Ordnung! Sie sind in ihrer Rede unterbrochen worden, Herr Oberst-Lieutenant. Geben Sie uns gefälligst den Schluß.“ „Bin schon fertig,“ sprach der alte Jüngling kurz, und nahm eine Prise. „Monsieur L’abbé,“ erinnerte darauf der Regisseur, „ist Ihnen gefällig, das Scepter des Redners zu ergreifen?“ „Mon cher,“ entgegnete der Abbe, „mich hindern die Austern am Reden; übrigens habe ich mein Votum gegen den Rath Hemmstoff schon abgegeben. N’est ce pas mon cher? Et qu’en dites vous?“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung, und eben so durch die Austern gehindert,“ sprach Hemmstoff, und lächelte innerlichst vergnügt; „mein Freund Wicke mag denn fortfahren.“ Dieser räusperte sich, zupfte sein Jabot zurecht, und begann dann mit einer feierlich weichen Stimme: „O die süße, unaussprechlich süße, holde, liebreizender Eigenschaften reichest begabteste Sängerin! In welcher Sprache soll ich ihr Lob verkünden! Sie sieht uns lächelnd an und lächelt wieder, und wir weinen, halb vor Entzücken, halb vor Schmerz!“ Dabei zog er sein gesticktes Schnupftuch, welches in Eau de Cologne gekocht zu seyn schien, aus der Tasche, und wischte sich — die Nase. „Freunde! Sympathisirend, mitfühlend übereinstimmende Theilnehmer, seyd Ihr denn nicht im Innersten bewegt? O, Ihr seyd von den Steinen die nicht fühlen, die nicht weinen! Tönt der Jungfrau zarte Kehle Euch nicht rührend in die Seele? Mir scheint, Ihr lächelt mit höhnender Geberde?“ — „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde;“ fiel der Abbe ernsthaft ein, und verschluckte eine Auster. — „Geberde“ wiederholt der etwas empfindliche Wicke. „Versteht ihr denn so gar nicht was ich meine?“ — „Einsam bin ich nicht alleine,“ sang plötzlich eine Stimme am andern Tische. Wicke stampfte verdrießlich mit dem Fuße und sprach: „Es ist nicht auszuhalten! Entweder wird man absichtlich oder zufällig unterbrochen. Ich hoffe, die Herren werden meine Ansicht jetzt gefaßt haben!“ „Wollten Sie sich denn nicht noch etwas näher auslassen?“ fragte bescheiden der Regisseur, „gewiß wird man Ihnen mit Vergnügen zuhören.“ „Ich bin vielleicht schon zu deutlich gewesen,“ entgegnete Wicke, und verbeugte sich verbindlich. „So stände denn die Reihe an Ihnen, mein Herr, wenn Sie uns mit Ihrer Ansicht bekannt machen wollten,“ wandte sich der Regisseur höflich zu dem Fremden. „Sehr gern,“ sagt dieser; „allein ich fürchte, sie wird sich gegen die Aussprüche so erleuchteter Kenner sehr schülerhaft ausnehmen. Meiner Meinung nach hat die schöne Sängerin eine unwiderstehliche Anmuth, eine reine seelenvolle Stimme, und eine sehr gute Natur des Vortrags. Doch sie ehrt ihr Talent wenig, indem sie die schlechtesten Opern zu ihrem Auftreten wählt, und sich an ein Theater versagt hat, das nur eine sehr niedrige Tendenz vor Augen, und eigentlich keinen andern Zweck, als Geld zu verdienen hat, und deshalb der gemeinen Ansicht der Menge auf eine unwürdige Art huldigt.“ Hier schwieg der junge Mann und sah die Gesellschaft der Reihe nach fest an. Der Obrist-Lieutenant stocherte sich die Zähne und murmelte einige unverständliche Worte; der Regisseur sah bedenklich aus, und schien zu fühlen, daß der Fremde Recht habe. Der Abbe trank sein Glas aus und sprach: „Ein schöner Enthusiasmus. Ich liebe die Passion für edlere Vergnügungen auch. Noch funfzig Austern, Kellner!“ Wicke sah glühend roth aus, strich sich verstört das dunkle Haar und raunte endlich furchtsam Hemmstoff die Worte ins Ohr: „Der Mensch ist ein roher Barbar!“
Jedem pfiff der Nachtwächter die eilfte Stunde. Die Gesellschaft brach auf trotz der Vorstellungen des Abbe, der seine Austern nicht in Stich lassen wollte. Wicke und Hemmstoff gingen Arm in Arm. Der Regisseur sprach noch mit einigen Bekannten an andern Tischen, und der Obrist-Lieutenant bewegte sich mit steifen stolzen Schritten durch den Saal nach der Thür. Auch der junge Mensch ließ den Abbe endlich allein. Jedoch als der Kellner ihm die Austern brachte, trällerte er: „Einsam bin ich nicht alleine!“ und beging die Inconsequenz, seine guten Gesellschafter sämmtlich durch Verzehrung wieder zu entfernen. Wir lassen ihn in seinem gemächlichen Vergnügen, und sehen uns um, ob die Residenz überall auf dieselbe Art von der neuen Sängerin dachte und sprach, als es in unserer Gesellschaft geschehen war.
3. Kabale und Liebe.
Wir machen einen Morgenbesuch bei der schönen Caroline, die als erste Sängerin bisher der Liebling der Residenz gewesen war. Mein Gott, in welchem Zustande treffen wir die Unglückliche an! In Thränen aufgelöst, das schöne Gesicht in ihr Tuch verbergend liegt sie matt auf der Chaiselongue und scheint mehr von ihrem Kummer zu träumen als darüber zu denken. Ein reizender Anblick, wenn er nur nicht so schmerzlich wäre. Wer pocht? Es ist Auguste, Carolinens Freundin, die erste Liebhaberin des Theaters. „Guten Morgen, geliebteste Freundin,“ ruft sie mit ihrer bezaubernden Stimme — „aber ums Himmels willen, was ist Dir? Was hast Du? Du bist ja ganz entstellt?“
Caroline. Wie Auguste, du fragst noch? Du heuchelst selbst eine ruhige heitere Miene? Geh, Geh! Was sollen wir uns gegen einander verstellen. Glaubst Du, ich halte Deine Heiterkeit für natürlich?
Auguste. Aber meine liebe Caroline, was sollte mir denn fehlen, ich bin so vergnügt. —
Caroline. „Ich bin ja so selig, so glücklich, so fröhlich!“ O Du falsche Freundin! Man sieht, daß Du eine Schauspielerin bist. Ach ich bin freilich nur eine Sängerin, die bringen es nicht so weit in der Verstellungskunst.
Auguste. Liebe, ich begreife Dich nicht.