Wenn der Mann des Gespräches mit Männern satt ist, so rettet er sich zu den Frauen, hat er sich aber auch mit den Frauen ausgesprochen, dann geht er, als zu einer letzten Zuflucht, unter die Kinder. Was der Mann, aus der kühlen, verdünnten Luft des Denkens herabsteigend, sucht, wonach er sich herzlich sehnt, das ist der warme Atem der Natur, der ihm nirgends voller und würziger entgegenquillt als aus dem Munde des Kindes. Wie will er aber den Frauen entgehen? Sie sind überall, und wo ein Kind ist, da sind sie erst recht. Das Kind schreit nach der Mutter, wie in der Wirklichkeit, so auch dem Sinne nach. Das Kind hat in ihr gewohnt, es hat mit ihr geatmet, gegessen und getrunken; als es für die anderen noch gar nicht da war, hat ihm schon die Sorge der Mutter gegolten. Sie sind nicht voneinander zu trennen, und wenn das Leben sie trennt, wenn eines von beiden allein bleibt, gibt es ein Leid, dem kaum ein anderes gleicht. Es ist das stärkste Heimweh, das es gibt. Daher sind Mutter und Kind eines der ältesten Bilder, das die Menschen kennen, das sie nicht erfunden, sondern nur gefunden haben. Der Schein des Überirdischen haftet nur nebensächlich an ihm oder ist aus dem an sich heiligen natürlichen Verhältnisse erst geholt worden. Das Bild bedarf keiner Verklärung, es verklärt sich selbst. Wie rührend ist eine junge Mutter, die selbst noch ein halbes Kind ist, und die trotz Entzückungen und Schmerzen an ihre Mutterschaft noch nicht recht glauben kann und sie mit einer Mischung von Scham und Stolz trägt. Wie fest und schwer aber, eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit, sitzt das Kind auf ihrem Schoße, und der kleine Bengel (sie selbst sagt Engel) langt ihr dreist nach dem Busen, den er ohne weiteres als sein natürliches Besitztum in Anspruch nimmt. Sie küßt das Kind, das sie gestillt, und mit ihm küßt sie den geliebten Mann, ja sich selbst, denn es hat ihren Mund und schaut sie aus ihren eigenen Augen an. Alle Seligkeit, die sie kennt, sitzt auf ihrem Schoße, ruht an ihrer Brust, schlummert in ihren Armen. Die gereiftere Mutter genießt ihr Glück ruhiger, stolzer, nachdenksamer, wenn auch nicht weniger tief; sie kennt die Welt und ihre Sorgen. Und wieder ein reizendes Bild gewährt die Großmutter, welche die Kinder ihrer Kinder um sich versammelt. Sie scheint voll lieblicher Erinnerungen zu sein, wenn ihre Enkel zu ihr kommen, und wenn sie die Kleinen streichelt, wenn sie selbst ihr schön tun, ihr schmeicheln, sie küssen, ist sie überglücklich und lächelt aus allen ihren Falten. Die Kinder ahnen in ihr selbst das Kind und spielen mit ihr wie mit einem älteren Kinde.
Die Kinderstube ist eine große Sache. In ihr kriecht und trippelt, lärmt und tobt die Weltgeschichte in kleinem Maßstabe, sie ist eine Pflanzstätte mächtiger Dinge. Eines der wichtigsten Stücke in der Kindererziehung ist offenbar, dem Kinde, unbeschadet aller geistigen Entwicklung, seine ursprüngliche Kindlichkeit zu bewahren. Das Kind im Menschen ist das Genie, unbefangen in seinen Anschauungen, naiv in seinem Egoismus, und so die Wurzel alles bedeutenden Schaffens. In diesem Sinne ist das Kind der Dichter, der Künstler, der Erfinder, der Gesetzgeber, weil es den Schleier des Vorurteils zerreißt und einen unbefangenen Blick in die Dinge selbst tut. Diese Kindlichkeit dem Kinde zu wahren, sie namentlich gegen den Schulmeister zu schützen, ist die Mutter am geeignetsten. Sie ist ja – selbst in der Stimme – ein großes Kind, ein Genie an Takt und Klugheit und, solange sie unverdorben ist, nicht geneigt, den ihr von der Natur angewiesenen Berufskreis zu überschreiten. Schon durch ihr bloßes Dasein, ihre natürliche Beschaffenheit übt sie die stärksten Wirkungen aus. Neidlos teilt sie dem Kinde ihre Genialität mit, stolz darauf, im Sohne fortzuleben. Sie will, in ihrer reinsten Art, weder Dichter noch Gelehrter sein, und ein Wort Latein oder Griechisch erschiene ihr als ein Flecken auf ihrer geistigen Toilette. Gespräch und Brief, also unmittelbare Äußerung von Person zu Person, sind das Feld ihrer geistigen Meisterschaft. Frau von Sévignés Briefe wird man noch immer mit Vergnügen lesen, wenn längst alle Welt die wenig schmeichelhafte Meinung des großen Napoleon über die Schriften der Frau von Staël teilen wird. Übrigens kann man kaum ermessen, was die Frauen durch die Erfindung des Spinnens, Webens, Strickens, Knüpfens für die Entwicklung der Kultur getan haben. Die ganze Oberfläche des Lebens und der Kunst zeigt die Spuren ihrer erfindsamen und sinnigen Hand. Auch die Schöpfung der Sprache führt zu den mitteilsamen Frauen und in die Kinderstube hinein. Wer hat in der Sprache den zwischen Einzahl und Mehrzahl schwebenden Dual erfunden, die schöne alte Form, wo Zwei sprechen und doch nur Eines – sind es verliebte Paare oder ist es die Mutter mit ihrem Kinde gewesen? Die Grammatik als eine Erfindung der Liebe wäre gewiß eine Erleichterung des Lernens für Mädchenschulen.
Was die Kinder ihrer Mutter verdanken, erfährt das Kind erst, wenn es selbst Mutter wird – der Mann also gar nie oder nur ahnungsweise und lückenhaft. Die Opferfähigkeit der Mutter ist unbegrenzt. Das Leben, sonst das höchste Besitztum des Menschen, achtet sie, sobald das Wohl ihres Kindes ins Spiel kommt, keiner Nadel wert. Die Sage von dem Vogel Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine hungernden Jungen zu ätzen, scheint eigens für die Mutter erfunden zu sein. Beispiele liefert jeder Tag. Allein nicht eigentlich das äußerste, sondern das tagtägliche Opfer, die Sorgfalt und Liebe, die kein Ende hat, nimmt unsere Bewunderung in Anspruch. Wer betrachtet nicht manchmal mit einem mehr als flüchtigen Blicke die kleinen Kinder, die zur Schule gehen oder aus der Schule kommen? Man sucht gern hinter jedem Kinde seine Mutter, weil es die Mutter nicht verleugnen kann. Es trägt seine Mutter mit sich herum. Kinder aus wohlhabender oder reicher Familie gewähren weniger Interesse als arme Kinder. Arme Kinder sind rechte Mutterkinder, die Hand der Mutter ist sichtbar an ihnen. Kopf und Fuß der armen Wiener Schulkinder sind meistens auf das sauberste gepflegt. An den Kleidern, so dürftig sie sein mögen, sieht man den guten Willen, die Liebe der Mutter. Sie hat sie selbst verfertigt. Für ihr Kind wird sie alles: Putzmacherin, Mädchen- und Knabenschneiderin, ja selbst Schusterin, wenn eine neugierige Kinderzehe durch das Schuhleder brechen will. Aus den abgelegten Beinkleidern des Vaters macht sie Wams und Hosen für den Knaben, aus ihren abgelegten Fähnchen Anzüge für das Mädchen. Und rührend ist es, zu sehen, wie die Mutterhand noch mit der Not spielt und ihr gleichsam ein Lächeln entlockt. Den Kragen des armseligen Mäntelchens besetzt sie mit einem dunkleren Stoff, daß man Pelz zu sehen meint, und am Busen fehlt nicht die Schleife und im Haar nicht das bunte Band. Diese fröhliche Armut ist das Werk guter Mütter.
Freilich reicht in ärmeren Kreisen der gute Wille auch der besten Mütter nicht aus, wenn ihre Kinder aus Mangel an Nahrung, guter Luft und freier Bewegung dahinkränkeln. Die Ärzte kennen ja das Hauptleiden der armen Kinder, das in Wien wie in jeder großen Stadt daheim ist: die Blutarmut mit allen ihren bedenklichen Folgen. Staat und bürgerliche Gesellschaft, wie sie gegenwärtig bestehen, können in dieser Sache nur wenig tun; man ist angewiesen auf die Mildtätigkeit der einzelnen, die allerdings viel vermögen, wenn sie sich aneinander anschließen. Vor geraumer Zeit haben Louise Meißner und Engelbert Keßler einen Wiener Ferien-Kolonien-Verein für Kinder ins Leben gerufen. Großherzige Wiener Frauen, wie die gegenwärtige Vize-Präsidentin des Vereins, Frau Marie Schönecker, geborene Bösendorfer, haben sich an die Spitze des schönen Unternehmens gestellt und bisher die schönsten Erfolge gewonnen. Nun handelt es sich darum, in einer Vorstadt von Wien ein Kinderheim zu schaffen, den leidenden Kleinen ein Haus mit einem großen Garten aufzuschließen. Wird Wien sich spotten lassen, wenn man an es herantritt mit der Bitte um milde Beiträge? Wer möchte nicht bitten für leidende Kinder, und wer möchte es über sich bringen, ihnen eine Gabe zu versagen? Es gilt ja, für die Gesundheit und Tüchtigkeit der nächsten Generation zu sorgen.
Wer glückliche Mutter ist, und wer des Glückes entbehrt, Mutter zu sein – beider Gedanken sind ja doch nur bei den Kindern. Es ist der Wunsch trefflicher Mütter, daß es fremden Kindern so gut ergehen möge, wie ihren eigenen, und nicht minder der Wunsch kinderloser Frauen, daß es fremde Kinder so gut haben möchten, als ob es ihre eigenen wären. In der Mildtätigkeit drückt sich dieser schöne Gedanke praktisch aus.
(Am 24. Dezember 1893)
Aus der Kinderwelt
Wieder ist der Wald in der Stube, und der Geruch des Tannenbaumes, von dem wir doch alle wissen, daß er nichts weiter ist, als flüchtiges Harz, schmeckt uns wie überirdisches Labsal. Es ist die Freude der Kinder, die uns die Sinne so verklärt, die uns das sonst Gleichgültige zum Bedeutsamen erhöht, denn wir sehen heute mit ihren hellen Augen, riechen mit ihren neugierigen kleinen Nasen. Wir Alten werden selbst wieder grün, und unsere grauen Haare sind nur mißverstandene Blüten, und unsere Falten hat die Sorge nur für ein glückseliges Lächeln gegraben. Wie auch das Leben sonst mit uns spielen mag, heute dürfen wir ein Glück genießen, wenn auch nur ein Glück, welches eine Kinderhand umspannt. Der Anblick der glücklichen Kleinen stillt unser unruhiges Begehren, läßt uns auf einen Augenblick unser fieberhaftes Streben und Haschen nach allem Möglichen und Unmöglichen vergessen. Wie das Kind seine Ideale erreicht, sehen wir vor uns. Sein Ideal ist ein saftiger Apfel, eine schimmernde Nuß, und wenn es hochgeht, ein bunter Hansel oder eine aufgedonnerte Gretel. Die Sorge – auch für uns einst eine große Sorge – nämlich ob der Hans und die Grete einander bekommen, ficht das Kindergemüt noch nicht an. Das Kind schaut sich nicht um nach der Quelle, es läßt sich im behaglichen Gefühl des Daseins und der Gegenwart ruhig dahintreiben, als ob das immer so gewesen wäre und immer so sein müßte. Das Paradies in diesem Paradiese ist ihm aber Weihnachten, wo an den Zweigen des Tannenbaumes – keines Baumes der Erkenntnis, sondern der Unschuld – die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche hängt. Jede brennende Kerze beleuchtet eine Freude, ist selbst eine Freude. Die Mutter spart daher nicht mit Lichtern (hat sich doch die Biene für uns bemüht!), und ich sehe eine Frau, die zuletzt noch zwei Kerzen für »entflogene Seelen« aufsteckt, die eine für den Vater, der den Kindern fehlt, die andere für das Kind, das ihr der Himmel aufbewahrt. Die Kleinen schauen sie verwundert an, wie sie weint, und sie gedenkt des Glückes, das sie genossen, sieht das Glück, das ihr geblieben, und über ihre von Tränen genetzten Wangen gleitet ein dankbares Lächeln. Weihnachten, das Fest der Kinder, die ein Genie für das Glück und eine große Gabe des Beglückens haben, nimmt auch dem Schmerz seine äußerste Bitterkeit.
Die Kinder – sie sind in der Tat das größte Thema der Welt. Man wird mit ihnen nicht fertig, weder im Leben, noch im Denken und Dichten. Indem ich daran dachte, ihnen zu Weihnachten an diesem Orte ein Geschenk zu machen, sah ich mein Unvermögen sofort deutlich ein. Wäre ich ein Rothschild, ich würde ihnen ein Bergwerk von Lebkuchen verschreiben; wäre ich ein Dichter, ich würde ihnen ein Märchen erzählen. Aber eines wenigstens kann ich tun im Interesse der Kleinen, ich kann den Vätern und Müttern einen bei uns nicht viel gelesenen Dichter verraten, der von den Kindern in der schönsten und würdigsten Weise spricht. Der Dichter ist zwar ein Franzose und hat in Herzenssachen das Vorurteil wider sich; aber schlagt es nur auf, sein Buch, das von den Kindern handelt, und ihr werdet sehen, daß Gemüt und Sinnigkeit nicht ausschließlich ein Gut der germanischen Völker ist. Der Dichter ist kein anderer als Victor Hugo, und das Buch, das ich meine, ist betitelt: »Die Kunst, Großvater zu sein« (»L’art d’être grandpère«). Es ist im vorigen Sommer erschienen und hat mir zur Winterszeit Haus und Herz gewärmt, und ich denke, es ist eine gute Tat, diesem Buche den Weg in die deutsche Familie zu vermitteln. Ohne Umschweif gesagt: es ist ein reizendes und zugleich ein großartiges Buch, reizend durch das zarte Eingehen in das Kinderleben und großartig durch die Gesinnung, in welcher es geschrieben oder vielmehr gedichtet ist. Denn es sind Gedichte, die den mannigfaltigsten Ton anschlagen, von der näselnden Kindertrompete bis zu den tragischen Donnern der Weltgeschichte. Von Victor Hugo kann man lernen, daß man in der Kinderstube nicht notwendig versimpeln muß, daß man kein Philister zu sein braucht, um an den kleinsten Familienereignissen innigen Anteil zu nehmen. Ein Mann, dem kein Gedanke zu hoch schwebt, daß er ihn nicht im Fluge einholte, dem, wenn seine Leidenschaft erregt wird, kein Denken und Empfinden zu kühn ist, er kann stundenlang an der Wiege seiner Enkelin, eines kleinen Geschöpfes von zehn Monaten, weilen, um den Duft ihrer Unschuld einzuatmen, um ihre Bewegungen und Träume mit liebevollem Auge zu überwachen. Er liebt die Wiegen, diese »Nester aus Seide und aus Spitzen«; ihn, den Genius, zieht das Genie des Kindes an; ihr Lallen, ihr Stammeln, ihr »Zwitschern« – wie er es nennt – deutet er als tiefe Offenbarungen der Natur. Es ist rührend, zu sehen, wie dieser Mann, ein Revolutionär als Dichter und als Politiker, mit dieser unendlich kleinen Enkelin spielt, wie sie ihm wichtig wird über alles, wie er vor dieser winzigen Probe der Göttlichkeit im Geiste kniet. Er, der die Sprache oft schleudert, wie ein Titan die Felsblöcke, findet dann die schlichtesten Laute, ja, ihm kommen Worte von einer Einfalt in den Mund, die man diesem wiehernden Phrasenhengst – denn auch in der Phrase ist er zuweilen groß – nicht im mindesten zutrauen würde. Die »schlafende Jeanne« ist ein Thema, das Victor Hugo nicht müde wird, immer wieder aufs neue abzuwandeln. Jeanne schläft. Sie läßt, der arme verbannte Engel, ihre Seele sich im Unendlichen ergehen; so flieht der Sperling in die Kirschenhecke. Bevor sie an dem bittern Kelch des Lebens nippt, versucht sie noch einmal mit dem Himmel anzuknüpfen. Heiliger Friede! Ihre Haare, ihr Atem, ihre blühende Haut, ihre unverständlichen Gebärden, ihre Ruhe, wie ist das alles auserlesen! Der alte Großvater, ein glücklicher Sklave, ein erobertes Land (pays conquis), betrachtet sie. Dieses Geschöpf ist hienieden das geringste und das höchste. Um ihren Mund spielt ein keusches, rätselhaftes Lächeln; wie schön sie ist! Sie hat Fettfalten (wir sagen hierzulande »Schnuzen«) am Halse; sie duftet wie eine Blume. Eine Puppe liegt neben ihr, und das Kind drückt sie zuweilen an das Herz ... Oh, weckt sie nicht! Das schlummert wie eine Rose. Jeanne denkt und fügt sich im Schlafe etwas Himmlischeres als den Himmel zusammen. Von Lilie zu Lilie, von Traum zu Traum sammelt sich der Honig, und die Seele des Kindes arbeitet in den Träumen, wie die Biene in den Blumen ... Victor Hugo verfügt über eine Masse kleiner Züge, die ebenso glücklich beobachtet als poetisch sind. Er läßt der einschlafenden Jeanne seinen Finger, der ihre ganze Hand füllt; ihre kleinen Arme sind kaum noch Arme, sondern Flügel; da sie erwacht, erschließt sie das Augenlid, streckt sie einen lieblichen Arm aus, bewegt erst – wie reizend gesehen und einfach gesagt! – den einen Fuß, dann den andern und fängt so himmlisch zu lallen und zu zwitschern an, daß sich aus der Höhe Köpfe herniederneigen, um sie zu hören. Die Mutter aber sucht nach dem zärtlichsten Ausdrucke für ihre Liebe und sagt zu dem Kinde: Bist du wach, du Ungeheuer?
Victor Hugo ist der zärtlichste, der hingebendste Großvater, und nie haben Enkel eine solche Liebe erfahren, wie George und Jeanne, die verwaisten Kinder seines älteren Sohnes. Er ist ein Parteigänger seiner Enkel, der Kinder überhaupt. In dieser Rolle ist er der Schrecken der vernünftigen Leute, da er durch unberechenbar weitgehendes Mitgefühl ihr Erziehungssystem über den Haufen zu werfen droht. Er ist hier Revolutionär wie überall, Revolutionär aus überquellender Seelengüte. Er macht sich zum Mitschuldigen der kleinen Naschmäuler, indem er Süßigkeiten, die für den Nachtisch bestimmt sind, den Enkeln ausliefert und zu dieser Leckerei arme Kinder von der Straße einladet. Ist ein Kind wegen irgendeines Verbrechens auf trockenes Brot gesetzt, so gesellt er sich zu ihm und spielt ihm den Topf mit eingemachten Früchten in die Hände. Die großen Leute klagen ihm: so könne man das Regiment nicht aufrechterhalten, wenn er alle gesetzlichen Schranken niederwerfe. Er sei ein gemeinschädlicher Mensch, ein Ungeheuer aus Liebe. Halb gibt er es zu, halb wieder nicht. Ein Kind um eines Apfels willen züchtigen? Nein! Nimm deine Rechte mehr in acht, o Bauer, als deine Apfelbäume, und wirf kein Ja in die Urne, wo ein Nein deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit wäre. Hier springt er als kinderliebender Sophist und Verächter des Bonapartismus in die Politik über. Und aus der Politik kehrt er wieder zurück zu den Kindern. Er sitzt wieder an Jeannes Wiege. Seine Kämpfe gegen Thron und Kanzel stürmen ihm in der Erinnerung durch die Seele; mit gerechtem Selbstgefühl gedenkt er seiner Reime, die wie Taten gewirkt. In diesen Kämpfen sei er vierzig Jahre hindurch stolz, unbezwungen, siegreich gewesen; und nun – mit einem Blick auf Jeanne – habe ihn ein Kind besiegt, ein kleines Kind. Hier ist er biegsam, schwach, ein Held im Gehorchen und Erdulden. Kinderliebe ist ihm Religion. Er hat da merkwürdige Worte: Die Söhne unserer Söhne tun es uns an; ein Kind kann mich dumm machen, und ich habe deren zwei: George und Jeanne; das eine ist mein Führer, das andere mein Licht. Aber diese zwei machen ihn zum Freunde aller Kinder. In dem herrlichen Gedichte: »Die unbefleckte Empfängnis«, das aus dem zartesten Geplauder zu einem mächtigen Zorneston anschwillt, entwirft Victor Hugo das folgende köstliche Bild: Überall Kinder. Wir sind im Tuileriengarten. Mehrere George, mehrere Johannen, mehrere Marien: der eine trinkt an der Brust, der andere schläft. Im Baum eine Nachtigall. Ein Mädchen versucht seine Zähne an einem Apfel. Die ganze heilige Morgenfrühe der Menschheit. Man schwätzt, man lacht; man plaudert mit seiner Puppe, die viel Geist entwickelt; man ißt Kuchen und springt über die Schnur. Man verlangt von mir einen Sou für einen Armen, ich gewähre einen Frank: Danke, Großvater, und man kehrt zum Spiele zurück. Und man klettert, man tanzt, man singt. Oh, blauer Himmel! – Du bist das Pferd. Gut. Du ziehst am Wagen, und ich bin der Kutscher. Hist, hott, halt! Spielen wir Plätzewechseln: Schneider, leih’ mir dein’ Scher’! Nein, Blindekuh ... Das alles ist reizend, sage ich. Und ihr sagt: Das ist abscheulich, das ist die Sünde!... Und nun von Seite des Dichters welches Donnerwetter über jenes Dogma! Man muß das lesen, aber (aus Gründen) nicht hier, sondern im Buche selbst. Und die starken Worte, die er hier gegen die Kirche und einen falsch verstandenen Himmel schleudert, schließen das tiefste religiöse Gefühl nicht aus. Es macht sich am schönsten Luft in dem Gedichte: »Die armen Kinder«. Man solle fein säuberlich fahren mit diesen kleinen Wesen, den Kindern; es sei etwas Großes an ihnen, sie schließen Gott ein. Sie sind seine Gabe, in ihr Lächeln lege er seine Weisheit, in ihren Kuß seine Vergebung. Das Glück sei ihr angeborenes Recht: »Wenn sie hungern, weint das Paradies; wenn sie frieren, zittert der Himmel. Oh, welch ein Grollen des Donners in den Himmelsräumen, wenn Gott, der uns die Kinder mit Flügeln gesendet, sie in Lumpen gehüllt wiederfindet!«