Von dieser Stunde an ward Marie ruhiger und gelassener. Sie fing an, sich an ihre guten Pflegeeltern inniger anzuschließen, und der leichtherzige Franz fand an ihr wieder seine Spielkameradin. Als die guten Leute den Christbaum anzündeten und der Franz vor Wonne jauchzte, stand auch Marie mit freundlichem Anteil dabei. Sinnend und sinnig sah sie zu, wie die Lichter am Baume mit den grünen Nadeln spielten und spitzige Flämmchen in die Luft bliesen. Sie weinte nicht, aber die Augen wurden ihr feucht.

Die braven Wiener Bürgersleute herzten und küßten die Kleinen, und indem sie in heißem Gebete zum Himmel flehten, er möge künftighin ihre geliebte Vaterstadt nicht mehr mit Feuer heimsuchen, priesen sie die Vorsehung, die es verstanden, mitten aus dem Unheile heraus für ihre alten darbenden Herzen ein unerwartetes Glück zu schaffen.

(Am 25. Dezember 1881)

Ohne Mutter

Als ich heuer den ersten Schnee fallen sah und sommerlich gekleidete, leicht beschuhte Kinder erblickte, die blaß und bekümmert über die Straße wateten, summte mir unaufhörlich die Erinnerung an ein rührendes Ereignis durch den Sinn, das in meiner Knabenzeit großes Aufsehen erregt hatte, um, wie das selbst bei den wichtigsten Dingen zu geschehen pflegt, rasch wieder vergessen zu werden. Es war die Geschichte eines Zwillingspaares, eines Knaben und eines Mädchens, die zur Winterszeit auszogen, eine Mutter zu suchen, und nach einigen Tagen im Walde erfroren aufgefunden wurden. Ich habe die beiden Geschwister wohl gekannt, die braune Mali, die so schwere dunkle Zöpfe auf dem Rücken trug, und den blonden Conrad mit den schlichten Haaren und den treuherzigen blauen Augen. Ich bin oft mit ihnen in die Erdbeeren gegangen, habe mit ihnen Schmetterlinge gejagt, und im Winter haben wir einander mit Schneeballen geneckt und sind dem edlen Sport des Schlittenfahrens mit Leidenschaft obgelegen. Da sie hübsch und artig waren, obgleich von ärmlichem Ansehen, hatte sie jedermann gerne. Die Mutter war bei der Geburt der Zwillinge gestorben, und der Vater – ein Taglöhner, der zumeist von Holzspalten lebte – war ein rauher Mann, der im Verdruß über seine üblen Umstände, und dadurch sie immer verschlimmernd, der Flasche mehr als billig zusprach. Als eines Morgens der Vater tot im Bette gefunden wurde, ward es den Kindern recht unheimlich zumute. Fröstelnd in der ungeheizten Stube, saßen sie an dem Tische, auf dem sonst die Wassersuppe als Frühstück gestanden, und ratschlagten in ihrem kindlichen Sinne, was nun anzufangen sei. Oft hatten sie schon die Leute sagen hören: Ja, Kinder, wenn ihr eine Mutter hättet! Und die braune Mali – wie ja die Mädchen stets klüger sind, als die Knaben – hatte einmal eine Nachbarin gefragt: was das denn sei, eine Mutter? Die Nachbarin antwortete dem neugierigen Mädchen: eine Mutter sei eine Frau, welche die Kinder hüte wie ihren eigenen Augapfel; man könne nie frieren, sondern habe immer warm, wenn man eine Mutter besitze. Dieses Wort der Nachbarin trug das sinnige Mädchen mit sich herum, und als sie mit ihrem Brüderchen frierend am leeren Tische saß, fiel es ihr ganz warm auf die Seele, und sie fing an: »Weißt du was, Conrad? Der Vater ist tot, und niemand kümmert sich mehr um uns, als die böse alte Hanne. Wir wollen miteinander fortgehen und uns eine Mutter suchen. Es gibt ja so viele Mütter auf der Welt, es wird wohl auch eine für uns darunter sein.« Conrad hatte nichts einzuwenden gegen diesen Vorschlag, und so machten sich Bruder und Schwester in leichten Kleidchen auf, Conrad ohne viel Vorbereitung, Mali aber erst, nachdem sie ein Stück Brot in die Tasche gesteckt und einen an Schnüren befestigten baumwollenen Muff umgehängt hatte. So gingen die beiden Kinder Hand in Hand zum Tore hinaus, erst der Straße nach, dann auf Fußsteigen durch Felder und Wiesen dem Walde zu. Sie waren von Bauersleuten gesehen und auch wohl angeredet worden; als einer sie verwundert fragte, wie es denn komme, daß sie bei diesem Schnee und dieser Kälte über Feld gingen, antworteten sie ganz gelassen, daß sie eine Mutter suchten. Der Mann sah ihnen eine Weile kopfschüttelnd nach, dann verschwanden sie hinter Bäumen; allein der allgegenwärtige Märchengeist des Volkes hat sie begleitet bis zu ihrem letzten Worte und bis zu ihrem letzten Atemzuge. Als sie in den Wald hineinkamen und die Tannen im Winterschmucke glitzern und blitzen sahen, meinten sie, hier sei es ja schon Weihnachten und ganz so schön wie bei den vornehmen Leuten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dieser Pracht und Herrlichkeit; sie gingen von Baum zu Baum, schüttelten wohl auch an einer schlanken Fichte und lachten, wenn ihnen der nasse Staub in die Augen fiel. Als sie ihre Lust gebüßt hatten, gingen sie wieder fürbaß, nur Mali hielt zuweilen an und rief in den Wald hinein: »Mutter! Mutter!« – aber bloß ihre eigene Stimme kam ihr zurück, oder ein geschreckter Specht flog auf, und unter ihm stob der Schnee vom Aste. Als die beiden Kinder weit auf der Höhe an eine Wegscheide kamen und schon der Abendschein die Baumgipfel vergoldete, fühlten sie sich müde und setzten sich unter eine Tanne. Mali nahm das Brot aus der Tasche und fütterte damit den Bruder, der willig den Mund aufsperrte. Ein Frost überkam sie, und Mali steckte die Hände Conrads in ihren Muff. Sie konnten sich des Schlafes, der schwer auf sie fiel, nicht erwehren, und sie schlummerten Hand in Hand und Wange an Wange ein. An einem plötzlich aufstrahlenden Wärmegefühle wurde Mali wach; sie weckte ihren Bruder und sagte zu ihm: »Conrad, mir ist so leicht und warm, das muß die Mutter sein!« – »Ja,« antwortete Conrad, »das ist die Mutter!« Und sich enger aneinanderschmiegend, entschlummerten sie lächelnd und wachten nicht wieder auf. Unser aller Mutter, die Erde, in deren scheinbar harten Entschließungen wir die Liebe nur ahnen können, hatte die armen Zwillinge mitleidig in ihre Arme genommen.

Wie diese zwei Kinder, so suchen viele Menschen ihre Mutter, sei es nun, daß sie erfahren haben, was eine Mutter ist, sei es, daß sie eine Mutter nie besessen. Die Sehnsucht nach dem nur Geahnten ist so stark, wie die Sehnsucht nach dem verlorenen Besitze. Wer keine Mutter hat, der geht doch nur betteln und lebt vom Almosen der Liebe. Denn es gibt nichts Köstlicheres als Mutterliebe, und ihre Macht und ihr Segen sind unerschöpflich. Wie arbeitet und bildet die Mutter an dem zappelnden und schreienden Geschöpf, das in den Windeln liegt – selbst bedürfnislos und für alle Bedürfnisse des Kindes sorgend. Groß wie die Natur, deren Priesterin sie ist, kennt sie keinen Wertunterschied der Dinge, und wo sie liebt, wandelt sich ihr selbst der Kot zu lauterem Golde. Was ihre Hand berührt, veredelt sie. Sie vermittelt das edelste Besitztum, welches ein Volk kennt: die Sprache wird uns mit der Milch eingeflößt, mit Küssen eingeschmeichelt. Wir sagen: unsere Muttersprache, um den traulichsten Reiz unserer Sprache zu bezeichnen und unsere tiefste und herzlichste Freude an ihr zu bezeugen. Wir hören durch unsere Sprache hindurch die Kinderstimme der Mutter, den naiven Laut der Liebe. Die Kinderstube ist eine sprachliche Werkstatt, wo die Kosenamen und Verkleinerungsformen geschaffen werden, und wie ohne Zweifel bedeutende Männer gewisse Wortformen erfunden haben, so haben auch bedeutende Frauen und Mütter bei der Formenschöpfung und bei der Bestimmung des Geschlechtes der Wörter ihre Hand mit im Spiele gehabt. Wenn nicht Liebende den Dual, der mit einem Worte zwei Wesen bezeichnet, erfunden haben, so hat es gewiß die Mutter getan, die sich nicht getrennt denken konnte von ihrem Kinde. Ja, so wenig trennt sie sich von ihrem Kinde, daß dem Verbrecher nichts mehr bleibt als die Mutter, wenn die übrigen Menschen sich von ihm abwenden: über alle Gräuel hinweg waltet noch die Mutterliebe als ein unzerstörbares sittliches Naturgesetz. Es gehört zu den großen Zügen unseres Zeitalters, daß die Enterbten der Menschheit (proles sine matre creata) nach der Mutter suchen, die ihnen mild und liebend entgegenkommt.

Wenn es möglich ist, daß der Mensch aus dem Tode zurückkehrt, so kann es vor allen anderen die Mutter. Im deutschen Märchen besucht die tote Königin jede Nacht ihr Kind. »Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüttelte sie ihm sein Kißchen, legte es wieder hinein und deckte es mit dem Deckbettchen zu.« Und steht nicht geschrieben in dem Buche der Bücher: »Man höret eine klagende Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe vor Bethlehem, wo Jacobs Weib begraben liegt: Rahel weinet über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen« – und ach, wann könnte Rahel bitterlicher weinen als heutzutage?

Die Mütter sind überall zugegen, und müßten sie das Grabgewölbe durchbrechen. Ihre Seele, ihr sorgendes Gemüt umschwebt uns allerwärts. Und wenn es in einem mutterlosen Hause um den Weihnachtsbaum lichter und wärmer wird – haltet es nur für sicher, das rührt von einer heiligen Gegenwart her: es ist der Atem und es sind die Augen der verstorbenen Mutter.

(1884)

Mutter und Kinder