(Am 25. Dezember 1875)
’s Rickele von Munterkingen
Ein philologisches Idyll
Dr. Conrad Schwälble, ein schwäbischer Privatgelehrter, der von der Theologie hergekommen – denn damals war jeder gebildete Württemberger Theologe oder Theologe wenigstens gewesen – hatte von einer Stuttgarter Verlagsbuchhandlung die Aufgabe übernommen, den Text von Schillers Werken zu säubern, in sorgsamer Abwägung des Wertes der verschiedenen Lesarten eine sogenannte kritische Ausgabe herzustellen. Zu diesem Behufe hatte er in dem benachbarten Cannstatt eine kleine, stille Wohnung gemietet, die nahe unter dem Dache lag und nur mit einem schräg angebrachten Guckfenster auf den vorüberfließenden Neckar hinaussah. Überdies hatte er sich sein Bäschen Friederike, kurzweg ’s Rickele genannt, aus ihrem gemeinsamen Geburtsorte Munterkingen als Gehilfin verschrieben, ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren, ganz in der heimatlichen Mundart groß geworden, aber mit einem ausgesprochenen Sinn für das Höhere und Edlere, wie es in den Büchern zu finden ist. Da sie, frühzeitig verwaist, von jung auf das bittere Brot der Fremde geschmeckt, folgte sie freudig dem Rufe des verwandten Mannes. Als sie bei dem gelehrten Vetter einzog, brachte sie die volle ländliche Atmosphäre mit sich, und sie selbst sah so dorfgeschichtlich aus, daß Schwälble sie mit einigem Befremden willkommen hieß. Die hinaufgestrichenen Haare krönte ein steiles, spitzes Häubchen, von welchem lange breite Bänder, schwarz und an den Rändern ausgezackt, über den ganzen Rücken bis an die Gangadern herabflossen, den anmutigen Busen hielt ein verschnürtes Mieder mit weißen Spitzen, und der Rock war so kurz bemessen, daß er die Knöchel sehen ließ. Jeder andere, als Schwälble, wäre von dieser freundlichen Mädchenerscheinung gerührt gewesen; da er sich aber selbst aus bäuerlichen Verhältnissen herausgearbeitet, wollte er an das »Kafferntum«, wie er sich studentisch ausdrückte, nicht gern erinnert sein. Als er daher sein Bäschen zu ihrem künftigen Berufe, der darin bestand, ihm bei der Herstellung kritischer Texte behilflich zu sein, vorbereitete, legte er ihr den Wunsch nahe, sie in städtischer Tracht um sich zu sehen, die sich nicht nur für Cannstatt, sondern auch für Schiller besser schicke. »Du mußt auch die Toilette deiner höheren Aufgabe tragen!« rief der Philolog aus, um den Ehrgeiz des Mädchens zu stacheln. Wie nun das andere Geschlecht die Veränderung und die Maskerade liebt, war Friederike nicht besonders schwer zu bewegen, ihre bisherige Hülle abzustreifen und moderne Kleidung anzulegen, in die sie – von einer gewissen steifen Grazie abgesehen – rascher, als man hätte glauben sollen, hineinwuchs; doch in bezug auf das, was er ihre künftige Aufgabe nannte, stieß er auf einigen Widerstand von ihrer Seite. Ihre literarische Kunde beschränkte sich auf Bibel, Gesangbuch und auf die Gedichte und Schauspiele Schillers, die sie jahrelang mit steigender Begeisterung gelesen hatte, wenn sie, in fremdem Dienste, unartige oder kranke Kinder auf ihren Armen beruhigte oder einschläferte. Nun konnte sie mit ihrem Enthusiasmus, der ins Große und Ganze ging, die scheinbar kleinlichen Bemühungen ihres Vetters nicht vereinigen, die darauf hinausliefen, jedes einzelne Wort Schillers, das je geschrieben oder gedruckt worden, aufs Korn zu nehmen und auf seine Richtigkeit zu prüfen. Schreibfehler, Druckfehler – welche Kleinigkeit einem Genie gegenüber, das uns ja gerade über alle Grenzen des Verstandes hinausreißt! Schon einmal sei man bestrebt gewesen, ihr den Schiller zu verleiden. Sie habe sich aus seinen Dichtungen ein persönliches Bild von ihm gemacht, so schön, so glänzend, wie das keines andern Mannes. Nun habe ihr eines Tages der Barbier von Munterkingen, als er einem ihrer Pfleglinge Blutegel setzte, mit einer gewissen boshaften Beflissenheit mitgeteilt, daß Schiller ein langer, unbeholfener Mensch mit schlottrigen Knien gewesen, daß er rotes Haar, Sommersprossen, entzündliche Augen gehabt und daß er leidenschaftlich Tabak geschnupft habe. »Himmel und Erde,« habe ich ausgerufen, »das ist nicht wahr, und hab’ es auch nie wahr sein lassen. Meinen Schiller trägt der italienische Figurenmann auf dem Kopfe herum, mein Schiller steht auf dem Alten Schloßplatze in Stuttgart, gar net davon zu reden, wie fescht er steht in meinem Innerschten. Ich brauch’ keinen Schiller für Bartputzer und Knochenhauer!...« So konnte Friederike, als die echte Landsmännin des jugendlichen Schiller, zum Verdrusse und Schrecken ihres Vetters blitzen und wettern. Man kann sich denken, wie sie sich als arme Sünderin und verdammte Seele fühlte, wenn Schwälble aus einem Manuskripte oder einer ersten Ausgabe Schillers vorlas und sie, ihm gegenüber in einer andern Ausgabe nachlesend, von allen Unterschieden der Interpunktion und Schreibung Rechenschaft geben mußte. Sie hieß dieses Geschäft zum größten Ärger ihres Vetters »die Purpurgewänder Schillers auftrennen«. »Was Ypsilon oder I,« konnte sie dann erzürnt ausrufen, »was Strichpunkt oder Doppelpunkt – der Dichter bleibt der Dichter, und ein verdächtiges Wort – verschrieben oder verdruckt – macht uns selbst zum Dichter! Wenn ich einmal verheiratet bin, schaffe ich mir einen Reutlinger Nachdruck Schillers an, und ich freue mich schon im voraus, wie ich mich an diesem saftigen Unkraut erholen werde ...« Solchen leidenschaftlichen Ausbrüchen gegenüber, denen er freilich, ganz im Hintergrunde seines Wesens, eine gewisse Berechtigung nicht absprechen konnte, ließ sich Schwälble mit Salbung über die Würde des Textkritikers aus, und gerne bezeichnete er mit den Worten des größten deutschen Meisters dieser Wissenschaft und Kunst als die Aufgabe der philologischen Kritik: »den Schriftsteller selbst sich so ähnlich als möglich zu machen«. Dergleichen Worte glitten an dem Bäschen spurlos ab, der er ins Gesicht sagte, daß sie keinen Wahrheitssinn habe. Das ließ sie einfach auf sich beruhen, doch brachten es Zeit und Gewohnheit mit sich, daß sie sich mit ihrer Beschäftigung aussöhnte und sie mit nicht mehr Aufwand von Gedanken betrieb, als Nähen und Stricken. Auch sprach sie von beendigten Bänden als von fertig gestrickten Strümpfen.
So waren sie vom frühesten Frühling an bis in den Sommer hinein fleißig gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen sämtlich ins Reine gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem heißen Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: »Von den notwendigen Grenzen des Schönen, besonders im Vortrage philosophischer Wahrheiten«, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem Guckfenster gegenübersaß, stand eine Schüssel saurer Milch, und daneben hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dünne Schnitten von Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwälble seinerseits machte sich mit einer mächtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen: langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack, beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen ließ oder einen Schlußpunkt markierte; wenn eine Stelle längeres Nachdenken in Anspruch nahm, ließ er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So begann Schwälble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bäschen unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder verdächtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die im Chorus das Lied sangen: »Und der Reutelinger Wein ist ein guter, guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!« Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schießen ließ, gewahrte unten ein Schiff voll Tübinger Studenten, von denen einer auf das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mütze gegen ihr Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwälble aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war, schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: »Eineweg lustig sein!« Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, daß die Bemerkungen des Bäschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhörten. Er kam zu der Stelle der Schillerschen Abhandlung: »Bei dem wissenschaftlichen Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schönen werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil, aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande, Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natürlich! denn die Begriffe dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo er unterscheidet; das Gemüt verhält sich während der Lektüre viel mehr leidend als tätig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut ...« Und Schwälble wiederholte mit Nachdruck: »Als was er tut,« indem er von Friederike eine Gegenäußerung erwartete. »Bäsle,« fragte er sie endlich, »hast du in deinem Text tut oder tat?« Da keine Antwort erfolgte und er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blühen.
»Du schläfst?« rief Schwälble scharf aus, indem er das Mädchen beim Arme ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglückes: »Du schläfst!« Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild seines Stuttgarter Auftraggebers plötzlich stellte, faßte er seinen Schmerz in die Worte zusammen: »O Rickele, was wird der Herr von Cotta sagen!«
An der Ruhe der anmutigen Sünderin entzündete sich Schwälbles Zorn, und in der Aufregung seines Gemütes trat der volle Schwabe auf seine Lippen. »Noi, noi,« brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube mit starken Schritten maß, »noi, d’ Weibsbilder hent koi wisseschaftlichs G’wisse! Was wißt ihr, mit euren Zöpfen und verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein unterdrückter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im Wachen und Traume nach, wie einem Mörder das Gespenst eines Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die Suppe, vergällt mir den Wein. Für solche Gemütsleiden habt ihr kein Verständnis, kein Gefühl!«
In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch getaucht und aß sie langsam ab. Schwälbles Donnerwetter ging nach einer Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike, und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit freundlicher Stimme: »Sag, Bäsle, wo hast du denn hingedacht?« Und sie erzählte ihm hierauf, daß ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne vergangen seien; daß sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fühlte, und wie dann, als sie die Augen öffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schön wie eine überirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddämmerung verschwunden sei. Schwälble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl ausgesehen wie ein Tübinger Stiftler in den Ferien: schwarz und weiß gewürfelte weite Beinkleider mit hängenden Quasten und eine bunte Mütze auf dem Kopfe. Ein »forscher« Himmelsbürger! »Er wird wohl aus Munterkingen gebürtig sein und Fritz geheißen haben.« Friederike, die leicht errötete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin vom Neckar heraufgegrüßt hatte, genannt war, rückte sie mit einer Bitte heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. »Du, Vetter,« sagte sie, »sei nicht bös; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm aus, er muß griechisch oder gar hebräisch sein.« Sie reichte dem Vetter das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand:
Munterkingen, 1. Mai 1846.
... νυνὶ δὲ μένει πίστις, ἐλπὶς, ἀγάπη,
τὰ τϱία ταῦτα; μείζων δὲ τούτον ἡ ἀγάπη.