Friedrich Staudenmayer,
Cand. theol.
Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: Nyni de menei pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape. »Diesen Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: Nyni nun, de aber – oh, könnt’ ich dir die Bedeutung der Wörtchen men–de auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also: pischtis – sprich nur herzhaft pischtis aus, obgleich die gezierten Norddeutschen pistis sagen. Was meinst du: wenn die alten Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! Pischtis, elpis, agape, Glaube, Hoffnung, Liebe; ta die, tria drei, tauta diese, zu deutsch: diese drei. Meizon de, das größere aber, oder sagen wir gleich: das größte aber –« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort, »halt, ich hab’s! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch’ erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.«
Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische Liedchen vor:
’s ischt no net lang,
Daß g’regnet hat,
Die Bäumle tröpflet no;
I han amal a Schätzle ghat,
I wollt, i hätt’ es no –
und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in Munterkingen hält. Dr. Conrad Schwälble, der als Theologe das in Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch erschnappten griechischen Brocken hin: »Nyni de menei pischtis.« – »Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. – »O nein, Fritz, ich bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne ich Griechisch.« – »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« – »Aber so besinne dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« – »Ja!« – »Vor einem Jahre, zur Sommerszeit?« – »Ja!« – »In der Abenddämmerung?« – »Ja!« – »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« – »Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.« Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle, hascht me au a bissele lieb?« – »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er das Mädchen umarmte.
Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus, auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, besorgt von Dr. Conrad Schwälble« – »und Friederike Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf.
(Am 24. Dezember 1882)
Die Kunst, arm zu werden
Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus. Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen, wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten durch das Fenster schaut – nicht aus schnöder Neugier, sondern aus Teilnahme – wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt. Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben, aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern, wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm zu werden.
Arm sein ist keine Kunst: man ist es eben, wie man blond ist oder braun; aber arm werden, oder vielmehr ärmer werden, sich mit einer Art Genuß von der Höhe des Wohlstandes herabgleiten lassen, indem man das Werk der Notwendigkeit in einen freien Entschluß verwandelt – das ist eine Kunst, welche nur die wenigsten verstehen. Ich habe es als ein Mittel gegen die Seekrankheit erprobt, die Bewegungen des Schiffes mitzumachen, als ob es die eigenen wären. So auch bei einem empfindlichen Glückswechsel; man muß sich nicht gegen den Rhythmus einer solchen Veränderung stemmen, sondern ihm willig folgen. Um dieses zu können, dazu gehört freilich einiges, aber nicht gar zu viel: man muß das Talent besitzen, die Dinge mehr auf ihren inneren Wert als auf ihren Preis anzusehen. Wer die Welt mit so hellen Augen betrachtet, wird erfahren, daß er bei vielen, ja bei den meisten Einkäufen noch Geld übrig behält. Man kann kleines Kapital innerlich potenzieren, es fruchtbarer machen, indem man billigen Sachen einen Affektionswert beilegt. Dazu braucht man einige Phantasie des Herzens und jenen idealisierenden Blick, der nicht etwa übertreibt, sondern nur durch die Schale den Kern sieht. Wenn ich meine Seele in das geringste Ding hineinlege, so kann ich seinen Wert hundert- und tausendfach steigern. Das ist das Geheimnis der Liebe. Ich habe Wälder und Felder von unabsehbarer Ausdehnung verloren, aber mein Hausgärtchen ist mir geblieben mit seinem Lindenbaum und seinen Rosenhecken und seinen Salatbeeten; ich übersehe es leichter, ich kann es lieben, weil ich es umfassen kann. Ja, ich habe mein Hausgärtchen verloren, aber was hindert mich daran, den beglückten kleinen Großgrundbesitzer zu spielen, wenn ich die Blumen vor meinem Fenster begieße? Ein verschwundenes Glück läßt immer ein anderes nach, vielleicht kleiner als das vorige, aber nur klein und lieb wie die Kinder, und diese Perspektive des verkleinerten, aber nicht verminderten Glückes ist unendlich.