Im Bodetal, das sie von Elbingerode-Rübeland aus, dem Flußlauf abwärts folgend, hinabwanderten, haben sie dann »alle Felsen der Gegend angeklopft«, und »Krause hat ganz köstliche Dinge gezeichnet«. Über »den Roßtrapp« enthalten die Briefe nichts mehr. Auch der schöne Brief an Herder aus Elbingerode, der, alles in allem, in dem Jubellaut gipfelt: »… die Tage sind herrlich,« verrät nur Hoffnungen: »Morgen und übermorgen geht's an der Bude hinunter, wir werden an den Fall gelangen, wo dieses Flüßchen hinter dem Roßtrapp hinabstürzt. Zwischen diesen Felsen hoff ich noch viel für meine Spekulation, es ist ein Durchschnitt, der sehr lehrreich ist.« Über all dies erzählt das »Geognostische Tagebuch« trotz seiner Kürze und Trockenheit mehr, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht und das Bodetal bei Treseburg kennt, der wird sich mit einiger Phantasie ausmalen können, wie Goethe und Kraus sich durch die zerklüfteten Schluchten und Engpässe hinquälten. Ab und zu halten die beiden inne. Dann fliegen Felleisen und Mantelsack ins Gras. Kraus greift zu seiner Skizzenmappe. Goethe aber, immer noch jugendlich schlank, in Reiserock und Dreispitz, schreitet gelassen zwischen den wirren Felstrümmern hin und her, beklopft gebückt Wand um Wand, und sein Hammer lockt aus dem starren Granit Hall und sprühende Funken. Ist es ein Mensch oder ist es mehr als ein Mensch, der da den stummen Bergen ihr letztes Geheimnis entreißen will? … »Werde mir Zeuge, du Stein!« Wer hat's gesprochen? Niemand. Nachhall des Herzens äfft uns. Aber doch sind diese Steine, diese wilden Felsen längs der Bode Zeugen dessen, daß ein Großer sie einst angerührt, bei ihrem dumpfen Erklingen vielleicht an die Frau gedacht hat, die er, ach! so bald verlassen sollte, um sie nie wiederzufinden.
»Lebe tausendmal wohl!« — das ist das letzte Wort, das sie damals aus dem Harz erhielt. Es wohnt noch jetzt im Echo der heiligen Harzberge.
Und 1805. Schiller ist im Mai gestorben. Goethe, schon zu Beginn des Jahres schwer krank, kränkelt von neuem. Wird sichtlich alt. Die Hälfte seines Daseins habe ihm Schillers Tod entrissen, klagt er dem neuen Freunde Zelter. Da besucht ihn im Juni der Philologe Friedrich August Wolf aus Halle und muntert ihn ein wenig auf. Die Badekur im nahen Lauchstädt, wo ihn Christiane, sein »kleiner Hausgeist«, pflegt, scheint die Erholung zu vollenden, und als Christiane am 12. August nach Weimar zurückkehrt, fährt Goethe mit seinem Sohne August nach Halle zu Wolf. Der Besuch wird Wohltat, die Zerstreuung ist Medizin für Goethe. Und ob er nun, als er nach Halle reiste, schon an einen Abstecher in den Harz gedacht, oder ob der immer unternehmungslustige Wolf ihn erst dazu angeregt hat — gleichviel: nach kurzem Aufenthalt in der Saalestadt fuhren die drei heiter und guter Dinge los. »Mein humoristischer Reisegefährte,« erzählt Goethe selbst später in den Annalen, »erlaubte gern, daß mein vierzehnjähriger Sohn August Theil an dieser Fahrt nehmen durfte, und dieses gereichte zur besten geselligen Erheiterung.«
So gewinnt diese vierte und letzte Harzreise Goethes eine hübsche Beigabe: Vaterfreude verklärt sie. Diese Vaterfreude spiegeln deutlich die Briefe an Christiane, die Mutter. Lassen sie auch die leichten Schatten der Erinnerung erkennen, die dieser hellen Sommertage Glanz hie und da verdunkelt haben mögen? Denn wie anders sah er die Berge wieder, die er einst im ersten Rausche junger Liebe erstiegen! Achtundzwanzig Jahre waren es her, daß er abenteuerlustig mitten im Winter auf den Brocken geklettert war; jetzt sah er ihn von weitem, von Thale aus, winken … er lockte ihn nicht mehr. Mehr als die Berge reizten ihn diesmal seltsame Menschen. Ihnen galt ja auch die Reise. Goethe selbst hat sie ausführlich, wie gesagt, in seinen Annalen geschildert; stellenweise gehört diese 1822 abgefaßte Schilderung zum Schönsten, was wir in Prosa überhaupt von Goethe besitzen; besonders gegen Ende blüht die Harzlandschaft noch einmal in so wundervollen Farben auf, daß man nur bedauert, daß der Dichter nicht auch auf die Harzreisen von 1783 und 1784 noch einmal eingegangen ist. Aber auch hier mag er wohl nicht an etwas haben rühren wollen, was er für immer begraben hatte … die Wunde, die er Frau von Stein geschlagen hatte, schmerzte wohl am tiefsten ihn!
Ja, ein wie anderer war er geworden, als er diese vierte Harzreise antrat. Ein Leben lag hinter ihm. Die italienische Reise hatte ihn von der Frau getrennt, die ihm einst Inhalt und Sinn des Lebens gewesen, eine andere hatte ihm den Sohn geboren, der jetzt im Wagen neben ihnen saß. Diese erhielt jetzt liebevolle Briefe, an jene diktierte er nur einen höflichen Bericht. Freier als diesen beiden gegenüber äußerte er sich zu den Freunden: zu seinem Herzog und zu Zelter, und zwei ausführliche Briefe an Carl August sind es denn auch, die die beste Ergänzung zu der Schilderung in den Annalen bilden.
Man fuhr zunächst von Halle nach Magdeburg, wo Goethe der Dom mit seinen alten Kaiserstatuen besonders interessierte, dann nach Helmstädt, wo man den Sonderling Beireis, einen regelrechten Vorfahren späterer Hoffmannscher Gestalten, besuchte, besah sich in Harbke den schönen Veltheimschen Park mit seinen seltenen ausländischen Hölzern, kehrte auf dem Gute des »tollen Hagen« ein, ging gerne und willig in dem winkligen, stimmungsvollen Mittelalter Halberstadts mit seinem Dom und seinen noch nahen Gleim-Erinnerungen auf und landete endlich im Bodetal.
Goethe sah es nun zum dritten Male, und nach der Schilderung, die er gibt, scheint es nie so stark auf ihn gewirkt zu haben wie gerade diesmal. Sah er mit anderen Augen? Wirkten die Erinnerungen, die ihn mit dieser schönsten Stelle des Harzes verknüpften, verklärend? Hörte er vielleicht als Echo den geliebten Namen, den er einst so oft in diese Berge und Täler gerufen? Sah er sich wieder mit Fritz von Stein auf den Steinen der Bode sitzen … wer will es wissen? Vor langen, langen Jahren hatte er einmal »im Rübelande«, hart unter der Baumannshöhle, auf einer Brücke gestanden und in das eilig dahinstürzende Wasser der »Bude« geschaut; damals trugen die Wellen Grüße nach Weimar; jetzt stand er am »Hammer« in Thale, ruhig strömte der Fluß in seinem niederen Geröllbett dahin, so ruhig und gelassen, als ob es gar keine Eile, keine Aufregung gäbe, staute sich am Wehr und wurde stiller, dunkler Spiegel. Die großen, dunklen Dichteraugen sahen und begriffen es: Abbild des Lebens, das verrauscht und stille wird wie dieser Fluß.
Da rief ein Klang ihn, kam von irgendwo: »Lebe tausendmal wohl!« Wem hatte einst der Abschiedsgruß gegolten? Erinnerung stöhnte auf. Da war sie wieder, die schlanke Silhouette, die er nicht vergessen konnte, da das schmale Gesicht, da der Blick der heißen Frauenaugen, da das Lächeln, das wehrlos machte … Vorbei, vorbei! Jetzt saß im Fenster an der Ackerwand, zu dem er so oft hinaufgebetet hatte, eine alte Frau, vergrämt und verbittert, und sann verlorenem, verspieltem Glücke nach … eine fremde Frau, die nicht ihn und die nicht er verstand. Sie wohnten beide längst auf anderen Sternen. Und da quälte ihn der Klang im Ohr, und er wandte sich.
Über Ballenstedt, Aschersleben, Cönnern ging's wieder nach Halle zurück. Im Wagen lärmte der halbwüchsige August. Noch einmal wurde Lauchstädt kurze Station. Dann aber konnte Christiane, freudestrahlend, wieder Vater und Sohn umfangen. Und da war auch Goethes letzte Harzreise aus.