Das Fazit dieses Pyrmonter Zustandes zieht dann der höchst aufschlußreiche Brief an Meyer vom 31. Juli aus Göttingen, in dem es heißt: »… von mir kann ich wenigstens gegenwärtig sagen, daß es mir recht leidlich geht, es sey nun, daß die Bibliothek und das akademische Wesen, indem sie mich wieder in eine zweckmäßige Tätigkeit nach meiner Art versetzten, mir zur besten Cur gediehen oder daß, wie die Ärzte sagen, die Wirkung des Brunnens erst eine Zeit lang hinterdrein kommt; denn ich kann wohl sagen, daß ich mich in meinem Leben nicht leicht mißmutiger gefühlt habe als die letzte Zeit in Pyrmont.«
Viel hat zu der offenbaren Mißstimmung, unter der Goethe, zumal in der letzten Zeit, in Pyrmont gelitten hat, das schlechte Wetter beigetragen. So klagt er Christiane in einem Briefe vom 12. Juli: »Das Wetter zerstörte alles, Cur und Spazierengehen und Geselligkeit; heute stürmts und regnets. Ich habe einheizen lassen.« Das ist ja auch ärgerlich. Daß der immer noch Kränkliche ferner unter der Kur zunächst gelitten hat, ist nur natürlich: jede Kur strengt an, und vielleicht hat Goethe in dem Bestreben, möglichst rasch Erholung zu finden, des Guten auch etwas zuviel getan. Daß bald Arbeitslust an sich einsetzte, ist doch ein Zeichen der Kräftigung, wenn auch der Körper sich noch nicht so kommandieren ließ, wie der Geist es wollte. Und die Ärzte, die ihm volle Wirkung der Pyrmonter Kur erst für später voraussagten, haben recht behalten: Goethe ist schließlich doch frisch und gekräftigt nach Weimar zurückgekehrt.
Erst später hat er auch erkannt, daß ihm Pyrmont in geistiger Beziehung viel gegeben, nicht allein, wie es in jenem Briefe an Schiller noch zurückhaltend genug heißt, manches gute und interessante Gespräch, nein, Pyrmont mit seinen vielen Erinnerungen an alte und älteste Zeiten hat auch seiner Phantasie neue Nahrung zugeführt, hat ihm zum ersten Male wieder seit langen Jahren den Plan zu einer großen dichterischen Arbeit geschenkt. Das ist jene romanähnliche Erzählung aus der mittelalterlichen Geschichte Pyrmonts, das »Mährchen« einer Ritterpilgerfahrt zum Hylligen Born aus dem Jahre 1582, dessen endliche Gestaltung einem damals viel gelesenen Buche, den »Amusements des eaux de Spaa« eines Herrn von Pöllnitz, ähnlich werden sollte. Wohlgemerkt: sollte. Denn es ist nie in Angriff, geschweige denn in Arbeit genommen worden, und wenn die unausgeführt gebliebene Dichtung Goethes auch, wie Gräf in seinem Werk »Goethe über seine Dichtungen« richtig dazu bemerkt, in ihrem Entwurf für uns nicht entfernt die Wichtigkeit hat wie des Dichters Berichte über so manchen anderen liegengebliebenen Plan, so verdient sie doch größere Beachtung, als ihr bisher geworden.
Neben den Klagen über die Kur und das schlechte Wetter erzählen Goethes Briefe aus Pyrmont aber auch manches Heitere und Lustige. Goethe war Mensch und als solcher Stimmungen unterworfen: der idyllischen Anmut Pyrmonts, dem Zauber seiner Umgebung konnte er sich letzten Endes so wenig entziehen wie jeder andere. Dazu kam, neben anderer, durchaus nicht unangenehmer Gesellschaft, die er dort gefunden hatte, das unausgesetzte Beisammensein mit dem kleinen August, das dem Vater viele frohe Stunden bescherte. »August ist sehr glücklich,« meldet Goethe einmal der Mutter in Weimar, »gestern waren wir auf einem Hügel 5/4 Stunden von hier, wo Versteinerungen und Krystallisationen angetroffen werden, deren Suchen und Auffinden das größte Fest war.« Und im selben Briefe heißt es: »Die Lage um Pyrmont ist sehr angenehm, und in der Nähe gibt es allerlei Merkwürdigkeiten, Mineralien, Ruinen, und was dergleichen sein mag.«
Und was dergleichen sein mag! Hier ist einzuhaken. Denn diese an sich nichtssagenden Worte, niedergeschrieben am 26. Juni, beziehen sich vielleicht auf den größten Fund, den Goethe, dank den mit seinem Söhnchen gemachten Ausflügen entdeckerfreudig gestimmt, in Pyrmont gemacht hat — sei es, daß er durch das Aufstöbern alter Baulichkeiten zu geschichtlichen Lektüre über Pyrmonts Vergangenheit verführt wurde, sei es, daß ihn erst eine solche Lektüre dazu trieb, Gegenständliches in der näheren und weiteren Umgebung zu suchen … denn fast gleichzeitig meldet sein Tagebuch, auch hier wie überall und immer gewissenhaft geführt, am 30. Juni: »… die Erinnerung an alle merkwürdige Vorfälle, die sich denn doch wohl mögen in der Nachbarschaft ereignet haben, erregt ein ganz eignes Interesse.«
Diese Worte: »ein ganz eignes Interesse« bedeuten bei einem so zurückhaltenden Menschen wie Goethe viel, und nimmt man sich die »Annalen« des alten Goethe vor, so findet man da erstens einmal die ganze Reise nach Pyrmont genau beschrieben, in dieser Beschreibung dann aber auch das, was damals in Pyrmont ein so hohes Interesse bei ihm erregt hat: nämlich jene wundersame und geheimnisvolle Massen-Pilgerfahrt zu den Quellen Pyrmonts aus dem Jahre 1582. Schönste Ergänzung dazu: der Aufsatz »Aufenthalt in Pyrmont. 1801« in den »Biographischen Einzelheiten«, der, wahrscheinlich 1825 niedergeschrieben, erst 1837 aus dem Nachlaß bekannt wurde.
In den »Annalen« heißt es:
»In Pyrmont bezog ich eine schöne, ruhig gegen das Ende des Orts liegende Wohnung bei dem Brunnenkassirer, und es konnte mir nichts glücklicher begegnen, als daß Griesbachs ebendaselbst eingemiethet hatten und bald nach mir ankamen. Stille Nachbarn, geprüfte Freunde, so unterrichtete als wohlwollende Personen trugen zur ergetzlichen Unterhaltung das Vorzüglichste bei. Prediger Schütz aus Bückeburg, Jenen als Bruder und Schwager und mir als Gleichniß seiner längst bekannten Geschwister höchst willkommen, mochte sich gern von Allem, was man werth und würdig halten mag, gleichfalls unterhalten.
Hofrath Richter von Göttingen, in Begleitung des augenkranken Fürsten Sanguszko, zeigte sich immer in den liebenswürdigsten Eigenheiten, heiter auf trockene Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und paradox, bald gründlich und offen.