Ja, Bequemlichkeit, Geschäfte und Ökonomie … diese drei Worte deuten tatsächlich das Leben, das Goethe, der sonst rastlos tätige, seit geraumer Zeit geführt hatte. Die Arbeit an Voltaires »Tancred«, die ihn Weihnachten 1800 zum großen Kummer der Seinen in Jena gehalten, war jäh von der Krankheit abgelöst worden, und als diese überstanden, wagte sich der geschwächte Geist an keine andere: die »Farbenlehre« war das einzige, um das sein müdes Denken kreiste, und alles in allem nahm die Stagnation, an der Goethes dichterische Produktion nun schon seit Jahr und Tag krankte, beängstigende Formen an. Der Aufschwung, die Anregung fehlten! Die Freunde, allen voran Schiller, der gerade in voller dichterischer Ekstase an der »Jungfrau« arbeitete, waren denn auch besorgt genug; schrieb doch dieser in jenen Tagen an Cotta: »Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt … Er ist seit langem ganz unproduktiv und es ist nur zu wünschen, daß er nicht ganz alle seine poetische Tätigkeit verlieren möge.«
Sorgen, die Goethe selbst während der Reise gequält, seine Seele umschattet haben mögen! Dafür aber winkte in Göttingen der lange entbehrte Verkehr mit den Gelehrten der dortigen Universität, ihm für die Arbeit an der »Farbenlehre« diesmal besonders wichtig; dafür versprach Pyrmont Kräftigung Leibes und Geistes und damit neuen Aufschwung. Zukunft lächelte. Und so mag der ernste Mann wohl, kamen Vergangenheit und Sorge ihm allzu nahe, derweil der Reisewagen schwerfällig durch die sommerliche Landschaft Thüringens und des Eichsfelds rollte, zukunftsfreudig die Schatten mit einer kräftigen Handbewegung verscheucht, mag im kindlichen Lachen und Plaudern des Sohnes Erquickung und Zerstreuung gefunden haben. Die kurze Meldung an Christiane aus Göttingen, daß die Promenade ihnen, Vater und Sohn, viel Vergnügen gemacht, war sicherlich nicht nur pure Wahrheit, sondern läßt auch günstige Rückschlüsse auf die ganze Reise zu.
Am 13. Juni trifft man also endlich in Pyrmont ein. Es ist Nachmittag, und der stille Ort mit seinen Straßen und schönen Alleen liegt anmutig im Widerspiel von Abendsonne und grünem Schatten. Verstaubt und reisemüde klettern »Vater, Sohn und Geist« vor einem alten, schlichten Hause der Bassinstraße aus dem Wagen und atmen mit Behagen die reine, kräftige Luft ein.
Wie Pyrmont damals ausgesehen?
Nun, etwas anders als heute. Ein Jahrhundert ist lange Zeit und bringt der Veränderungen viele, und seit Goethe dort gewesen ist, ist sogar mehr als ein Jahrhundert vergangen. Aber vieles ist auch erhalten geblieben: nicht nur eine Fülle der bescheidenen alten Häuser mit Satteldach und grünen Fensterläden, auch das ganz in Wipfelgrün getauchte Schloß, das Theater, das alte Badehotel, der Tempel in den Anlagen lassen jetzt noch dem, der richtig zu sehen weiß, die Vergangenheit erstehen, sind Kulissen einer Welt, um die der Zauber alles Gewesenen schwebt. Das große Kurhaus und mancherlei anderes, das erst die Kultur unserer Tage geschaffen, muß man sich natürlich fortdenken. Aber kommt, nach heißen Sommertag vielleicht, die Dämmerung mit ihren Schatten und erstirbt das Leben, das tagsüber Straßen und Alleen durchpulst, dann kann man sich wohl in jene Zeit zurückträumen, da hier Karl Philipp Moritz, der Verfasser des »Anton Reiser«, seine seltsame und harte Jugend verlebt, die Frau Oberstallmeister von Stein aus Weimar blaß und lieblich Sommer für Sommer zum Brodelbrunnen schritt, Schopenhauers, die Eltern des damals noch nicht geborenen großen Philosophen, mit Justus Möser und Lessings Berliner Freund Nicolai an der Quelle literarische Dispute führten, Goethe, den kleinen August an der Hand, in dieser oder jener Allee seinen fürstlichen Freund Carl August zum Morgenspaziergang erwartete …
Es hieße lügen, wollte man behaupten, daß Goethe sich in Pyrmont nun glücklich gefühlt, lügen auch, daß ihm die Kur die erhoffte Erholung gebracht hätte. Nie hat Pyrmont in Goethes Leben die Rolle gespielt wie »das Karlsbad« oder Teplitz … ist er doch auch nie wieder nach Pyrmont zurückgekehrt, während die böhmischen Bäder in der Folge alljährliches Reiseziel wurden. »Die Cur,« schreibt er am 26. Juni an Christiane, »wird mir hoffentlich gut bekommen; ob sie mir gleich beim Gebrauch unbequem ist, indem sie mir den Kopf einnimmt und mich nicht das Mindeste arbeiten läßt.« In einem anderen Briefe an Christiane heißt es, unbewußt doppelsinnig: »Es geht mir und dem Kinde noch immer recht gut, nur bleibe ich bei der Cur zu aller Art von Arbeit untüchtig, welches mir denn doch ein wenig lästig ist.« Und er klagt, daß der Brunnen ihn »gewaltig angriffe«.
Der letzte Brief aus Pyrmont, rührend vor allem in der Sehnsucht nach Christiane und Weimar, meldet dann, daß er sich leidlich befunden hätte und von der Kur noch gute Folgen erhoffte: »Das Beste dabei war die Bewegung und Zerstreuung.« Das schreibt er am 12. Juli, also volle vier Wochen nachdem er in Pyrmont eingetroffen war. Ähnlich skeptisch lauten Nachrichten an Schiller und den Weimarer Hausgenossen vom Frauenplan, Heinrich Meyer. Schiller schreibt er am 11. Juni noch, also von Göttingen aus, daß er sich lange nicht so wohl und heiter befunden habe wie dort; aber am 12. Juli klagt er aus Pyrmont auch ihm, daß ihn die Kur zu aller Arbeit untüchtig gemacht und er »hier wenig Zufriedenheit genossen« habe; er fügt allerdings hinzu, daß er doch manches guten und interessanten Gesprächs nicht vergessen dürfe, und — dies rätselhaft andeutend — daß er »die Totalität des Pyrmonter Zustandes« so ziemlich vor sich habe.