Drei sind's, die in Goethes Wagen sitzen, Vater, Sohn und Geist — denn Goethes Schreiber, den er mitgenommen, hieß ulkigerweise Geist und vervollständigte so auch dem Namen nach die äußere Dreieinigkeit der Reise aufs beste. Geist berichtet denn auch der »werthesten Demoiselle« Vulpius von Göttingen aus, wo Station gemacht wurde, über den bisherigen Verlauf der Fahrt; der »Herr Geheimde Rat« fügt diesem Bericht nur ein paar Worte an, in denen allerdings trotz der Kürze die ganze Zärtlichkeit des Abschieds von »Mütterchen« zittert, — wie Goethe überhaupt auf Reisen in ein paar kurze Worte mehr Zärtlichkeit hineinzulegen weiß, als andere durch einen überschwenglichen Brief auszudrücken vermögen.
Weitere Nachrichten aus Göttingen, wahrscheinlich auch die ersten aus Pyrmont, wo die Reisenden am Nachmittag des 13. Juni eintrafen, sind nicht erhalten. Christiane hat sich in Weimar sehr gegrämt, denn der Geistsche Brief aus Göttingen erreichte sie erst am 25. Juni: drei volle Wochen war sie also ohne jede Nachricht, und wenn sie am 23. Juni nach Pyrmont schreibt: »Ich hoffe recht sehnlich auf einen Brief von Dir, um zu hören, daß Du Dich mit dem guten Kinde wohlbefindest. Ich bin ganz wohl, aber so ganz ohne das zu sein, was man herzlich liebt, will mir gar nicht behagen, und bei aller Zerstreuung, die ich mir mache, ist doch immer, als wenn mir das Beste fehlte,« so hört man deutlich aus den kargen Worten die bange Sorge heraus, die ihr Frauen- und Mutterherz erfüllte.
Goethe mag gerade auf dieser Reise mancherlei durch den Kopf gegangen sein. Reisen regt immer zum Nachdenken an; dann aber ist der Mensch, der harte Krankheit überstanden und mit knapper Mühe dem Tode entgangen ist, doppelt leicht geneigt, empfindsame Rückschau zu halten. Und daß es gerade nach Pyrmont ging, muß dem Fünfzigjährigen Erinnerung an abgelebte Zeit ergreifend haben wiederkehren lassen. Während Berge und Täler, Dörfer und Städte an den Reisenden vorüberglitten, von August, dem »Bübchen«, mit dem hellen Jauchzen des Kindes, von Geist mit subalternem Gleichmut begrüßt, weilte der Blick der dunklen Dichteraugen bei Vergangenem. Die erste Trennung von Frau von Stein, 1776, im ersten Weimarer Glückssommer. Damals mag zum ersten Male der Name Pyrmont, wohin die Geliebte sich zur Kur begeben, ein Name, der bis dahin für Goethe wahrscheinlich Schall und Rauch gewesen, Bedeutung gewonnen haben … damals! Wie lange war das her! Verse klangen aus der Vergessenheit herauf, die er in jenen Tagen wirren Liebestaumels einmal mit einem Brunnenglas an Charlotte nach Pyrmont geschickt:
»Laß dir gefallen
Aus diesem Glas zu trincken
Und mög dir düncken
Wir säßen neben dir
Denn obgleich fern sind wir
Dir doch die nächsten fast von allen.«
Und andere, tiefer empfundene, tönten sanft dazwischen, die sein damaliges Leben im Garten am Stern spiegeln:
»Und ich geh meinen alten Gang
Meine liebe Wiese lang.
Tauche mich in die Sonne früh
Bad ab im Monde des Tages Müh,
Leb in Liebes Klarheit und Krafft,
Thut mir wohl des Herren Nachbarschafft,
Der in Liebes Dumpfheit und Krafft hin lebt —
Und sich durch seltnes Wesen webt.«
Vorbei! Vorbei wie die Tage von Ilmenau, deren erste Erschütterungen er der fernen Frau in Pyrmont in Briefen gebeichtet, die heiße Glut in alle Ewigkeit atmen; vorbei wie der Sommer 1777, in Sehnsucht fast verzweifelnd, von Weimar nach Kochberg, Charlottens Schloß, flüchtete, um der wieder in Pyrmont Weilenden wenigstens in ihren Zimmern und Möbeln nahe zu sein, sich wenigstens an ihrem Dunstkreis satt zu weiden … bis er am 29. Juli in das getreue Tagebuch den Erlösungsseufzer eintragen konnte: »Abends die Stein zurück von Pyrmont unerwartet.«
Und so gingen die Jahre. Liebe, so heiß sie auch einst geglüht, erkaltete, Treue, für die Erdenzeit geschworen, starb. Die Flucht nach Italien, das Verhältnis mit Christiane, Frucht der Entfremdung zwischen Charlotte und ihm, brachten den Bruch. Keine Liebesbriefe mehr flatterten nach Pyrmont, wenn Frau von Stein dort zur Kur war; dafür stand, einzige Erinnerung an dies Pyrmont, auf seinem Tisch in Weimar und in Jena Mittag für Mittag die Flasche Pyrmonter, dem überreizten, übersättigten Körper Linderung bringend und allgemach trotz Etikett und Namen doch kaum mehr an verschwundene Zeiten und ihr Glück mahnend; dafür rieten die Ärzten, als die körperlichen Beschwerden sich häuften, diese an der heilkräftigen Quellen Ursprung selbst abzubaden und abzutrinken.
Folgte er dem Rat? Wie hatte er doch erst vor wenigen Wochen an die Mutter in Frankfurt geschrieben? »Hätte ich im vorigen Jahre ein Bad gebraucht, wie ich in früheren Zeiten getan, so wäre ich vielleicht leidlicher davon gekommen; doch da ich nichts eigentliches zu klagen hatte, so wußten auch die geschicktesten Ärzte nicht, was sie mir eigentlich raten sollten, und ich ließ mich von einer Reise nach Pyrmont, zu der man mich bewegen wollte, durch Bequemlichkeit, Geschäfte und Ökonomie abhalten, und so blieb denn die Entscheidung einer Krise dem Zufall überlassen.«