So ist wohl auch zu erklären, daß der Genuß des Pyrmonter Wassers — neben dem »Selzer« wie Christiane das Selterser nennt — in Goethes Hause gang und gäbe, lange bevor der Dichter es am Ursprungsorte selbst getrunken: die wohltätige Wirkung, die es auf Frau von Stein und ihren Mann ausübte, gewann dem Pyrmonter auch die Neigung Goethes, führte es in Weimar überhaupt ein. Trank doch die ganze Hofgesellschaft, der früh schon von Gicht und Rheumatismus geplagte Herzog an der Spitze, Pyrmonter! Und bei Goethes am Frauenplan durfte es gar nie ausgehen. Immer wieder stößt man in den Briefen Goethes, die er, weilte er in Jena, an Christiane schrieb, auf die Bitte, ihm ein paar Flaschen Pyrmonter mit der Botenfrau zu schicken; und Christiane beeilte sich dann stets sehr, diesen Wunsch zu erfüllen, weil sie wußte, wie gut dem Gatten — denn Gatten waren sie, auch wenn die Trauung, die sie vor der Welt dazu machte, erst 1806 erfolgte, schon von dem Tage an, wo Goethe mit ihr das große Haus am Frauenplan bezog — das Wasser tat, das »bernoder« wie sie es in dem oft kaum zu entziffernden Kauderwelsch ihrer einfältig-innigen Briefe genannt hat.
Nun aber fügte es das Schicksal, daß Goethe, mit seinen Ärzten der Wunderkraft der Pyrmonter Quellen vertrauend, die aus »Bouteillen« ihm nicht frisch und stark genug entgegensprudelte, sich auf die Reise machte, um diese Wunderkraft an Ort und Stelle zu erproben.
Es ist ein frischer Morgen, da er diese Reise antritt, munter und lebenskräftig, wie er sich lange nicht gefühlt. Vergessen der bange Winter, da schon der Tod zu Häupten seines Bettes gestanden, vergessen auch der Ärger in Ober-Roßla, wo er »mit der rohen Natur und über das ekelhafte Mein und Dein« mit dem Pachter im Streite gelegen: wieder einmal sieht er, reisefertig, unbekannte Welt vor sich liegen, von neuem regt Phantasie die Schwingen, die in Alltagssorgen und Alltagsgezänk fast zu erlahmen gedroht hatten. Abenteuer lockt. August, den jungen Reisekameraden, an der einen Hand, den andern Arm Christiane, dem getreuen Hausgeist, um den Hals gelegt, tritt er aus der Tür, — ungebeugt die massige Gestalt, doch im Gesicht um Mund und Augen den Zug des Leidens, den zehn schwere Januartage da eingegraben.
Noch schläft Weimar. Nur der Brunnen rauscht, First und Fenster der Kleinbürgerhäuser gegenüber glühen in erster Sonne. Irgendwoher kommt Lindenduft. So kann Goethe sich ungestört durch neugierige Blicke von seiner Frau verabschieden, die ihm und dem Kinde, ein wenig traurig, Geleit gibt: bleibt sie nun doch wieder auf Wochen allein in dem weitläufigen Hause zurück, dessen erlauchte Welt nicht die ihre, fremd am eigenen Herd; verläßt sie doch diesmal nicht nur der Mann, der ihr Leben und Dasein bedeutet, sondern auch, zum erstenmal auf längere Zeit, das Kind, das sie ihm geboren!
Jedoch die Pferde scharren ungeduldig, der Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein letztes Wort, ein letztes Streicheln, halb väterlich, wie jede Liebkosung, die Goethe Christianen schenkte, ein letztes Winken — und dann holpert die zweispännige Chaise, hochbepackt, die Frauentorstraße hinauf und verschwindet.
Abfahrt nach Pyrmont am 5. Juni 1801
Der Reisewagen Goethe's vor dem Hause am Frauenplan
Da schließt die einsame Frau die Haustür. Drinnen im kühlen, dämmerigen Flur lehnt sie ein Weilchen, die Hand vor den Augen, an dem Geländer der feierlichen Treppe, die noch den Klang von Goethes schweren Schritten zu halten scheint … ein Weilchen nur. Dann rafft sie sich auf und geht. Aber nicht die Treppe hinauf. Die führt in jene Welt, die nicht ihr gehört. Sie geht durch ein Seitentürchen zur Küche: da lag ihr Reich.