Über den Marktplatz klingt leise ein Lied. Philine singt. Ihr Fenster im »Adler« wirft hellen Schein über den winkligen Platz. In das Dunkel des Torwegs gedrückt stehen drüben, in der »Sonne«, Wilhelm Meister und Mignon und lauschen. Laërtes schaut ihnen über die Schulter … Da bricht das Liedchen ab, das Licht geht aus, und auch das Tor des alten Gasthofs fällt zu. Schatten begraben ein Goethe-Märchen. Am Himmel, der in dunkler Bläue schwankt, flimmern kalt die Sterne.
Das »Mährchen« von Pyrmont
»Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt …«
Schiller
Der Reisewagen, der am 5. Juni 1801 in aller Herrgottsfrühe vor dem Haus am Frauenplan Posto faßt, wartet auf einen Kranken. Denn noch immer fühlt Goethe, der an diesem Morgen mit dem elfjährigen August zusammen nach Pyrmont reist, sich von der schweren Krankheit nicht genesen, die den schon lange Leidenden zu Beginn des Jahres 1801 fast dahingerafft. Wohl war es der Pflege Christianens, seiner »lieben Kleinen«, wie er am 1. Februar der Mutter rühmte, gelungen, ihn am Leben zu erhalten; wohl befand er sich nach dieser »schrecklichen Krise der Natur«, wie es in einem Briefe an die Weimarer Freundin Elisa Gore heißt, wieder ganz leidlich; aber den Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte hatte er trotz aller Ruhe, trotz eines sechswöchigen Landaufenthalts auf Ober-Roßla nicht wiedererlangt, und erst Pyrmont soll ihm nun gründliche Erholung bringen.
Pyrmont erfreute sich schon damals alten Rufes, vielleicht größeren als jetzt, wo so viel andere Bäder mit dem stillen, ganz in Lindengrün gebetteten Idyll an der Emmer wetteifern. Goethe selbst kannte es auch nur vom Hörensagen. Charlotte von Stein, allein und auch mit Mann und Kindern dort oft zur Kur, mag ihm viel von diesem ihren Zufluchtsort erzählt, mag ihm die Heilkraft des »Hylligen Borns« gerühmt haben … die Briefe, die sie von Pyrmont aus an Goethe geschrieben, Antworten auf das sehnsuchtsbange Liebesstammeln, das ihr aus Weimar und Ilmenau nachtönte, sind ja leider verloren, vernichtet wie alle ihre anderen an Goethe; aber Spiegelung der Tage, die Charlotte in Pyrmont verlebt, findet, wer zwischen Zeilen zu lesen versteht, in den von Liebe, Sehnsucht und wirrer Klage erfüllten Ergüssen des Dichters, die dieser der Fernen, Kuß und Schmeichelwort so weit Entrückten nachgesandt. Und an den langen Herbst- und Winterabenden in Weimar mag im Beieinandersein bei stiller Kerze Erzählung manches nachgeholt und wieder heraufbeschworen haben, was dem Briefe anzuvertrauen Tinte und Papier erschwert hatten.
So hat Goethe das Bad am Teutoburger Wald, als Liebender für die Worte der Geliebten doppelt empfänglich, vielleicht besser gekannt als viele, die dort stumpfer Sinne, nur ihrem leiblichen Wohl und Wehe hingegeben, wochenlang die Kur gebraucht haben; was die Augen nicht in Wirklichkeit gesehen, erlebte die beschwingte Seele des Dichters doppelt intensiv, gewann holde Verklärung, weil die, die es ihm schilderte, seinem Herzen nahestand.