Sie begleitet auch auf den Friedhof, zu Corona Schröters Grab. Einsam und verlassen liegt die einst Gefeierte. Arme »Crone«! Wie oft hat Goethe dich, du blühtest noch in all dem betörenden Glanz der Jugend und ganz Weimar lag dir zu Füßen, bei diesem Schmeichelnamen genannt! Daß du ein »Engel« wärest, schrieb er an Frau von Stein und an den Herzog schon aus Leipzig, von wo er dich nach Weimar holte. Er hat dich wirklich sehr geliebt. Sein Tagebuch erzählt's, und auch die Bank in Tiefurt mit dem Amor und der Nachtigall. Und in dem großen Gedicht »Auf Miedings Tod« gelten dir die wundervollen Verse:
»Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,
Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.«
Und dann?
Nach flüchtigem Glanz der lange, der bittere Lebensabend in Ilmenau. Niemand kümmerte sich um die Verbannte. Auch Goethe nicht. Und so einsam, wie sie zuletzt in Ilmenau gelebt, stirbt sie 1802. Der Tod erlöst eine Tote.
Bekümmert steht man an dem kahlen Grab. Von der »Sturmheide« her fährt der Wind über die Hügel, der Efeu raschelt, die kahlen Weiden schwanken traurig hin und her. Die Stille weint. »Es ist sündlich, wie man in Weimar mit den Toten umgeht,« schrieb Knebel damals. Ihm und der Prinzessin Caroline verdankt die Vergessene den schlichten Grabstein. Eine schwarze Eisenplatte ist's, in Sandstein eingelassen. Eine Harfe und eine Fackel, ein Lorbeerkranz und ein Schmetterling schmücken sie. Und leise wellt der Frühlingswind das Wasser, das Regen und Sturm darauf geworfen.
Abschied von Ilmenau. In der Abenddämmerung steht man vor'm »Goldenen Löwen«. Langsam erstirbt das Leben. Ein Lachen treibt vorbei, ein fader Scherz, ein letztes Plaudern. Dann wird es still. Ganz still. In der Ferne plätschert die Ilm.
Noch einmal wandert man durch die alten Gassen. Nun, wo der Tag zur Ruh gegangen, regen sich die Schatten. Sie geben gespenstisches Geleit, bedrängen die Seele, die sie aus ihren Grüften hervorgelockt. … Knebel und seine junge, viel zu junge Frau, Einsiedel, den Reue an die Stätte bannt, wo Corona Schröter gewohnt, der junge Goethe, der der dunklen Ilm verworrene Liebesgrüße nach Weimar anvertraut. Und scheu und heimlich auch, in grauen Mantel gehüllt, den Dreispitz tief in die Stirne gedrückt, der unselige Krafft, Goethes geheimnisvoller Schützling. Denn hierher hatte Goethe, ein »dienstfertiger Samariter«, den in die Irr Gegangenen geschickt, der sich in letzter Not an ihn gewandt … ohne Dank zu finden: der Verlorene ward auch in Ilmenau nicht des Lebens froh, ward in Verkennung der Dienste, die Goethe forderte, zum Spion. Noch immer wandert er durch die Straßen, er lauscht an jeder Schenke, er horcht an jeder Tür. Und verflucht, das unstete Auge bergend, das Schicksal, das ihn hierher verschlagen hat … das heute wird zum Gestern, ein Jahrhundert flüchtiger Traum.
Abschied von Ilmenau — — —