»Von Bergesluft, dem Äther gleich zu achten,
Umweht, auf Gipfelfels hochwald'ger Schlünde,
Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten
Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde,
War ein gemeinsam köstliches Betrachten,
Ob nicht Natur zuletzt sich das ergründe?
Und manches Jahr des stillen Erdenlebens
Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.«

Aber 1796 bricht der Martinroder Stollen. Die Aufschlagewasser stauen sich, der Schacht wird auflässig, die Werke ersaufen. Und wieder zieht die Armut ein in Ilmenau.

Immer aber hat die Einsamkeit Ilmenaus Goethe dichterisch angeregt. Hier ist »Wilhelm Meister« zu einem großen Teil entstanden. Auch Mignons schmerzbewegtes Lied: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!« hat Goethe hier zu dunkler Stunde gefunden. Am 20. Juni 1785 schickt er es Charlotte und fügt, ergreifend, hinzu: »Ein Lied, das nun auch mein ist.«

Und noch ein anderes Lied hat ihm Ilmenau geschenkt, viele Jahre später. Längst war die Liebe zu Frau von Stein erloschen, verbittert hatte sich die Enttäuschte von ihm zurückgezogen. An ihre Stelle ist Christiane getreten. Ihr gelten nun seine Gedanken: nicht wirre Sehnsucht mehr, nicht Stammellaut und Schrei. Ein glücklicher Vater schreibt der Mutter seines Gustel, der ihn, ein »Bübechen«, begleitet und weiße Pfefferkuchen nach Weimar schickt, die er sich vom Munde abspart. So feiert Goethe hier seinen 64. Geburtstag. Und die Erinnerung lässt ihn, ein Nachklang seiner silbernen Hochzeit, erzählen:

»Ich ging im Walde
So vor mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön …«

Christianes Lied! Er schickt's nach Weimar … wie oft, wie stolz mag es die heitere Frau, vielleicht im Korbstuhl neben dem Küchenherde sitzend, an ihr warmes Herz gedrückt haben!


Nachmittag. In der Lindenstraße promeniert das junge Ilmenau. Der Mühle gegenüber, die Goethe in jungen Jahren oft beherbergt hat, Knebels Haus. Die Fenster schauen nachdenklich in das bunte Treiben. Es ist, als ob noch immer hinter den dunklen Scheiben der »alte Timon« an seinem Lucrez arbeitete. Aber das frohe Lachen, das »die Rudel«, Knebels blutjunge Frau, die Weimarer Sängerin Luise von Rudorf, mit in die Kleinstadtstille brachte, ist längst verhallt. An den »élégant savant«, der hier einmal sein wunderlich Wesen getrieben, erinnert nur die weiße Tafel über der Tür. Und auch die beachtet keiner.

Und weiter. Hinter der Kirche der Marktplatz. Die Häuser schlafen. Nur der alte Brunnen schwatzt in die Stille. Eine tote Welt, — Rokoko aus Chodowiecki-Kupfern, unberührt, ganz noch das »heitere Landstädtchen«, das Goethe fand, als er zum erstenmal hierher kam, um Ilmenau vor neuer Einäscherung zu bewahren. Noch stehen Schloß und Rathaus, noch die »Sonne« und der »Adler«, aus deren Fenstern Philine und Wilhelm Meister einander den Morgengruß zunickten. Aber es liegt alles stumm und verlassen, nichts spricht dafür, daß etwa Seiltänzer und Gaukler hier ihr leicht Gerüst aufschlagen werden, kein Mädchen bietet dem fremden Herrn Rosen an, wie's Wilhelm Meister geschah, und die beiden Gasthöfe schauen so verdrossen drein, als ob sie überhaupt nicht mehr auf Gäste rechneten …

Die Vergangenheit geht hier spazieren.