Über Kammerberg und Manebach zurück nach Ilmenau. Aus Sturm und Regen ist ein sanfter, silberner Frühlingsnachmittag geworden. Die feuchte Erde duftet, es rauscht die Ilm.
»Anmutig Tal! du immergrüner Hain!« … wieder nahen sich die Verse, nun, wo man vom Walde kommt, ergreifend wahr. Sie bringen neue Schattenbilder. »Wenn es möglich ist,« schreibt Goethe am 30. August 1783, auf dem Sprung nach Ilmenau, an Charlotte, »schreibe ich dem Herzog ein Gedicht auf seinen Geburtstag.« Als er am 4. September nach Weimar zurückkehrt, bringt er es fertig mit. Aus Traum und Wirklichkeit hat sich ihm Ilmenau »zum 3. September 1783« zu neuem Erlebnis, zu farbenfrohem Bild gestaltet.
Verklungene Tage stehen auf. In wilder Jagd durchstürmt der Herzog wieder das Gebirge, am Fuße einer Felswand wird abends Rast gemacht — es ist, vielleicht, der Hermannstein:
»Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,
Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal,
Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;
Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret …«
Und alle die treten auf, die damals mit in Stützerbach getanzt, getollt, der behäbige Knebel, der Tollkopf Seckendorf, der blutjunge Herzog, Goethe selbst — treten auf und treten wieder ab auf dieser Bühne der Erinnerung, Magie belebt die schwankenden Gestalten. »Ich selbst saß davor,« erzählt der alte Goethe in den Annalen, »bei glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schrift ›Werther‹ angerichtet.« Aber das ängstliche Gesicht zerrinnt, der schwere Traum verschwindet. Die bange Sorge um den Herzog verscheucht die Hoffnung auf »Gedeihn und festes irdsches Glück«, und der erhabene Berg läßt ihn an »seinen sachten Höhn ein jugendlich, ein neues Eden sehn«.
Und zweiundvierzig Jahre später. Wieder ein »Tag der Lieb und Lust«. Carl August feiert sein Regierungsjubiläum. Die Vision Goethes ist Wirklichkeit geworden … »die Ernte wird erscheinen und dich beglücken und die Deinen.« Im Römischen Haus begrüßt Goethe den fürstlichen Freund, in aller Frühe, der erste Gratulant. Wortlos stehen die beiden Greise, Hand in Hand. »Bis zum letzten Hauch zusammen!« stammelt endlich tief bewegt Goethe. Der Großherzog nickt. Traumhaft durchzuckt Erinnerung sein altes Herz. »O achtzehn Jahre und Ilmenau!« ruft er und deckt die Augen mit der Hand …
Noch oft ist Goethe in Ilmenau gewesen, mit Knebel und bei Knebel, mit Fritz von Stein, dem Liebling, der, wie er einmal an Charlotte schreibt, ihr Bildnis sein soll, und manchmal auch ganz allein. Immer wandern Briefe und Zettelchen nach Weimar und schwärmen und erzählen; beteuern seine Liebe in leidenschaftlichen Worten und sind voll Sehnsucht und Glück. »Mergeln« und Schwämme begleiten sie.
1784 werden endlich die neuen Bergwerke eröffnet. Am 24. Februar. Ein Schicksalstag. Goethe bleibt in der feierlichen Eröffnungsrede stecken, die er im Posthause hält. Aber niemand wagt zu lächeln. Seine dunklen Augen halten alle im Bann. Nur daß es als üble Vorbedeutung genommen wird, kann er nicht hindern.
Im Oktober 1785 schreibt er an Charlotte: »Es steht alles recht gut und das ganze Werck nimmt einen rechten Weg.« Auch in den Folgejahren geht alles gut. Noch 1816 gedenkt der alte Goethe freudig in einem Gedicht an seinen alten Bergrat Voigt dieser Zeit: