Ȇber allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

D. 7. September 1780. Nachtlied.«

Das Häuschen ist nicht das alte, die Inschrift ist Kopie. In den siebziger Jahren ist es abgebrannt. Das Stückchen Holz, auf dem die Verse standen, haben die Flammen verschont, das Frankfurter Goethe-Museum birgt den Schatz. Aber man hat alles genau so wieder aufgebaut wie es war. Und wer da reines Herzens ist, der spürt hier bis in die tiefste Seele hinein den Geist Goethes, der einst die arme Hütte, die Stätte, wo sie steht, für immer geweiht hat.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh

Nur noch ein einzigesmal ist Goethe hier oben gewesen. Das war im August 1831, volle fünfzig Jahre später, und der Dreißigjährige, der dort einst, in schwermütiger Abendstimmung, »Wanderers Nachtlied« gedichtet, war ein Greis geworden. »Freundlich veranstalteten Festlichkeiten ausweichend,« wie er an Amalie von Levetzow, die Mutter Ulrikens, schreibt, war er nach Ilmenau gefahren, um in Stille seinen 82. Geburtstag zu verleben. Längst war es um ihn öde und leer geworden. Von allen, mit denen er einst hier frohe Stunden verbracht hatte, lebte nur noch Knebel, der jetzt, seit langem schon, in Jena wohnte. All die anderen waren gestorben. So schreckten die Erinnerungen, und »um die Vergangenheit,« wie es in einem Briefe an den Grafen Reinhard heißt, »durch die Gegenwart des Herankommenden auf eine gesetzte und gefaßte Weise zu begrüßen«, hatte er die beiden Enkel, »die jungen Wesen«, mitgenommen.

Mit dem Ilmenauer Bergrat Mahr fuhr er zusammen nach dem Gickelhahn hinauf. Es war ein heiterer Sommertag, und um die Berge blaute still und klar der Himmel … die ganze Landschaft ein Abglanz der abgeklärten Seele, die hier nach Menschenaltern vergessenes Glück, vergessenes Leid beschwören, Abschied nehmen wollte von ihrer Jugend. »Über allen Gipfeln ist Ruh« — erinnerungsversunken stand der Achtzigjährige vor den verblaßten Bleistiftzeilen, die das morsche graue Holz kaum noch erkennen ließ, und während Tränen ihm das große, das zeitlose Auge verdunkelten, sprach er leise vor sich hin: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«

Er hat dann, wie er acht Tage später Zelter in einem Briefe erzählt, die Inschrift »rekognosziert«: die Greisenhand hat die fast unleserlich gewordenen Buchstaben nachgezogen und darunter gesetzt: »Renov. den 28. August 1831.«

So liest man es jetzt mit verhaltener Rührung.