Sie ward ihm erfüllt, die Hoffnung. Der Sehnsuchtsruf, in banger Herzensnot hier in der Höhle, seinem »geliebten Aufenthalt«, aufs Papier gestammelt, fand bereites Echo. »Wenn Du nur einmal hier seyn könntest, es ist über alle Beschreibung und Zeichnung,« schreibt er an Charlotte, die damals, nicht allzu fern, in Meiningen weilte. Und sie kam. In einem Brief vom 2. August Goethes Jubelschrei: »Liebe, Du gibst mir ein neues Leben, daß Du wieder kommst. Ich kann Dir nichts sagen. Den Herzog freuts. Addio.« Die alten Fichten rauschten verschwiegenen Liebesstunden. Keiner von beiden hat je darüber gesprochen, der stumme Fels das Geheimnis gewahrt. Nur ein Brief an Herder vom 9. August enthält die Andeutung: »Einen ganzen Tag ist mein Aug nicht aus dem ihrigen kommen, und mein gnomisch verschlossen Herz ist aufgetaut.« Und der Geliebten gesteht er: »Deine Gegenwart hat auf mein Herz eine wunderbaare Würckung gehabt, ich kann nicht sagen wie mir ist! mir ist so wohl und doch so träumig.« Mit Meißel und Hammer steigt er wieder zum Hermannstein hinauf, und an der Stelle, wo Charlotte »sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb«, schlägt er ein großes S in das harte Gestein der Höhlenwand …

Vier Jahre später, als Goethe wieder in den geliebten Bergen herumstreifte, ist er auch wieder in der Höhle gewesen. »Ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen,« schreibt er an Charlotte, »an den Plaz, wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern ausgezeichnet steht, geküßt und wieder geküßt, daß der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete, um mir auf seine Art wenigstens zu antworten. Ich bat den hundertköpfigen Gott, der mich so viel vorgerückt und verändert und mir doch Ihre Liebe, und diese Felsen erhalten hat; noch weiter fortzufahren und mich werther zu machen seiner Liebe und der Ihrigen.«

Die Liebe Charlottens zerbrach. Das S, das sie, getreu dem Tagebuch, als »Sonne« pries, hat die Zeit getilgt. Nun tropft das Wasser rings gleich Tränen von den Wänden, und um die Höhle, wo einst der Juliwind die Liebenden in süßen Traum gewiegt, heult der Sturm. Faust-Stimmung. »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat …« Die Worte, hier einst gefunden und geformt, werden zu Gebet, der »Vorwelt silberne Gestalten« bevölkern Wald und Höhle.


Die Jagd, die Bergwerksgeschichten, das mißliche Geschäft der Rekrutenaushebung führten Goethe nun oft nach Ilmenau. Der Schwalbenstein, ein steiler Fels am Südabhang der »Sturmheide«, schenkt ihm den 4. Akt der »Iphigenie«, die Stadt die Szenerie für vieles im »Wilhelm Meister«, an dem er in diesen Jahren arbeitet. Und immer begleitet ihn das Bild der Geliebten: Iphigenie trägt ihre Seelenzüge.

Im Frühherbst 1780 ist er wieder einmal auf dem Gickelhahn. Ganz allein. In Weimar feiern sie den Geburtstag des Herzogs mit Ball und Illumination. Vor dem »Geschwirre der Menschen« ist er geflohen. Unterkunft gewährt die unscheinbare Jagdhütte, die verloren auf dem letzten Gipfel des Berges steht.

»Auf dem Gickelhahn,« schreibt er an Frau von Stein, »dem höchsten Berg des Reviers, den man in einer klingendern Sprache Alecktrüogallonax nennen könnte, hab ich mich gebettet, um dem Wust des Städgens, den Klagen, dem Verlangen der Unverbesserlichen, Verworrenheit der Menschen auszuweichen … Es ist ein ganz reiner Himmel und ich gehe, des Sonnen Untergangs mich zu freuen. Die Aussicht ist groß, aber einfach.« Und viele Tage später, am 16. Oktober, längst wieder in Weimar, an die Marchesa Branconi, die »schöne Frau«: »Ihr Brief hätte nicht schöner und feierlicher bei mir eintreffen können. Er suchte mich auf dem höchsten Berg im ganzen Lande, wo ich in einem Jagdhäuschen, einsam über alle Wälder erhaben und von ihnen umgeben, eine Nacht zubringen wollte.«

An diesem Abend ist »Wandrers Nachtlied« entstanden. Auf die Berge in der Runde legte die Sonne letzten Glanz, aus den Tälern stiegen hie und da »einige Vapeurs von den Meulern«. Die Welt ging schlafen. Eine ferne Erinnerung sprach von Ettersburg. »Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!« hatte er da einst, über Weimar brannten blaß die Sterne, den Himmel angefleht. Nun ward ihm hier Erfüllung seiner Sehnsucht. Mit Bleistift hat er die Verse auf die Bretterwand geschrieben. Ergriffen steht man vor der verwitterten Inschrift. Auch sie atmet Ruhe und Vergessen, bringt den Frieden.