Gabelbach. An den grauen Schindeln des Jagdhauses zerrt der Sturm. Ein Schuß klatscht hart in die gespenstische Einsamkeit. Nebel erstickt ihn. Man denkt der toten Zeit, da hier Carl August nach der Jagd in froher Tafelrunde gezecht, später der Hof aus Weimar bescheidene Sommerfreuden gesucht. Jetzt liegt das kleine Haus verlassen da, hinter den geschlossenen Fensterläden wohnt im Dunkel bei alten Bildern und Jagdtrophäen alleine die Erinnerung.
Und immer wilder, immer unwirklicher wird die Szenerie. Die Erde schwankt, wandelt sich in Dunst und fliehende Wolke. Irgendwo in nahen Wipfeln wühlt der Sturm, tobt wie stürzender Gewitterregen, abgerissene Äste, ganze Baumkronen sausen hart an dem Wanderer vorbei, der Boden ist mit Tannenzapfen übersät. Aber man sieht sie nicht, diese Wipfel. Man sieht überhaupt nichts. Alles überbrandet ein milchiges Meer. Und atemheiß kämpft man sich vorwärts »im Dampf der Klüfte, durch Nebeldüfte, immer zu, immer zu!«
Aber dann ist man auf einmal da. In jäher Biegung krümmt sich der Weg, an Abgrund und starrendem Fels vorbei, zur letzten Höhe. Tannen steigen steil und finster aus dem geisterhaften Zwielicht, Gebüsch umkraust verwitterte Stufen … der Gickelhahn! Um das Goethehäuschen braust der Wind.
Das erste Zettelchen, das von hier nach Weimar geflattert, erzählt: »Hoch auf einem weit rings sehenden Berge. Im Regen sizz ich hinter einem Schirm von Tannenreisern. Warte auf den Herzog, der auch für mich eine Büchse mit bringen wird.« Eine um so größere Rolle spielt in diesen frühen Aufzeichnungen dafür die »Höhle unter dem Hermannstein«. Zu ihm springt der Weg über Wurzelwerk und sturmverwehte Zweige, Felstrümmer und gestürzte Bäume, im halbvertauten Schnee kaum kenntlich. Es ist ein beschwerliches Wandern. Nebelschwaden werden vorbeigerissen, der Wind wirft Wolkenfetzen in das Tannendunkel … ein wirrer Schattenreigen, der in nichts zerstäubt. Wie Klagerufe ächzt und stöhnt es durch den Wald. Dann aber steht man plötzlich vor einem mächtigen Fels … ein Ungetüm, das Urgewalten aus der Erde drängten. Das Auge, das staunend an den zerrissenen Wänden in die Höhle klettert, schwindelt. Die letzten Zacken findet es nicht mehr. Sie schwimmen im Nebel.
»Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten …« Zwei kleine grüne Eisentafeln, neben der dunklen Höhle in die Felswand eingelassen, von Flechten überwuchert, vom Rost schon halb zerfressen, erzählen davon.
»Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,
Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz.
Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rathe,
Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt —«
lautet die eine. Und die andere:
»Felsen sollten nicht Felsen und Wüsten Wüsten nicht bleiben,
Drum stieg Amor herab, sieh, und es lebte die Welt.
Auch belegte er mir die Höhle mit himmlischem Lichte,
Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt!«