Sie gibt es dazu. Sie begleitet auf Schritt und Tritt. Der Fuß Goethes hat Weg und Straße hier geadelt in alle Ewigkeit. Sein Wesen wirkt geheimnisvoll in Stein und Baum und Welle, und die Luft, die man atmet, ist süß und rein wie die in Weimar und Tiefurt — ob nun die Sonne goldenen Glanz über die alten Gassen streut, Wind sie durchbraust, Regen graue Schleier spinnt, Schnee die Stadt in weiße Stille bettet …


Und so wandert man an einem Morgen in die Berge. Hinauf zum Gickelhahn. Noch immer scheint die Sonne nicht, kalter Wind weht, der Himmel ist grau, und »die Täler dampfen alle an den Fichtenwänden herauf« — wie Goethe am 22. Juli 1776, zum zweitenmal in Ilmenau, an Charlotte schreibt. Denn trotz des Sommers hat auch er damals unholdes Wetter gehabt. Mit dem Herzog zusammen war er nach Ilmenau gekommen. »Wir sind hier und wollen sehen, ob wir das alte Bergwerk wieder in Bewegung setzen,« heißt es in einem Briefe an Merck; »Du kannst denken, wie ich mich auf dem Thüringer Wald herum zeichne; der Herzog geht auf Hirsche, ich auf Landschaften aus, und selbst zur Jagd führ ich mein Portefeuille mit.«

Zeichnen war damals seine Leidenschaft. Es gab dem verstörten Herzen, das sich in Sehnsucht nach der geliebten Frau, nach der Gewissheit ihrer Neigung fast verzehrte, wenigstens für Augenblicke Trost und Ruhe. »Ich hab auf der andern Seite angefangen was zu zeichnen …« beginnt der erste Brief, den er in diesen Tagen einsamen Waldlebens an Charlotte schickt, fährt jedoch fort: »sehe nur aber zu wohl, daß ich nie Künstler werde.« Und auf der Rückseite einer dieser Zeichnungen, einem Blick in die nebelbrodelnden Täler, stehen die resignierten Verse:

»Ach, so drückt mein Schicksal mich,
Daß ich nach dem unmöglichen strebe.
Lieber Engel, für den ich nicht lebe,
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich.«

Daneben aber meldet das Tagebuch: »Nach Stützerbach mit Einsiedel … Der Herzog kam, die Gesellschaft auch. Wirtschaft bei Glasern.« Und dort, in Stützerbach, ging's lustig genug her, — vielleicht, daß Goethe in der »Studentenfidelität«, die sich, nach Aufzeichnungen des Ober-Berghauptmanns v. Trebra aus jenen Tagen, dort mittags und abends nach Jagd und Stollenbesichtigungen an des jungen, lebensfrohen Herzogs Tisch entwickelte, für seine Liebesschmerzen flüchtiges Vergessen fand … das Gundelachsche Haus in Stützerbach, wo Goethe und Carl August immer gewohnt haben, erzählt noch jetzt davon; der »tollen Späße mit dem Glasmann Glaser« entsinnt sich noch, behaglich lächelnd, der alte Goethe in Unterhaltungen mit dem Kanzler v. Müller. »Glaser und leichtfertige Mädels«, »Glasern sündlich geschunden, mit den Bauernmädels getanzt«, »Tagsüber Thorheiten« und so ähnlich heißt es damals immer wieder im Tagebuch. Und im September 1776 schreibt er, nach einem dritten Aufenthalt in Ilmenau, aus Eisenach mit naiver Offenheit an Frau v. Stein: »In Stützerbach tanzt ich mit allen Bauernmädels im Nebel und trieb eine liederliche Wirtschaft bis Nacht eins …«


Und langsam steigt der Weg. Goethe-Stimmung webt zwischen den Felsen, den uralten Baumriesen … der »immergrüne Hain«, der leise Regen, der Dampf, der aus den Klüften quillt — alles wie damals im Juli 1776. Nur den Schnee, der zuerst noch leicht wie Watte im Dunkel des Waldes liegt, dann an den Hängen sich wie lange weiße Laken dehnt, gibt der rauhe Apriltag dazu. Faust-Verse klingen auf, der Osterspaziergang:

Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur …

Die grünende Flur? Ja, Knospendrang auch hier. In den Bäumen, den Büschen, der dunklen Erde gärt geheimnisvoll der Frühling, schon springt trotz Schnee und Eis allenthalben aus schwankem Ast das erste Grün, die schwarzen Tannen tragen festlich helle Spitzen. Und durch das Brausen des Windes klingt unablässig das süße, das unbeholfene, das inbrünstige Gestammel der Vögel.