Und sie schreibt gleichzeitig an Zimmermann, den Freund und Arzt: »Jetzt nenn ich ihn meinen Heiligen und darüber ist er mir unsichtbar worden, seit einigen Tagen verschwunden, und lebt in der Erde fünff Meilen von hier im Bergwercke.«
Die alten Öfen, das Bergwerk — das hat Goethe neben den Offenbarungen der Natur an das bescheidene Städtchen gefesselt. Seit Jahr und Tag lag das alles brach. 1739 waren die Gruben bei einem Deichdurchbruch »ersoffen«, und der Wohlstand, den sie Ilmenau gebracht, hatte sich in Armut und bittere Not gewandelt. Nun besuchte Goethe, schon damals leidenschaftlich bemüht, in den Tiefen der Erde »der großen formenden Hand nächste Spuren« zu entdecken, gerne, als Wink des Schicksals betrachtend, die verlassenen Werke, war »auf den Hämmern«, stand grübelnd immer wieder vor den verwahrlosten Öfen des toten Silberbergwerks. Mitleidig dachte er der notleidenden Bevölkerung, der »armen Maulwürfe«, die hier auf eigene Faust in der Erde, in den Klüften und Schlüften der Sturmheide herumkrochen und doch von dem kargen Ertrag kaum ihr Leben fristen konnten …
Ilmenau
Blick auf den Marktplatz mit Schloß und Rathaus
Im Juli 1776 trat dann auf seine Berichte hin in Weimar eine »Bergkommission« zusammen, der er selbst angehörte und deren Aufgabe die Wiederbelebung des Ilmenauer Bergwesens war. Damit begann für das arme Ilmenau eine kurze Epoche neuen Glanzes, neuen Wohlstandes. Der Herzog, von Goethe für die Idee gewonnen, weilte oft in Ilmenau, höfisches Leben brachte bescheidenen Prunk, Jagden erfüllten die stillen Berge mit frohem Lärm.
Von dieser Zeit träumt Ilmenau noch heute.
Träumt Ilmenau noch heute. Denn es ist, trotz Glasindustrie und Technikum, eine tote Stadt. Leben bringt immer erst der Sommer, bringen erst die Fremden. Sie wohnen in den Villen am Waldrand. Dann wird die Lindenstraße, die »Allee«, die noch, als Goethe zum erstenmal nach Ilmenau kam, recht und schlecht der »Endleich« hieß und ein elender kahler Fahrweg war, Kurpromenade, — harmlos genug: ein paar Konditoreien, ein Café mit Terrasse, ein paar hübsche blanke Läden, das ist alles. Immer aber schwebt über dem Heute geisterhaft der Hauch des Gestern. Noch steht dem »Goldenen Löwen« gegenüber, unwirsch in die Häuserzeile gezwängt, ein Turm des alten Endleichstores. Die alten Wappen schauen verdrießlich in die neue Zeit. Noch steht der »Löwe« selbst mit seiner wettergrauen Front genau so behäbig da wie damals, als Goethe hier gewohnt, noch Knebels Haus mit seiner langen Fensterreihe, noch, am Ende der Allee, der Gasthof zur Tanne, an dem die Ilm vorüberströmt und jetzt das »Bad« beginnt … und da ist auch, ein paar Schritte den Fluß hinauf, der »Felsenkeller«. Eine Inschrift am Giebel erzählt, daß dieses »Etablissement« 1811 erbaut worden ist »zu Nutz und Frommen der ehrsamen Bürger Ilmenaus«. Oder so ähnlich. Das Ganze, mit Saal, Logierhaus, Ausspann und Brücke, ein Stich der Zeit. Nur die Staffage fehlt, die diese Stiche immer haben: die gelbe Postkutsche, die schweren Landauer, die Herren und Damen im Kostüm der zwanziger Jahre. Das muß die Erinnerung dazu geben.