Aus feuchten Nebeln taucht Elgersburg. Hoch thront auf steilem Bergkegel das Schloß: Mittelalter, das phantastisch in unsere Zeit ragt. Und die erste Goethe Erinnerung meldet sich. »Auf Wizlebens Felsen, die herrlich sind,« hat Goethe am 8. August 1776 an Frau von Stein, die ihn wenige Tage zuvor im nahen Ilmenau besucht hatte, jene berühmten Verse süßester Liebesschwermut geschrieben:
Ach wie bist du mir,
Wie bin ich dir geblieben!
Nein an der Wahrheit
Verzweifl ich nicht mehr.
Ach wenn du da bist,
Fühl ich, ich soll dich nicht lieben,
Ach wenn du fern bist,
Fühl ich, ich lieb dich so sehr.
Und dann kommt Ilmenau. Es hat aufgehört, zu regnen, die Berge dampfen. Die dünnen Bäume vor dem Bahnhof zaust der Sturm. »Anmutig Tal! du immergrüner Hain!« singt Goethe … der trübe Tag zeigt nichts davon. Nur ab und zu steht hinter freier Gasse, regennassen Dächern groß die dunkle »Sturmheide«, in deren Tannen sich die letzten Gassen Ilmenaus verlieren, Bergluft weht, und einmal rauscht irgendwo ein Wehr. Das ist die Ilm! sagt man sich. Aber man sieht sie nicht, findet sie auch nicht. Uraltes Gemäuer führt den Fremdling irre, winkelt ihn immer wieder aufs neue ein.
»Hier hat Goethe 1831 seinen letzten Geburtstag verlebt,« meldet eine unscheinbare Tafel am »Goldenen Löwen«. Sie ist unter den Fenstern des Zimmers angebracht, das er damals bewohnt hat … damals. Ein Jahrhundert fast ist darüber hingegangen, Throne sind gebrochen, Nord und West und Süd zersplittert, aus einer grauenhaft verwandelten Welt blickt der Enkel, der Erbe nun in diese selige Vergangenheit. Und aus dem Zwielicht der engen, altertümlichen Gaststube lösen sich heimliche Schatten und leisten dem einsamen Gast Gesellschaft.
Mai 1776. In Weimar läuft die Meldung ein, daß es in Ilmenau brennt. Von einem Husaren begleitet jagt Goethe noch nachts hinüber. Kurz und bündig das Tagebuch: »d. 3. Nach Ilmenau. Brand.« Mitteilsamer die Briefe, die tags darauf an den Herzog und Frau von Stein abgehen. Sie umschreiben in wenigen Worten das große seelische Erlebnis, das dieser erste zufällige Besuch Ilmenaus für ihn bedeutete und das ihn für immer an die arme Bergstadt ketten sollte … »Um diese Zeit sollt ich bey Ihnen seyn,« schreibt er an die geliebte Frau, »sollte mit bey Kalbs essen und sizze aufm Thüringer Wald, wo man Feuer löscht und Spizbuben fängt.« — Und in dem Bericht an den Herzog: »Bey der Gelegenheit, zieh ich von manchem Erkundigung ein, habe traurig die alten Ofen gesehen. Aber die Gegend ist herrlich, herrlich!«
Das Feuer war bald gelöscht, und auf die »Spizbuben« fahndeten die Husaren weiter. Goethe aber locken »Erdgeruch und Erdgefühl« trotz Sturm und Regen unwiderstehlich in die Berge. Auf einsamster Wanderung denkt er in »rastloser Liebe« der Frau im fernen Weimar, der er sich in wunderlichem Schicksal aus »abgelebten Zeiten« her so eng verbunden fühlt wie keiner Frau jemals zuvor:
Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!
Wie soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe, bist du!