Im Jahre 1582 begab sich auf einmal aus allen Welttheilen eine lebhafte Wanderschaft nach Pyrmont, einer damals zwar bekannten, aber doch noch nicht hochberühmten Quelle; ein Wunder, das Niemand zu erklären wußte. Durch die Nachricht hiervon wird ein deutscher wackerer Ritter, der in den besten Jahren steht, aufgeregt; er befiehlt seinem Knappen, alles zu rüsten und auf der Fahrt ein genaues Tagebuch zu führen, denn dieser, als Knabe zum Mönch bestimmt, war gewandt genug mit der Feder. Von dem Augenblicke des Befehls an enthält sein Tagebuch die Anstalten der Abreise, die Sorge des Hauswesens in der Abwesenheit, wodurch uns denn jene Zustände ganz anschaulich werden.

Sie machen sich auf den Weg und finden unzählige Wanderer, die von allen Seiten herzuströmen. Sie sind hilfreich, ordnen und geleiten die Menge, welches Gelegenheit gibt, diese Zustände der damaligen Zeit vor Augen zu bringen. Endlich kommt der Ritter als Führer einer großen Karawane in Pyrmont an; hier wird nun gleich so wie bereits auf dem Wege durchaus das Lokale beachtet und benutzt. Es war doch von uralten Zeiten her noch manches übrig geblieben, das an Hermann und seine Genossen erinnern durfte. Die Kirche zu Lügde, von Karl dem Großen gestiftet, ist hier von höchster Bedeutung. Das Getümmel und Gewimmel wird vorgeführt; von den endlosen Krankheiten werden die widerwärtigen mit wenig Worten abgelehnt, die psychischen aber, als reinlich und wundervoll, ausführlich behandelt, sowie die Persönlichkeit der damit behafteten Personen hervorgehoben. Bezüge von Neigung und mancherlei Verhältnisse entwickeln sich, und das Unerforschliche, Heilige macht einen wünschenswerten Gegensatz gegen das Ruhmwürdige. Verwandte Geister ziehen sich zusammen, Charaktere suchen sich, und so entsteht mitten in der Weltwoge eine Stadt Gottes, um deren unsichtbare Mauern das Pöbelhafte nach seiner Weise wütet und ras't; denn auch Gemeines jeder Art versammelte sich hier: Marktschreier, die besonderen Eingang hatten; Spieler, Gauner, die jedermann, nur nicht unseren Verbundeten drohten; Zigeuner, die durch wunderbares Betragen, durch Kenntnisse der Zukunft Zutrauen und zugleich die allerbänglichste Ehrfurcht erweckten; der vielen Krämer nicht zu vergessen, deren Leinwand, Tücher, Felle vom Ritter sogleich in Beschlag genommen und dem sittlichen Kreise dadurch ein gedrängter Wohnort bereitet wurde.

Die Verkäufer, die ihre Ware so schnell und nützlich angebracht haben, suchten eilig mit gleichen Stoffen zurückzukehren; andere spekulierten, daraus sich und Andern Schirm und Schutz gegen Wind und Wetter aufzustellen; genug, bald war ein weit sich erstreckendes Lager errichtet, wodurch bei stetigem Abgange der Nachfolgende die ersten Wohnbedürfnisse befriedigt fand.

Den Bezirk der edlen Gesellschaft hatte der Ritter mit Pallisaden umgeben und so sich der jedem physischen Andrang gesichert. Es fehlt nicht an mißwollenden, widerwärtig-heimlichen, trotzig-heftigen Gegnern, die jedoch nicht schaden konnten; denn schon zählte der tugendsame Kreis mehrere Ritter, alt und jung, die sogleich Wache und Polizei anordnen; es fehlt ihm nicht an ernsten geistlichen Männern, welche Recht und Gerechtigkeit handhaben.

Alles dieses ward im Stile jener Zeit als unmittelbar angeschaut von den Knappen täglich niedergeschrieben mit naturgemäßen kurzen Betrachtungen, wie sie einem heraufkeimenden guten Geiste wohl geziemten.

Sodann aber erschienen, Aufsehen erregend, langfaltig blendend weiß gekleidet, stufenweise bejahrt, drei würdige Männer: Jüngling, Mann und Greis, und traten unversehens mitten in die wohldenkende Gesellschaft.

Selbst geheimnisvoll, enthüllten sie das Geheimnis ihres Zusammenströmens und ließen auf die künftige Größe Pyrmonts in eine freundliche Ferne lichtvoll hinaussehen.

Dieser Gedanke beschäftigte mich die ganze Zeit meines Aufenthaltes, ingleichen auf der Rückreise. Weil aber, um dieses Werk gehaltvoll und lehrreich zu machen, gar manches zu studieren war und viel dazu gehörte, dergleichen zersplitterten Stoff ins Ganze zu verarbeiten, so daß es würdig gewesen wäre, von allen Badegästen nicht allein, sondern auch von allen deutschen, besonders niederdeutschen Lesern beachtet zu werden, so kam es bald in Gefahr, Entwurf oder Grille zu bleiben, besonders da ich meinen Aufenthalt in Göttingen zum Studium der Geschichte der Farbenlehre bestimmt hatte, wovon an seinem Ort gehandelt worden.«


Dies das »Mährchen« von Pyrmont, in der Tat wundersam und schon im »Schema«, wie Goethe seinen Entwurf nannte, voller Reize, die in der Ausarbeitung sicherlich noch deutlicher hervorgetreten wären. Jedenfalls hätte diese Dichtung, als Roman oder Epos vollendet, eine ganz einzigartig Stellung in Goethes Schaffen eingenommen: wie weit ab liegt schon das Stoffliche von den sonstigen Interessengebieten des Dichters! Nur im »Faust« klingt ähnliches. Aber es ist müßig, etwa darüber zu klagen, daß Goethe die »sehr weitschichtige Arbeit«, wie er sie fünfundzwanzig Jahre später noch nannte, Entwurf bleiben ließ; er wird gewußt haben, was er tat, wird schon bei der Konzeption instinktiv das Fremde gewittert haben, das wir selbst daran als unpoetisch empfinden, und mit dem Verklärten, in Göttersphären Entrückten darüber zu rechten, daß er so und nicht anders gehandelt, wäre kleinlicher Eigensinn.