Interessanter, den Quellen nachzugehen, aus denen Goethe geschöpft — gewinnt man da doch gleichzeitig einen Überblick über die Lektüre, die der Pyrmonter Kurgast Goethe, sicherlich der erlauchteste, den das Bad jemals beherbergt, damals gepflogen. Von »Büchern und Büchelchen« spricht der Greis in den »Annalen« … Forscherfleiß hat diese Bücher und Büchelchen in alten Archiven aufgestöbert, und wenn man nun Titel aufzählen darf wie diese: »Pyrmonts Denkwürdigkeiten, Eine Skizze für Reisende und Kurgäste, Leipzig 1800 bei Karl Wilhelm Küchler« und »Beschreibung von Pyrmont von Henrich Matthias Marcard, Leipzig 1784/1785 bey Weidmanns Erben und Reich«; oder liest man im Tagebuch des Dichters von dem Eindruck, den etwa eine jene Pilgerfahrt von 1582 behandelnde Erzählung von Heinr. Bünting in der »Braunschweigischen und Lüneburger Chronika« (Magdeburg 1620) auf ihn gemacht hat, so kann man sich gut den bedächtigen, sorgfältig gekleideten Mann vorstellen, wie er, diese alten Folianten und Pappbände im Arm, die Alleen Pyrmonts durchwandelt und nach einem stillen Platz zu ungestörtem Lesen sucht.

Da stieg dann, auf geschichtlichem Boden, die Vergangenheit des Bades aus diesen Büchern, und die dunklen Augen Goethes mögen oft versonnen über die nahen Hügel und Berge geschweift sein, über die schon die Legionen des Varius gezogen waren und um die noch der Spuk mittelalterlicher Legenden geisterte … bis ihn Freund Griesbach aus Jena oder der kleine August, der den Vater suchte, aus seinen Träumen weckten zu freundlichem Genuß des Tages und des gegenwärtigen Lebens.


Und langsam neigte sich die Zeit, die Goethe der Erholung in Pyrmont gönnen durfte oder wollte, ihrem Ende zu. In den Gärten blühten die Juli-Rosen, und abends trug der Wind, der von den Bergen kam, den Duft der reifenden Felder in die stillen Straßen. Auch regnete es oft. Das war sehr langweilig. Denn die fremden Zimmer, auf die man dann doch angewiesen war, wurden kalt und ungemütlich, die Reize des kleinen Theaters waren bald erschöpft, der Kursaal, wo gespielt wurde, lockte nicht.

Abwechslung, aber auch Unruhe hatte am 9. Juli die Ankunft »Durchlaucht des Herzogs« aus Weimar gebracht … der Kur Goethes jedenfalls nicht sehr förderlich, denn Carl August war, kränkelnd und deshalb mißgestimmt, gelegentlich auch zu alten Ausschweifungen in Baccho et Venere neigend, gewiß keine bequeme Gesellschaft.

Am 26. Juni hatte sich Carl August angemeldet. »Die fatalen Krämpfe, mein lieber Freund,« hatte er an Goethe geschrieben, »haben endlich doch die Überhand behalten, sie warfen mich seit Deiner Abreise dreymahl nieder und überwiegen meine Plane, die ich in Ansehung des Geldes und der Zeit gemacht hatte; ich komme doch nach Pyrmonth. Den 10. July Abends, Freytag über 14 Tage, komme ich dorten an. Erzeige mir den Gefallen folgendes zu bestellen:

1 Stube mit Bette für mich,

1 dergleichen für Eglofstein,

1 dergleichen mit 2 Betten für Kammd und Canzlist;