Und es ist wirklich fast alles noch wie einst. Noch immer werden die Gewächshäuser durch Steinkanäle erwärmt, die mit Holz gefeuert werden, die Arbeiter richten sich nach Goethes Sonnenuhr. Es ist ein eigentümliches Gefühl, vor denselben Myrten, Zypressen und Palmen zu stehen, die schon Goethe und Carl August bewundert haben. Auch hier haben die Nachfahren manches nach der Mode ihrer Zeit verändert, Grotten im Geschmack der fünfziger Jahre eingebaut und kleine Bassins mit Goldfischen, das »Erdhaus« zum Wintergarten umgestaltet. Ein heimlicher Platz unter blühenden Zimmerlinden erinnert durch eine Bank an Maria Paulowna, und es berührt seltsam, sich zu denken, daß in dieser bescheidenen Umgebung die verwöhnte Großfürstin mit ihren Kindern glücklich gewesen ist …
Ein kleiner Teesalon aus roten Ziegeln schließt das Ganze nach Süden ab. Der Belvederehügel fällt hier steil zu Tal, man sieht weit ins Land, die nahe Landstraße bot Abwechslung und Zerstreuung. Es ist der »chinesische Tempel«, der einst im Garten des Wittumspalais auf der Stadtmauer gestanden hat. Jetzt füllt Gerümpel ihn, die seidenen Vorhänge sind zerfetzt, Bohnenstangen und Holzjalousien verdecken die zarten Chinoiserien Ösers, und von der Decke fällt der Putz …
Wie lange mag es her sein, daß hier an stillen Sommerabenden der Hof den Tee genommen, lustige Hofdamen mit den bezopften Herrschaften an der Wand gescherzt, Carl August mit der schönen Caroline Jagemann gesessen, und die Pagen servierten Eis und französischen Champagner?
Es war einmal. Böse schwelt jetzt hier häßlicher Verfallsgeruch, und die Öserschen Gestalten blicken in eine Welt, die diese leichten Spiele der Seele nicht mehr versteht. Eine andere Zeit ist angebrochen.
Und noch ein letzter Blick in den »Russischen Garten« am anderen Ende des Parks … es ist der Garten, in dem Maria Paulownas Kinder ihre Bäume, ihre Beete, ihre stillen Plätze hatten; aus den Fenstern ihres Schlafzimmers konnte sie dem Spiel der Prinzessinnen zusehen, und von ihr mag dieser Teil des Parks dann wohl den Namen erhalten haben, unter dem er jetzt als besondere Sehenswürdigkeit gezeigt wird. Aber an sich stammt auch er aus der Zeit Carl Augusts.
Schon hängen die Abendschatten in den Baumkulissen der Naturbühne. Wie auf den Höhen Ettersburgs und in Tiefurts Tal wurde auch hier oft »unter dem Gewölb der hohen Nacht« Theater gespielt, und in die Verse Goethes klang das Liebesflüstern der Vögel, das Rauschen des Windes. Vorbei! Aus diesen Hecken tritt keine Iphigenie mehr, auf den Rasenbänken davor werden keine Zuschauer mehr Platz nehmen. Das Grab Corona Schröters in Ilmenau deckt schwer der Stein, und die hier einst voll froher Lust sich in geträumten Leben ein Abbild des wirklichen erschufen, im schmerzlichsüßen Klang von Geige, Waldhorn und Fagott die Seele wiegten, sie liegen alle still und stumm in ihren Särgen in der Fürstengruft in Weimar — Väter, Söhne und Enkel.
Noch einmal naht Vergangenheit, wenn man am Marstall vorbei zu dem alten Gasthof schlendert … die Straße seltsam ein Bild aus dem 18. Jahrhundert, der Garten, von Flieder und Jasmin ganz eingesponnen, noch immer genau so wie damals als hier Christiane mit den »Lustigen aus Weimar« gesessen, zu Pfingsten und wenn die Rosen blühten und auch im Herbst, wenn die Kastanien schon Rauschgold auf alle Wege streuten.
Als 1816 Goethes langjähriger Kutscher, der treue Dienemann, der ihn so oft nach Karlsbad gefahren, heiratet, verschafft Christiane ihm durch Fürsprache die Pacht des Schloßgasthofs. Ihr Tagebuch meldet am 8. April: »Dienemann und seine Frau ziehen ab. Ihr Wirtschaftsgeräte nach Belvedere. Die neue Köchin tritt an.«
Sie hat gewiß gedacht, dem vertrauten Mann hier oben noch oft zu froher Stunde zu begegnen. Aber wenige Wochen später ist sie schon tot, und Goethe gesteht schmerzlich, daß der ganze Gewinn seines Lebens sei, ihren Verlust zu beweinen.