Zwei Zimmer. Die Decke des ersten wieder von Öser, diesmal die vier Jahreszeiten. An der Wand einsam eine italienische Landschaft. Ein dünnes Tischchen Gegenstück zu einem anderen in Tiefurt. Das zweite, das Schlafkabinett, merkwürdig durch zwei Spiegel in der Fensternische, die so gestellt sind, daß sie den Betrachter unendlich vervielfältigen. Und das ist alles. Aber wenn man daran denkt, daß Goethe in diesen Räumen wahrscheinlich jenen Brief an Frau von Stein geschrieben hat, der Bande zerriß, die für ein Leben geknüpft erschienen, kann man sich eines leichten Schauers nicht erwehren, fühlt man Goethe-Atem auch hier und sucht nach irgend etwas, was die Erinnerung davontragen könnte.
Aber es bleibt nur der Blick durch die Fenster, und auf Busch und Baum des Parks hat wohl auch damals sein Auge geruht, das Trost suchte und doch nicht fand.
So geht man denn auf leisen Wegen in den Park, der weit und ruhig das Schloß umgibt. Die Sonne ist im Sinken. Schon liegt die Gartenfront in blassen Schatten, auf dem Dach sitzen die Amseln und singen ihr Abendgebet. Ihr Lied ist der einzige Laut, der die unendliche Stille belebt.
Es sind Wege Goethes, die man geht. Wie die Anlagen an der Ilm und die Allee, die von Weimar hierher führt, ist der Park von Belvedere sein Werk, — wenn ihm auch der alte Herzog Ernst August mit seinen barocken Wunderlichkeiten und Anna Amalia, die sie wieder tilgte, vorgearbeitet haben … sein und Karl Augusts Werk. Die leidenschaftliche Hingabe an die freie, unverstellte Natur, das »Erdgefühl«, das damals unter Goethes Einfluß den ganzen Weimarer Hof beherrschte, vertrug die Schnörkelwege nicht mehr, die die steife Mode der Vergangenheit in den alten Wald geschnitten hatten. Der Park von Wörlitz wird Vorbild, dem nahezukommen der Fürst und sein Minister sich bemühen; ging doch die allgemeine Neigung jetzt auf derartige »ästhetische Parkanlagen« aus.
Die Äußerungen Goethes darüber aus jungen Jahren sind spärlich. Ein paar belanglose Briefstellen, ein paar Tagebuchnotizen — mehr ist nicht zu finden. Später, in den achtziger Jahren, schreibt er wohl einmal an Frau von Stein, daß er nach Belvedere gehen und seine »botanischen Augen und Sinne weiden« wollte; oder daß er dort mit dem Gärtner »allerley botanica zu tracktieren« habe. Erst der alte Goethe wird mitteilsamer. In seiner umständlichen Art erzählt er 1822 in einem »Schema zu einem Aufsatze, die Pflanzenkultur im Großherzogtum Weimar darzustellen«, wie im Anschluß an die Arbeiten an der Ilm die Verschönerung des Parks von Belvedere in Angriff genommen und durchgeführt worden ist. Dabei werden auch die Beamten genannt, die sich um Belvedere verdient gemacht haben, so der Hofgärtner Reichert und der Garteninspektor Sckell, auch der Legationsrat Bertuch aus Weimar, der sechzehn Jahre hindurch die Verwaltung geführt hat, wird lobend erwähnt. Vor allem aber war man bemüht, als Ausbau der Orangerie einen botanischen Garten von wissenschaftlichem Wert zu schaffen, und »die eifrige Vermehrung bedeutender Pflanzen neben den immerfort ankommenden Fremdlingen macht«, wie der Greis in jenen späten Aufzeichnungen erzählt »die Erweiterung in Belvedere, sowohl auf dem Berg als in dem Tal gegen Mittag gelegen, höchst nöthig. In der letzten Region werden Erdhäuser nach Erfindung Serenissimi angebracht, in der letzten Zeit ein Palmenhaus erbaut von überraschender Wirkung«.
Und noch einmal kommt er, 1830, auf diese Parkarbeiten zurück, als er, damit beschäftigt, aus Erinnerung und Tagebuch die Chronik seines Lebens in »Tag- und Jahresheften« zusammenzustellen, das »Louisenfest« beschreibt. Am 9. Juli hatte die Herzogin Louise Geburtstag. 1778 feiert ihn der weimarische Hof in einem Gartenfest, und der Greis, außer Knebel der einzige noch Lebende von allen denen, die es mitgemacht, nennt es »auch für uns noch merkwürdig, als von dieser Epoche sich die sämtlichen Anlagen auf dem linken Ufer der Ilm, wie sie auch heißen mögen, datiren und herschreiben«.
Die Welt, die sich vor einem auftut, wenn man die schönen Gittertore der Orangerie durchschreitet, ist noch in allem die Goethes. Die Menschen aus »Wilhelm Meister« haben hier ihr Klima. Die ganze Anlage, die ja in der Hauptsache noch von Ernst August stammt, ist bestes Rokoko. In mächtigem Halbrund säumen die Gewächshäuser den Garten, der, groß und leer, auf die Oleander- und Orangenkübel wartet; wo die Flügel zusammenstoßen, liegt, gleichzeitig Endpunkt der Allee, das schloßartige Haus des Gärtners mit seiner gelben, leicht eingebuchteten Front.