Ganz Erinnerung auch das »Japanische Zimmer«, das einen Teil der Schätze birgt, die Prinz Bernhard, der holländischer General war, von seinen Weltreisen mit heim in das enge Belvedere gebracht hat. Die dunkelblaue Tapete, schwere gestickte Seide, flammt in verhaltener Glut, in den schwarzen Schränken gleißt das Perlmutt und Elfenbein, um die Bronzen, die Vasen, die Lackarbeiten schwingt der Zauber ferner Abenteuer. Man denkt an holländische Schlösser, wo ganze Säle voll von diesen Dingen sind …

Das Carl Alexander-Zimmer, den östlichen Kuppelsaal, überwölbt wieder ein wolkiger Himmel. Er blickt, im Lauf der Jahre grau geworden, auf totes Mobiliar herab, das hier wahllos beiseite gestellt ist, hochbeinige Sekretäre und wuchtige Kommoden, gesprungene Spiegel und verstaubte Bilder. Die Miniaturen, die ein großer Wandschirm trug, hat der letzte Großherzog kurz vor dem Sturze sich an einem trüben Novembertage noch geholt; jetzt sieht man auf der ausgefahlten Seide nur noch die Stellen, wo sie hingen, — kleine dunkelrote Rechtecke und Ovale, die von einer wehen, herben Stunde erzählen! Und die Begassche Büste der Kaiserin Augusta, die hier verloren steht, mag den Flüchtenden bitter an den einstigen Glanz des Hauses gemahnt haben, das so ruhmlos enden mußte.

Bleibt noch das »Lämmerzimmer«, ein Salon der Großherzogin Sophie, der den Lämmern in den verblaßten, seidengewirkten Tapeten aus der Zeit Anna Amalias den wunderlichen Namen dankt. Sessel stehen behaglich um einen runden Tisch, auf einem Eckschrank leuchtet, zwischen alten Photographien, erlesenes Porzellan, der Meißener Kronleuchter prunkt in tausend Farben … die, die hier oft in stiller Abendstunde gesessen, könnte wieder eintreten, sie würde alles finden, wie sie es verlassen, alles. Aber sie tritt nicht ein, und nie wieder wird hier Tee getrunken werden.


»Und Goethe?« Jawohl. Aus dem Hellen geht's ins Dunkle. Eine enge Treppe schraubt zwischen dumpfem Mauerwerk sich langsam in die Höhe. Die morschen Stufen, so lange nicht betreten, knarren. Einmal streicht die Hand unwillig ein Spinnennetz hinweg, das häßlich-kühl um Stirn und Kopf sich legte … bis man dann plötzlich in der hellen Sonne steht, oben auf dem Dachaufsatz, aus dem, achteckig, der fensterreiche Turm emporsteigt, ein Gartenpavillon in luftiger Höh'. Der Blick reicht weit ins Land von hier aus, in grünen Wellen breiten sich ringsum des alten Ernst August Jagdgründe. Sein Porträt, von unbeholfener Hand gemalt, schmückt auch die Mitte der Decke, und um ihn herum paradieren, reichlich dekolletiert, seine acht Geliebten. Regen und Nässe haben hier und da die Gesichter zerfressen, die Farbe ist abgeblättert, und über die Wände kriecht häßlich der Schwamm und löst die alten Delfter Kacheln aus dem Mörtel.

Hier haben Goethe und Carl August in den ersten Jahren, als noch die wilde Jugend des Herzogs überströmend nicht Ziel, nicht Grenze kannte, oft in ausgelassener Gesellschaft gezecht … sie wollten, aus guten Gründen, keine Zuschauer dabei, und das »Tischlein deck dich«, ein Speisenaufzug, der immer neu besetzte Platten aus der Tiefe hob und jegliche Bedienung überflüssig machte, stammt aus jener Zeit. Das mag lustig genug gewesen sein, wenn so die Wildschweinsköpfe, die Fasanen, die Rehrücken und die Torten hier wie durch Zauberhand vor den Tafelnden erschienen. Und das Singen und das Lachen und der Lichterschein mögen das Getier, das nachts um solche Türme flattert, die Dohlen und die Fledermäuse, recht verdrossen haben. Drang es doch gar bis Weimar, und die ehrsamen Bürger haben genug darüber spektakelt …

Carl Alexander, der Enkel, hat dieses »Tischlein deck dich« dann auch ein paarmal benutzt, allerdings in etwas soliderer Runde. Zum letztenmal 1896, kurz bevor er nach Moskau zur Kaiserkrönung fuhr. Der Kastellan, der jetzt das Schloß betreut, hat damals mit in dem unter dem Turm gelegenen Anrichteraum die Speisen und die Weinflaschen in die Höhe gedreht. Ein Blick in diesen Raum zeigt jetzt wüstes Durcheinander. Die Flaschenzüge sind mürbe geworden, im Holze tickt der Wurm, die Spinnen haben alles mit grauen Schleiern überhäkelt. Und die Mäuse, die hier nachts von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel huschen, sind das einzige Leben, das in dieser Öde sich noch regt.

»Und wo hat Goethe gewohnt?« fragt man, schon wieder in der Vorhalle und Hut und Stock in der Hand … denn 1789 zum Beispiel, damals, als er an Charlotte die schweren Abschiedsbriefe schrieb, ist er mit dem kleinen Erbprinzen sogar acht Tage lang in Belvedere gewesen. »Etwa in den Kavalierhäusern?«

Der Kastellan stößt rechter Hand die Tür auf: »Angeblich hat er hier gewohnt!«