Ist alles tot …

Das Wort begleitet. Dämmerige Luft schlägt kühl dem Eintretenden entgegen — die Luft, die Truhen atmen, die lange nicht geöffnet wurden, halb Staub und halb Lavendel.

Da die Eingangshalle! Auf den blauweißen Kachelwänden tanzen verlorene Sonnenkringel. In zwei Armen schwingt sich die Treppe, von japanischen Vasen flankiert, schön zum ersten Stock; auf halber Höhe springt aus der Treppenwand, wie eine Theaterloge, ein zierlicher Balkon … Hat Goethe die Halle so gesehen? Kaum. Mit den Delfter Kacheln ließ erst die Gattin Carl Alexanders, die spätere Großherzogin Sophie, die niederländische Prinzessin war, Wand und Treppe auslegen, und auch das silberne Geländer, die Vasen, die Leuchter, die Bilder stammen erst aus jüngerer Zeit. Ganze Geschlechter haben hier ja ihren wechselnden Geschmack, ihre Moden, ihre persönlichen Liebhabereien hineingetragen, und an die Tage, da in Belvedere Carl August und Louise Hof hielten, erinnert nicht mehr allzuviel. Nur die Allegorien Ösers haben schon damals von der Decke des mächtigen Speisesaals herabgeschaut, im roten Wartezimmer sich die Hofdamen an den blassen Reliefgemälden Reyers erfreut, in kalten Frühherbsttagen die Fayencekamine die Fröstelnden um ihre Glut versammelt. Und hier und da erzählen auch noch verschlissene Gobelins, verblaßte Tapeten, erblindete Spiegel von dieser Zeit.

Und wie man so durch die stillen Zimmer wandert, geben die, die einstmals hier gewohnt, schattenhaftes Geleit. Die alten Namen klingen, der Kastellan, in langem Hofdienst ergraut, zählt sie mit feierlicher Stimme auf. Ein ganzes totes Jahrhundert bedrängt die Seele. Ringsum häuft auf Konsolen, Tischchen, Etageren, Säulen sich das Vielerlei von Andenken, Bildern und Nippsachen, das ihnen einst ihr Leben liebgemacht, das bric à brac verwöhnter Menschen; von den Wänden lächeln in goldenen Rahmen sie selbst und die, die ihrem Herzen nahestanden, und aus alten Kupfern und Aquarellen steigt der Duft der Landschaften und Städte, die ihnen auf Reisen Glück und Erlebnis gewesen … Leben, das längst Staub und Legende, erhält für Augenblicke wieder Blut und Atem.

Da ist der Teesalon Carl Augusts, vom Treppenhaus durch Spiegelscheiben getrennt, in die Pflanzenornamente eingeätzt sind. Der ganze Raum, in mattem Blau und Silbergrau gehalten, reines Rokoko: Regentschaftsstil. Filigran überrankt Spiegel und Wände, an der Decke flattern, von Öser gemalt, phantastische Vögel um zierliche Volieren. Die drei Fenster rahmen das ferne Weimar. Die »Kaiserzimmer« dann erinnern an die Kaiserin Augusta, Carl Friedrichs und Maria Paulownas eine Tochter, die hier oft geweilt; ein weißes Schlafzimmer, das ganz modern anmutet, hat 1898 die junge holländische Königin, eine Nichte der Großherzogin Sophie, später die frühgestorbene Erbgroßherzogin Pauline, die erste Gattin Wilhelm Ernsts, bewohnt. Seit 1904 steht es verwaist … ein süßer, heimlicher Traum. Finsterer Prunk dagegen füllt das Sterbezimmer Maria Paulownas, den westlichen Kuppelsaal. Aus den Mittelfenstern blickt man in den »Russische Garten«. Das riesige goldene Bett steht wie ein Katafalk unter der hohen Kuppel — die Liegende sah in den Himmel: gemalte Wolken verhüllen das Gewölbe. An dem einen Fenster ein Stehspiegel aus türkisblauem Porzellan, in der Nische ein pompöser Lapislazuli-Schreibtisch, alles schwer und wuchtig, der Geschmack eines Landes, dessen immer noch barbarische Instinkte in wilder Pracht Entfaltung suchen. Ein halbvollendetes Nähkästchen, zierliche Handarbeit, erzählt von den letzten Stunden der Großfürstin.

Sie ist es auch gewesen, die über das ganze Schloß die unzähligen Bilder und Andenken aus Rußland verstreut hat. Sie hat Belvedere sehr geliebt. Es ist ihr eigentliches Heim gewesen. 1824 hat ihr der alte Goethe, der der Fremden ganz ergeben war, ein Bildchen geschickt: »Schloß Belvedere in der Abendsonne«, er hat darunter geschrieben:

»Erleuchtet außen hehr vom Sonnengold,
Bewohnt im Innern traulich, froh und hold.
Erzeige sich Dein ganzes Leben so:
Nach außen herrlich, innen hold und froh.«

Und eine entzückende Tuschzeichnung von Diez, aus dem Jahre 1850, die in einem der kleineren Salons hängt und sie als reife Frau darstellt, zeigt als reizende Staffage im Hintergrunde ebenfalls den Lieblingsaufenthalt: in den Park gebettet Schloß Belvedere.

Ein paar Räume weiter das »Aquarellzimmer«, einst der Musiksalon der Herzogin Johann Albrecht. Die Bilder, die es schmücken, schenkten den Namen. Es atmet französische Eleganz, die leichte Eleganz der siebziger Jahre. Alabasterlampen, Bronzen, japanische Wandschirme, Schildpatt- und Cloisonné-Arbeiten geben ein Interieur der Zeit, wie wir es auf frühen Bildern Albert von Kellers sehen. Ganz noch die Welt des Rokoko dagegen der Speisesaal im Mittelbau der Parkfront, ein königlicher Raum. Köstlich ist die weiße Stuckdecke mit dem Öserschen Olymp, köstlich die Marmorkamine mit den riesigen Spiegeln darüber, in denen der wundervolle venezianische Lüster vielfältig glitzert, köstlich das schimmernde Parkett. Jetzt wohnt hier die Einsamkeit. Die gelbseidenen Polsterstühle um die Tafel herum schützen graue Bezüge, Zwielicht schattet um die dunkelroten Säulen, und leise fällt der Staub und deckt das alles zu. Nur noch ein vager Duft, ein Duft von welken Blumen und von Kerzen, die lange nicht gebrannt, mahnt an verschollener Tage Glanz und Geigenklang.

Und so das Übrige, Zimmer an Zimmer. Einmal bannen ein paar dunkle Gemälde, die hellblaue Tapete, auf der sie hängen, gibt den Gestalten seltsames Leben. Das eine die Kinder Carl Augusts: der Erbprinz Carl Friedrich, die Prinzessin Caroline und der kleine Prinz Bernhard, gemalt von Tischbein. Holdes Kinderlächeln verklärt die höfische Grandezza, die Augen verschleiert leise Müdigkeit. Das andere Maria Feodorowna, die Kaiserin, die Mutter der Maria Paulowna, strahlend von Schönheit und Brillanten, ein Meisterwerk des jüngeren Lampi. Und daneben, blasser, von unberühmter Hand, Carl Friedrich und die Maria Paulowna. Erinnerung schmückt die toten Bilder mit Flor und Immortellenkranz …