Da schreibt sie tröstend auf die Rückseite des Billetts: »In Belvedere seh ich Sie heute.« Und ein andermal erklärt er: »Ich liebe Belvedere wo ich dich heute sehn werde.« Auch gemeinsame Spazierfahrten werden so möglich. Im Mai 1781, beide sind zu »Cour und Konzert« gebeten, bittet er sie, da ihn der Wind wieder am Reiten hindere, ihn im Wagen mitzunehmen, und am 26. Mai 1784 macht er ihr den Vorschlag: »Gegen Abend dächte ich besuchten wir das Prinzgen in Belvedere und führen über Oberweimar wo wir beym alten Docktor absteigen könnten um sein Wetterbeobachtungs Musäum zu besehn.«
Schloß Belvedere
Das südliche Hauptportal neben den Fenstern der Goethe-Zimmer
So wirft die große Liebe zwischen Goethe und Frau von Stein Abglanz auch auf Belvedere, — wie es zwischen 1776 und dem bösen Jahre 1789, das den Bruch bringt, ja überhaupt keinen Ort gibt, der nicht durch irgendwelchen Gedankenaustausch in Beziehung zu dieser Frau steht. Es ist ein schwacher Widerschein nur, und die heiße Inbrunst, die andere Briefe fast versengt, fehlt hier. Dafür entschädigt eine süße, selbstverständliche Innigkeit: »Ich liebe Belvedere wo ich dich heute sehn werde …« zarter kann niemand Liebe eingestehen!
Um so tragischer ist es, daß Zufall ihn, nach Jahr und Tag, gerade hier jenen bitteren Brief an die Geliebte, fast ihm schon Entschwundene schreiben läßt, der halb Entschuldigung, halb Anklage ist. Und der das mürbe und brüchig gewordene Band ganz zerreißt. Das kleine G. und das Datum »Belveder d. 1. Juni 1789« stehn unter diesem Briefe wie ein Todesurteil.
Noch einmal klingt später, fast ein Menschenalter später, als die heißen Herzen längst kühl und müde geworden, aller Groll schlafen gegangen, beide sich in behaglicher Altersfreundschaft wieder zueinander gefunden, flüchtig in einem Brief Charlottens der Name Belvedere auf. »Mögen Ihnen, mein guter Geheimerath,« schreibt sie am 27. Februar 1816 an Goethe, als dieser zur Stiftung des Falkenordens nach Belvedere fahren muß, »die rauhen Lüfte nicht schaden, die mich unlieblich gestern in Belvedere angeweht haben. Ihre Sie verehrende Freundin von Stein.«
Ein Nichts, eine Bagatelle. Aber ob sie nicht beide da doch der Zeiten gedacht haben, wo sie gemeinsam nach Belvedere zur Cour gefahren, gemeinsam an der Tafel gesessen, gemeinsam durch den abendlichen Park geschlendert? Nicht auch des Briefs vielleicht, der das alles dann zerstört und der aus Belvedere datiert war?
Wer will es wissen? Es hat keiner von ihnen darüber gesprochen …
Ein Schritt knarrt über den Kies, ein Schlüsselbund klirrt: der Kastellan. Noch immer spielen über dem Brunnenbecken die dunklen Falter. Der alte Mann sieht sie auch. Er nickt. »Ja, früher sprang hier die Fontäne!« meint er. »Aber diesmal haben wir noch keine Order bekommen. Von wem auch?« Und er seufzt: »Der Gärtner wollte auch schon die Orangen und die Palmen 'rausbringen. Aber die neuen Herren da unten wollten es nicht. Man wüßte doch noch nicht, was überhaupt mit Belvedere würde. Ja.« Und während er die Gittertüre aufschließt, die das niedrige Portal schützt: »Sonst sah's hier oben schon so hübsch aus. Aber jetzt ist alles tot!«