Damit beginnt für Belvedere die große Zeit, beginnt auch die große Zeit Weimars. Über ein Jahrhundert ist das Schloß nun Sommeraufenthalt der fürstlichen Familie, und erst dem Urenkel, dem jetzt vertriebenen Großherzog, haben die Räume, in denen alle seine Vorfahren sich behaglich gefühlt haben, nicht mehr genügt. Er hat Belvedere mit dem modern ausgebauten Wilhelmstal bei Eisenach vertauscht.
1775, im November, aber ist auch Goethe nach Weimar gekommen. Sein Stern leuchtet hell auch über Belvedere.
Am 12. September 1776 schreibt Goethe an Charlotte von Stein, die rasch gewonnene Geliebte: »Gestern war ich in Belveder. Louise ist eben ein unendlicher Engel, ich habe meine Augen bewahren müssen, nicht über Tisch nach ihr zu sehn — die Götter werden uns allen beystehn …«
Das ist, sieht man vom Tagebuch ab, seine erste Äußerung über Belvedere — sparsam genug. Kein Wort über Schloß und Park, wo er sonst doch jeden Eindruck, den Natur und Kunst ihm bieten, geradezu verschwenderisch umschreibt. Nur: »Louise ist eben ein unendlicher Engel.«
Hat ihr Bild das der Landschaft verdunkelt, ihr trauriges Geschick, schon damals, ein Jahr nach der Hochzeit, offenbar, alle Anteilnahme seines Herzens in Anspruch genommen? Oder hat er alles, was er schildern könnte, bei Charlotte, die als Frau des Oberstallmeisters zur Hofgesellschaft gehörte und also oft genug in Belvedere war, als bekannt vorausgesetzt? Wir wissen es nicht. Auch später wird er nicht ausführlicher. Wo er Belvedere in den sonst so mitteilsamen Briefen an Charlotte erwähnt, geschieht es kurz, nie wird es mehr als flüchtig hingeworfene Notiz. »Ich erwarte das Pferd, um nach Belvedere zu reiten. Die Waldnern soll schön geplagt werden,« heißt es am 21. Mai 1777. Oder, ein paar Tage später: »Ich reite nach Belvedere um Steinen zu sprechen.« Am 8. Juni: »Heute sehe ich Sie doch wohl in Belvedere!« Und ein wenig inhaltreicher am 12. Juni: »Heut früh war ich in Belveder, und haben gefischt und auf der Stelle gebacken, ich und der Waldnern Charlott, ein trefflich Essen bereitet.«
Diese Zeilen geben uns wenigstens ganz den jungen Goethe. Er ist zu Hof befohlen und stiehlt sich mit der niedlichen Hofdame der Herzogin Louise ins Grüne, um an einem der Teiche am Parkrand zu fischen. Fängt auch ein paar Fische und brät sie an Ort und Stelle. Aber für die bizarre Schöpfung Ernst Augusts, dessen geistige Physiognomie er doch einmal in einem frühen Briefe an den Herzog nach einem zufällig gefundenen Porträt so ausgezeichnet analysiert hat, findet er kein Wort, nur das Tagebuch registriert einmal kurz: »Die Ruinen ruiniert«, d. h., man säuberte den Park von den ›altmodisch‹ gewordenen Spielereien Ernst Augusts. Der herrliche Wald nach Buchfart mit seinen wilden Felspartien entlockt ihm keinen Jubelschrei, der Blick auf Weimar keinen Sehnsuchtslaut, während er doch in Ettersburg, die abendliche Stadt zu Füßen, dieser Sehnsucht in »Wanderers Nachtlied« erschütternden Ausdruck gibt …
Vielleicht hat das steife Hofleben in Belvedere — die Herzogin hielt sehr auf Etikette — derartige Empfindungen nicht laut werden lassen. Dieses Hofleben beherrscht auch fast ganz die spärlichen Briefstellen, in denen Belvedere überhaupt erwähnt wird, und zwischen den Zeilen steht oft genug, daß ihm die »Cour in Belweder« durchaus nicht immer Spaß gemacht hat. So seufzt er am 9. November 1778: »Zu Anfang künftger Woche wirds von Belvedere hereinkommen, und ich werde auch für diesmal die Sorge für Fusböden, Ofen, Treppen und Nachtstühle losseyn, bis es wieder von vorn angeht.« Und am 27. Mai 1781, nachdem er wenige Tage zuvor ergeben verzeichnet hat: »Heute bin ich wieder ein Hofverwandter«, schreibt er an Charlotte gar: »Ich hatte schon alles zusammengepackt und wollte Ihnen Vorrath auf heute schicken, als mir der Herzog sagen läßt, ich mögte zu ihm hinauf kommen, und mir also die Ruh und Hoffnung auf den ganzen Tag genommen ist … die Hofnoth steh ich nicht den ganzen Tag mit aus.«
Doch ist ihm diese »Hofnoth« manchmal auch ganz willkommen, wenn sie ihn mit der geliebten Frau zusammenbringt. Als Charlotte im Oktober 1778 nach Kochberg auf ihr Gut geht, klagt er:
»Von mehr als Einer Seite verwaist
Klag' ich um deinen Abschied hier.
Nicht allein meine Liebe verreist,
Meine Tugend verreist mit dir.«