Belvedere … schon der Name beschwört ein längst verwehtes Gefühlsklima. Die Welt Watteaus steigt auf. Man denkt an Schäferspiele und galante Feste. Die Fürsten Deutschlands, so lange eingewinkelt in die engen Mauern ihrer finsteren Burgen, bauen kokette Lustschlösser und borgen sich bei Frankreich und Italien die anmutig klingenden Namen dafür. Überall spukt Versailles, fremd glitzern in den stillen deutschen Gärten hinter Taxushecken und vergoldeten Gittern die »Monbijou« und »Monplaisir«, die »Sanssouci« und »Bellevue«.

In Weimar regiert Ernst August, ein üppiger, prachtliebender Herr, der gern in stolzer Kavalkade auf die Jagd reitet, teure Reisen macht und sich im übrigen in der alten Wilhelmsburg mit ihrem Wall und Graben durchaus nicht wohlfühlt. Auch er träumt von Versailles, auch ihn packt das Baufieber, das damals an den deutschen Höfen grassiert und die seltsamsten Blüten treibt. Italienische Architekten erscheinen in Weimar, Pläne werden entworfen, vernichtet, neu entworfen. Der Herzog selbst, ein wenig roh zwar, aber keineswegs ohne eigenen Geschmack und Kunstverständnis, sitzt tagelang ehrlich hingegeben über den Rissen der fremden Künstler, und wenn die Enkel Palladios seine Residenz naserümpfend ein elendes Nest nennen, gibt er ihnen recht und verrennt sich immer mehr in seine kostspieligen, das Land unmäßig belastenden Verschönerungsideen. So entsteht auf bewaldetem Berghang bei Ehringsdorf, eine knappe Stunde Wegs von Weimar, als Jagdschloß gedacht, zuerst Belvedere. Eine alte Chronik erzählt darüber: »Als aber Ihro Hochfürstliche Durchlaucht Herzog Ernst August die ungemeine schöne Lust Gegend ansahen, so traffen Höchstdieselben mit der Ehringsdorffischen Kirche einen Tausch, und gaben derselben an dessen Statt ein Holtz an so genanntem Kettendorfer Berge, und erbauten in diesen Frauen-Holtz ein Lust-Schloß nebst noch andern schönen Gebäuden, versahen solches rings herum mit Mauern, und nannten es wegen der schönen Aussicht Bellevüe oder Belvedere …«

1724 beginnt man mit dem Bau, 1732 ist er vollendet — ein wenig wunderlich in der Anlage, die die Flügel in Einzelgebäude zerlegt, die Front durch die Säulendurchfahrten zerreißt, aber im ganzen doch hübsch und gefällig in der Wirkung. Er spiegelt mit all dem krausen Beiwerk, das den Berg überspinnt, dem Marstall, der Orangerie, der Menagerie, der Fasanerie, den Tempeln, Grotten und versteckten Lauben, getreu die barocke Laune, der es das Dasein dankt, und betont doch gleichzeitig gebührend, trotz aller ländlichen Bescheidenheit, Rang und Würde des fürstlichen Bauherrn. Joh. Heinr. Acker, ein Gymnasialdirektor aus Altenburg, preist schon anno 1730 die »Augustische Bellevüe« in einer langatmigen Ode als ein »Lust-Haus der Philomelen«, und aus dem unbeholfenen Schwulst seiner Verse steigt rührend die »sonderbahre« Schönheit des Schlosses auf:

»Was Welschland recht und zierlich bauet
Wird hier in gleichem Strich, und gleichem Glanz geschauet.
Man siehet ja recht Königliche Zimmer
In vollem Schimmer.

Der Römer August baute schön,
Statt Ziegeln ließ er Marmor sehn,
Allein August, der Held von Sachsen,
Bey dessen Raute Kunst und Wissenschaften wachsen,
Baut aus Metall und Porcellan Paläste
Für Götter Gäste …«

Der eigentliche Baumeister von Belvedere ist unbekannt. Vielleicht ist es der Italiener Struzzi gewesen, der etwas später für Ernst August das reizende Rokoko-Schlößchen in Dornburg gebaut hat. Manche Ähnlichkeit spricht dafür, aber Gewisses ist nicht zu ermitteln. Auch Ettersburg, zur gleichen Zeit in Anlehnung an italienische Renaissance-Villen erbaut, verrät nichts. So schnell, wie sie gekommen, sind sie auch wieder aus Weimar verschwunden, die fremden Künstler, und nur in dem Namen Belvedere und in manchen Einzelheiten des eigenartigen Baus schwingt noch etwas von ihrem grazilen, südlich-lebhaften Wesen.


Schicksal hat das Schloß eng verflochten mit dem Leben vieler Menschen. Ernst August, der's erbaut, wie Goethe nach einem Porträt urteilt: »bey übrigen trefflichen Anlagen Tyrann«, ist 1749 gestorben, einem Kind sein Erbe lassend, und Schloß und Garten verwildern. Häßlich schreien nachts die Pfauen in ihren goldenen Käfigen, kreischen die Affen, die hier das Gnadenbrot erhalten. So findet es Anna Amalia, als der Sohn, achtzehnjährig und seit einem Jahre Herzog, die braunschweigische Prinzessin im März 1756 hier als junge Frau hinaufführt. Und gewinnt es lieb für immer. Neuer Glanz belebt das Verfallene, die stillen Säle und Zimmer füllt frohes Lachen. Als Ernst August Constantin nach zwei Jahren stirbt, wählt die Witwe Belvedere als Sommerresidenz. Der Park wird von den Schnörkeln und den Arabesken Ernst Augusts, überlebten Spielereien, die dem gesunden Geschmack der jungen Fürstin nicht behagen, gesäubert, die »Mauren« fallen, die jeden Blick in die Außenwelt wehrten, und den jungen Prinzen Carl August und Constantin, die hier Kindertage verleben, lächelt unverfälschte Natur.

Fast zwanzig Jahre bleibt es so. Das Leben in Weimar geht still seinen Gang. Carl August wächst heran — in nur zu vielem ganz das wilde, ungestüme Blut des Großvaters. Kaum können Mutter und Erzieher den Dahinbrausenden halten. Einziges Ereignis ist in dieser ganzen Zeit der Schloßbrand vom Mai 1774. Die alte Wilhelmsburg wird Ruine, die Herzogin obdachlos und flüchtet in das Fritschsche Haus an der Stadtmauer, das spätere »Wittumspalais«. So ist in diesem Sommer, dem letzten von Anna Amalias Regentschaft, Belvedere allein Residenz. Im Jahr darauf besteigt Carl August den Thron, und in Belvedere zieht im Sommer 1776 des Herzogs junge Frau ein, die hessische Prinzessin Louise. Anna Amalia siedelt, schweren Herzens, nach Ettersburg über.