Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort;
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ist's, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns alle wohlbekannt.
Montag reizet uns die Bühne;
Dienstag schleicht dann auch herbei,
Doch er bringt zu stiller Sühne
Ein Rapuschchen frank und frei.
Mittwoch fehlt es nicht an Rührung;
Denn es gibt ein gutes Stück;
Donnerstag lenkt die Verführung
Uns nach Belveder' zurück.
Und es schlingt ununterbrochen
Immer sich der Freudenkreis
Durch die zweiundfunfzig Wochen,
Wenn man's recht zu führen weiß.
Spiel und Tanz, Gespräch, Theater,
Sie erfrischen unser Blut;
Laßt den Wienern ihren Prater;
Weimar, Jena, da ist's gut.
Und ein anderer Maitag. Ein Jahrhundert und mehr ist vergangen. Ein unseliger Krieg, der bitterste, den je ein Volk zu führen gehabt hat, liegt hinter uns, und vieles hat in Deutschland sich geändert. Auch Weimar hat keinen Fürsten mehr. Der höfische Glanz, der wohlgefällig sich in den zahlreichen Hoflieferantenschildern spiegelte, ist jäh in nichts zerronnen, die kleine Stadt ist jetzt allein auf ihre Erinnerungen angewiesen. Sie sind die alten geblieben: der Frauenplan, die Ackerwand, der Garten am Stern, das Römische Haus. Sie geben auch auf dem Weg nach Belvedere noch immer ergreifend das Geleit, wo von den Kastanien still die Blüten fallen. Ihre Zeit ist um. Ein rosiger Schaum, bedecken sie weithin die ganze Allee. Die ist gemach ein einziger großer Laubengang geworden, und der Enkel, der in ihrem grünen Schatten wandert, kann sich kaum mehr vorstellen, daß das jemals anders gewesen. Des jungen Goethe stolzer Traum ist herrlichste Erfüllung geworden.
Langsam klettert die Straße hügelan. Ober-Weimar, ganz von rotem Flieder umbrandet, bleibt zurück, Felder begleiten. Ab und zu ein Haus. Aber plötzlich steigt hinter steiler Rasenwand, von dunklen Baumbosketts gerahmt, die Schloßfassade auf — Vergangenheit, von Goldglanz überhaucht, blickt müde und verschlafen aus toten Fenstern auf den Fremdling, der ihr sich naht mit bannender Gebärde, und seltsam mengt sich in den Duft des jungen Sommers, der über Busch und Wiesen flügelt, der strenge Hauch von welkem Laub, das irgendwo vermodert. Und wie die breite Allee nun schmaler Weg wird und sich behutsam näher schlängelt — kein Gitter, keine Mauer trennen die Welt des Gestern und des Heute —, merkt man, daß hier das Leben längst gestorben ist. Historie hält Schloß und Park gefangen, die Wirklichkeit wird Traum, wird Märchen.
Verhaltenen Atems wandert man um das Rondell, das vor der langgestreckten Front liegt. Der Brunnen in der Mitte ist versiegt, das Becken ist vertrocknet. Wo früher plätschernd die Fontäne stieg, spielen zwei dunkle Falter, und in den steinernen Schilderhäusern neben dem Altan hockt die Einsamkeit und träumt in die Stille. Es ist so still, daß in der Erde man das Echo seiner eigenen Schritte hört. … gespenstisch still.
Auch die Gebäude, die den weiten Vorplatz malerisch umgeben, schlafen: die sogenannten Kavalierhäuser, zwei kleine und zwei größere. Die gebrochenen Dächer, die bizarren Türmchen stehen vor der dunklen Parkwand wie Kulissen aus »Kabale und Liebe«. Aus dem einen, dem Haus des Kastellans, kräuselt dünner Rauch in die blaue Luft … das bißchen Rauch allein verrät, daß hier noch Menschen wohnen. Sonst alles ein leibhaftiges Rokoko — nur tot, so tot, daß einen fast ein leises Grauen beschleicht.
In einer Laube wartet man des Führers. Durch die Blätter kann man die goldene Schloßfront sehen. Sie glüht wie in geheimnisvollem Leben, um Turm und Kuppeln tanzt das Licht, der Schiefer gleißt wie flüssiges Silber. Da naht Erinnerung und plaudert von verschollenen Zeiten.